Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

Das Sanskritwort karma bedeutet wörtlich „Handlung, Tat, Werk“. Doch kein einzelnes Wort kann den ganzen Bedeutungsumfang erfassen, weshalb wir den aus dem Sanskrit übernommenen Begriff beibehalten, der inzwischen auch im Westen weithin verstanden wird. Um das vedische Konzept von karma wirklich zu verstehen, müssen wir weniger den Begriff wortgetreu übersetzen als das ihm zugrunde liegende Prinzip durchdenken.

Das Gesetz von Aktion und Reaktion

Madame Blavatsky, die den Begriff im 19. Jahrhundert in die Theosophie einführte, beschrieb karma wie folgt: „Karma ist das grundlegende Gesetz des Kosmos, das Wirkung und Ursache in der physischen, mentalen und psychischen Welt miteinander verbindet. Da keine Ursache ohne die entsprechende Wirkung existieren kann – von der größten bis zur kleinsten, vom kosmischen Umbruch bis zur Bewegung deiner Hand – und weil Gleiches Gleiches hervorbringt, ist karma das unsichtbare und anerkannte Gesetz, das mit Weisheit, Gerechtigkeit und Absicht jede Wirkung mit ihrer Ursache verknüpft und die Folge mit ihrem Urheber verbindet.“ Der österreichische SchriŌsteller und Antroposoph Rudolf Steiner verglich karma mit dem Naturgesetz des Gleichgewichts, wie es in Newtons dritem Bewegungsgesetz (1687) formuliert ist: „Auf jede Aktion folgt eine gleich große, entgegengesetzte Reaktion.“ Auch die Bibel verweist auf dieses Prinzip. Im Mathäusevangelium (16,27) sagt Jesus: „Denn der Menschensohn wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen, und dann wird er jedem vergelten nach seinen Werken.“ Der Apostel Paulus bekräŌigt dieselbe Idee (2 Kor 9,6): „Wer sparsam sät, wird sparsam ernten, und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“

Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

Diese Vorstellung war in der frühen Christenheit weit verbreitet – bis im Jahr 553 n. Chr. das Zweite Konzil von Konstantinopel die Lehre von der Wiedergeburt verurteilte und statdessen das Dogma einer einzigen Auferstehung festschrieb. Die Naturgesetze hören jedoch nicht auf zu wirken, nur weil man sie leugnet oder gesetzlich verbietet. Wer seine Hand ins Feuer hält, verbrennt sich , ob Kind oder Gelehrter, Gläubiger oder Skeptiker. Wenn jede Aktion eine entsprechende Reaktion bewirkt, können wir erahnen, wie verwoben das karmische Wirkungsgeflecht ist. Es muss jede menschliche Aktion erfassen und ihr eine angemessene Reaktion zuordnen, sei es in naher ZukunŌ oder in einem fernen Leben. Doch aus vedischer Sicht ist ein Gesetz keine blinde, mechanische KraŌ. Hinter jedem Gesetz steht ein Gesetzgeber. Wie also funktioniert dieses Gesetz, und wer garantiert seine gerechte Anwendung?

Kṛṣṇa: Der Zeuge und Lenker des karma

Die Bhagavad-gītā bekräŌigt, dass dieser höchste Gesetzgeber Kṛṣṇa ist. Als innewohnender Zeuge, das heißt als Paramātmā, die Überseele im Herzen eines jeden Lebewesens, beobachtet Er alle unsere Handlungen, Absichten und Wünsche. Im 13. Kapitel, beschreibt Vers 23 Ihn daher als Beobachter und Erlaubnisgeber. Das Gesetz des karma ist unparteiisch und exakt, was an den bekannten Spruch erinnert: „Gotes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.“ Die Anwendung dieses Gesetzes erfolgt nicht mechanisch, sondern unter götlicher Aufsicht, denn die Ordnung des Universums und seine Gesetze wirken nicht zufällig, sondern kommen von einem Gesetzgeber. Diese Sicht verleiht dem Prinzip der kosmischen Gerechtigkeit innere Kohärenz und eröffnet zugleich die Möglichkeit von Gnade, Führung und spirituellem Eingreifen, insbesondere durch Hingabe

(bhakti), die, wie wir noch sehen werden, karma sogar ganz außer KraŌ setzen kann. Kṛṣṇa sagt in der Bhagavad-gītā (18.61): īśvaraḥ sarva-bhūtānāṁ hṛd-deśe ’arjuna tiṣṭhati bhrāmayan sarva-bhūtāni yantrārūḍhāni māyayā „Der Höchste Herr weilt im Herzen aller Wesen, o Arjuna, und lenkt die Wanderung aller Lebewesen, die sich wie in einer von materieller Energie gebauten Maschine befinden.“ Śrīla Prabhupāda kommentiert diesen Vers folgendermaßen: Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, sitzt als Überseele im Herzen aller Lebewesen und lenkt ihre Bewegungen. Wenn das Lebewesen seinen Körper wechselt, vergisst es seine vergangenen Taten, doch die Überseele, als Kenner von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist Zeuge aller seiner Handlungen. Folglich lenkt die Überseele seine zukünftigen Handlungen je nachdem, was es aufgrund seiner Vergangenheit verdient hat. Das Lebewesen wird von seinem materiellen Körper getragen, der unter der Anweisung der Überseele von der materiellen Energie geschaffen wird, und sobald es in einen bestimmten Körper gelangt, ist es gezwungen, im Banne der jeweiligen körperlichen Bedingungen zu handeln. Wer zum Beispiel in einem schnellen Auto sitzt, kommt rascher voran als jemand, der in einem langsamen Auto sitzt, obwohl beide Fahrer gleich sein mögen. Ähnlich verhält es sich mit den Körpern der Lebewesen. Auf Anweisung der Höchsten Seele erschafft die materielle Natur einen bestimmten Körper für ein bestimmtes Lebewesen, damit dieses seinen vergangenen Wünschen gemäß handeln kann.

Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

Freier Wille und Vorherbestimmung

Da das Gesetz des karma universell, unfehlbar gerecht und exakt ist, stellt sich eine naheliegende Frage: Behalten Lebewesen überhaupt einen Handlungsspielraum? Die Antwort lautet: Ja. Freiheit ist eine untrennbare EigenschaŌ der Seele. Da die individuelle Seele ein winziger Funke der Höchsten Seele ist und die Höchste Seele über vollständigen und unbegrenzten freien Willen verfügt, besitzt auch die individuelle Seele freien Willen — in winziger, aber unabdingbarer Form. Dieser Handlungsspielraum geht niemals verloren, kann jedoch durch unsere eigenen Entscheidungen eingeschränkt werden. Ein Beispiel: Wer gegen die Gesetze des Staates verstößt, riskiert VerhaŌung und Gerichtsverfahren. Nach der InhaŌierung ist die Freiheit stark eingeschränkt, aber nicht gänzlich aufgehoben. Der HäŌling kann zwar nicht nach Mallorca reisen und dort am Strand liegen, aber er kann in seiner Zelle liegen, darin umhergehen oder sich hinsetzen und ein Buch lesen. Innerhalb der vom Strafvollzug gesetzten Grenzen bleibt ihm ein begrenzter Entscheidungsspielraum. Kooperiert er und folgt allen Anweisungen, bekommt er vielleicht wegen guter Führung Bewährung oder wird frühzeitig entlassen. Wenn er aber gegen die HaŌregeln verstößt, ist es „vorherbestimmt“, dass er die Folgen zu tragen hat – etwa EinzelhaŌ, in der sein Handlungsspielraum noch stärker eingeschränkt wird. Freier Wille ist in diesem Sinne zu verstehen. Unsere Freiheit ist echt, aber begrenzt. Wir sind gezwungen, „nach den Spielregeln“ zu handeln, also innerhalb des Systems zu leben, das durch die Gesetze der Natur geregelt ist. Wenn wir diese Gesetze missachten, tragen wir die Folgen in Form von karmischen Reaktionen. Jeder Körper bringt seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen mit sich. Ein Mensch mag den Wunsch haben, sich wie ein Vogel durch die LüŌe zu schwingen, doch wenn er mit ausgestreckten Armen von einer Klippe springt, wird er nicht fliegen, sondern stürzen und sich die Knochen brechen. Der menschliche Körper ist nicht für den Flug geeignet. Wir sind von den Naturgesetzen abhängig, und diese Gesetze wirken sich je nach Körperart verschieden aus. Der Mensch kann nicht frei in der LuŌ schweben oder unter Wasser atmen, doch Vögel und Fische sind dazu mühelos in der Lage. Wenn wir die Vielfalt der Lebewesen betrachten, erkennen wir, dass jeder Körper ein Fahrzeug ist, das für bestimmte Lebensbedingungen optimal konzipiert wurde. Unsere Freiheit wird daher nicht nur von unserem Willen, sondern auch von den karmischen und biologischen Bedingungen bestimmt, die unsere gegenwärtige Verkörperung formen. Was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet, ist seine Intelligenz. Viele Tiere besitzen materielle Fähigkeiten, die unsere weit übertreffen. Einige sehen besser als der Mensch, zum Beispiel Adler, Falken und Eulen. Bienen können sogar den ultravioleten Bereich des Lichtspektrums wahrnehmen. Andere Tiere hören besser, wie zum Beispiel Fledermäuse oder Delfine, die Ultraschallwellen registrieren. Der Geruchssinn des Hundes ist 100.000-mal stärker als der des Menschen, und manche Schlangen können Infrarotstrahlung wahrnehmen und so ihre Beute sogar nachts entdecken. Der wahre Vorteil des menschlichen Körpers besteht in seinem entwickelten Bewusstsein und seiner überlegenen Intelligenz, doch wenn der Mensch diese Gaben nicht zur spirituellen Erhebung nutzt, sondern hauptsächlich, um besser essen, schlafen, sich fortpflanzen und sich verteidigen zu können, dann ist er nicht viel besser als ein verfeinertes Tier. Ein vedisches Lehrsatz besagt: Unser gegenwärtiger Körper ist das Ergebnis früherer Wünsche und Handlungen, während unser zukünŌiger Körper das Ergebnis unserer heutigen Wünsche und Handlungen sein wird. Das folgende Beispiel mag dies verdeutlichen: Wenn jemand ein Medizinstudium aufnimmt, ist davon auszugehen,

Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

dass er zuvor erfolgreich die Grundschule und das Gymnasium abgeschlossen hat. Ohne entsprechendes Vorwissen wäre ihm die Zulassung zum Studium verwehrt worden. Wie er die Jahre an der Universität nutzt, entscheidet über seine ZukunŌ. Widmet er sich ernsthaŌ dem Studium und besteht alle Prüfungen, erhält er seine Approbation und kann als Arzt tätig werden. Verpasst er hingegen diese Gelegenheit und vertut seine Zeit, muss er sich mit einem schlechter bezahlten und weniger qualifizierten Beruf zufriedengeben. Doch auch diese ungünstigere Situation ist weder endgültig noch unveränderlich. Der Betreffende kann jederzeit die Initiative ergreifen, sein Wissen zu erweitern und sein Lebensumstände zu verbessern. Wir besitzen stets ein gewisses Maß an Eigenverantwortung und freien Willen, das es uns ermöglicht, unser Handeln bewusst zu gestalten. Doch sollten wir nie vergessen, dass wir zugleich den strengen Gesetzen der materiellen Natur unterworfen sind. Wer glaubt, sich über diese Gesetze hinwegsetzen zu können, wird unweigerlich meist durch leidvolle Erfahrungen eines Besseren belehrt. Entscheidungen werden im feinstofflichen Körper getroffen, insbesondere in den drei Funktionen des Geistes: Denken, Fühlen und Wollen. Unsere Art zu denken, zu fühlen und etwas zu wollen bestimmt unser Handeln, und unser Handeln wiederum bestimmt den grobstofflichen Körper und das Umfeld, in das wir geboren werden. Deshalb zielen alle Yoga-Systeme darauf ab, den feinstofflichen Körper – vor allem den Geist – zu reinigen, um das Bewusstsein auf eine höhere Ebene zu heben.

Das Gesetz des karma aus der Sicht der Aktion

In den Veden finden wir eine detaillierte Beschreibung verschiedener Handlungen und ihrer jeweiligen Auswirkungen. Der karma-kaṇḍa-

Abschnit, der sich mit rituellen Handlungen und Opfern und deren Ergebnissen befasst, empfiehlt zum Beispiel fromme Handlungen oder die Verehrung bestimmter Halbgöter, um reich oder berühmt zu werden, oder um Gesundheit, Schönheit oder Stärke zu erlangen. Wenn also jemand in diesem Leben wohlhabend, berühmt, atraktiv oder stark ist, kann man davon ausgehen, dass er in einem früheren Leben tugendhaŌ gehandelt hat und jetzt die entsprechenden Früchte erntet. Wie er jedoch diese Vorteile im gegenwärtigen Leben nutzt, ist nicht vorbestimmt. Das hängt von seinem freien Willen ab. Daher ist es keine Seltenheit, dass ein reicher, berühmter oder atraktiver Mann nicht unbedingt ein „guter Mensch“ ist. Dasselbe Prinzip gilt auch für unerwünschte Ergebnisse. Die Veden raten dazu, bestimmte Handlungen zu vermeiden, um Krankheiten, Misserfolge oder andere Unglücke zu verhindern. Wer sich an diesen Rat hält, wird entsprechend belohnt.

Das Gesetz des karma aus der Sicht der Reaktion

Wenn wir das Gesetz des karma aus der Sicht der Reaktion betrachten, erscheint es folgerichtig, dass alles, was uns im Leben widerfährt, ob angenehm oder unangenehm, eine Folge von Handlungen ist, die aus diesem oder aus einem vergangenen Leben stammen. Es handelt sich also nicht um blindes Schicksal, Pech oder eine Laune des Zufalls, sondern um die Auswirkungen unserer eigenen Entscheidungen. Aus diesem Grund begegnen wir manchmal Menschen, die ein gesundes und frommes Leben führen und dennoch schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Ein spirituelles Verständnis solcher Umstände legt nahe, dass die Wurzel allen Leids im eigenen Herzen liegt. Mit diesem Verständnis wird klar, dass alles, was einem Menschen widerfährt, einen Sinn hat, eine Lektion enthält und, wenn mit Demut und Innenschau angenommen, dazu dient, das Dasein zu reinigen und das Bewusstsein zu erheben.

Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

Evolution und Involution des Bewusstseins

Die vedischen SchriŌen betonen die Bedeutung der Entwicklung und Erhebung unseres Bewusstseins. Sie warnen jedoch auch vor der Möglichkeit eines Rückschrits, das heißt dem Abstieg auf eine niedrigere Bewusstseinsund damit Lebensstufe. Zwei Fragen werden im Zusammenhang mit der Wiedergeburt immer wieder gestellt: • Unterliegen auch Tiere dem Gesetz der Wiedergeburt, und können sie menschliche Körper erhalten? • Kann eine Seele von einem menschlichen Körper in einen tierischen oder gar pflanzlichen Körper wandern? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns zunächst an die vedische Definition von Leben erinnern: „Lebewesen zeigen Lebenszeichen, weil sie von der LebenskraŌ, einem Teilchen spiritueller Energie, belebt werden.“ Aus dieser Aussage folgt, dass der spirituelle Funke in jedem Organismus wohnen kann, der für Leben geeignet ist, sei es ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze. Die Seele ist sogar in den einfachsten Lebensformen, wie Mikroben, zu finden. In der Bhagavad-gītā (2.24) heißt es: nityaḥ sarva-gataḥ sthānur. „Die Seele ist ewig und überall gegenwärtig.“ Der einzige Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt im Körper, sowohl im grobstofflichen als auch im feinstofflichen, und je nach Struktur dieses Körpers manifestiert sich das Bewusstsein der Seele auf unterschiedliche Weise. Wenn ein Mensch sich in seinem gegenwärtigen Leben wie ein Tier verhält, wird ihm die Natur im nächsten Leben einen Körper geben, der seinem Bewusstseinsstand entspricht. Dies ist weniger als Strafe zu verstehen, als vielmehr eine angemessene Reaktion, ja sogar eine Form von Gnade seitens der Natur. Im menschlichen Körper steht die Seele an einem Scheideweg, an dem sie ihren freien Willen ausüben und ihre zukünŌige Richtung bestimmen kann. Alle anderen Lebensformen verfügen nicht über diese Entscheidungsfreiheit und folgen einem evolutionären Weg, der auf der menschlichen Ebene seinen Höhepunkt erreicht. In der menschlichen Form gilt das Bewusstsein der Seele als voll enƞaltet, da es ausreichend entwickelt ist, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Ein Tier folgt lediglich seinem Instinkt; es erleidet keine neuen karmischen Reaktionen aufgrund seiner Handlungen. In den unteren Lebensformen, etwa tierischen Körpern, begleicht die bedingte Seele hauptsächlich karmische Schulden, die sie in früheren Menschenleben angehäuŌ hat. Sobald diese beglichen sind, erhält die Seele wieder einen menschlichen Körper und mit ihm eine neue Gelegenheit zur spirituellen Erhebung. Śrīla Prabhupāda erklärt im Śrīmad-Bhāgavatam (4.28.4): „Ursprünglich ist das Lebewesen eine spirituelle Seele, aber wenn es den Wunsch hegt, die materielle Welt zu genießen, steigt es in die materielle Sphäre hinab. Dort nimmt es zuerst einen menschlichen Körper an, sinkt aber allmählich durch schlechte Handlungen in die unteren Lebensformen, das heißt in tierische, pflanzliche und aquatische Körper. Im Laufe der stufenweisen Evolution erhält es schließlich erneut einen menschlichen Körper und damit eine weitere Gelegenheit, dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entkommen. Doch wenn es diese Gelegenheit nicht nutzt, um seine eigentliche Stellung zu erkennen, wird das Lebewesen erneut in den Zyklus von Geburt und Tod in verschiedensten Körpern zurückgeworfen.“ Die menschliche Lebensform nimmt unter allen Lebensformen eine besondere Stellung ein, weil sie der Seele die Fähigkeit verleiht, ihr zukünŌiges Schicksal selbst zu gestalten. Im Gegensatz zu Pflanzen und Tieren, die hauptsächlich von ihrem Instinkt geleitet werden, verfügt der Mensch über entwickeltes Bewusstsein und freien Willen. Damit besitzt er die Fähigkeit zu wählen: im Einklang mit höheren

Karma – das Gesetz hinter der Wiedergeburt

Gesetzen zu leben oder sie zu missachten und die Konsequenzen zu tragen. Im vedischen Denken werden diese höheren Gesetze in zwei Kategorien unterteilt: die Gesetze der Natur, die die physische Welt regeln, und die Gesetze des dharma, die moralisches und spirituelles Verhalten betreffen. Beide stammen vom Höchsten und sind bindend. Die Veden definieren dharma als sākṣād bhagavat-praṇītam, als direkt vom Höchsten Herrn verordnete Regeln. Es ist Bhagavān, die Höchste Persönlichkeit Gotes, der die ethischen und spirituellen Normen festlegt, nach denen das menschliche Leben ausgerichtet sein soll. So wie wir die Gesetze der Physik nicht erfinden können, können wir auch keine neue moralische Ordnung schaffen. Dharma offenbart, was aus kosmischer Sicht gerecht oder ungerecht, erlaubt oder unerlaubt ist. Verstößt der Mensch gegen diese götlichen Prinzipien, ist er verantwortlich und wird karmische Reaktionen erfahren. Tiere wie Tiger hingegen, die töten, handeln instinktiv – nicht aus moralischer Wahl – und unterliegen daher keinen karmischen Konsequenzen. Was das menschliche Leben über alle anderen Formen erhebt, ist die Fähigkeit, dharma zu verstehen und spirituelle Fragen zu stellen. Wenn wir unsere Handlungen mit diesen Prinzipien in Einklang bringen und den Weg der Selbsterkenntnis beschreiten, reinigen wir unser Bewusstsein allmählich und werden geeignet, aus dem Kreislauf der wiederholten Geburten und Tode befreit zu werden.