Innenschau — Leben im Schatten der Zeit

Der gelehrte Esel

(Nach Bhaktivinoda Ṭhākuras Lied Vidyāra vilāse)

Mit großer Freude studierte ich das Wissen dieser Welt, In der festen Überzeugung, es gäbe kein besseres Entgelt. Deinen Lotosfüßen jedoch, o Herr, zeigte ich keinerlei Verehrung, Nun bist Du meine einzige Hoffnung, Zuflucht und Rettung.

Jedes Buch, das ich las, ließ meine Hoffnung höher streben, weltliche Bildung schien mir das höchste Ziel im Leben. Jedoch erwies sich diese Hoffnung als fruchtlos und leer. Jetzt weiß ich: Solches Wissen ist banales Gerede nur mehr.

Alles angebliche Wissen dieser Welt betört die Seele. Geboren aus Māyās Täuschungskraft versperrt es den Weg der Hingabe. Wie ein Esel schleppte ich die schwere Last irdischer Gelehrsamkeit, erntete jedoch nur Verblendung, Enttäuschung und Bitterkeit.

Mit großer Freude studierte ich das Wissen dieser Welt, in der festen Überzeugung, es gäbe kein besseres Entgelt. Deinen Lotosfüßen jedoch, o Herr, zeigte ich keinerlei Verehrung. Nun bist Du meine einzige Hoffnung, Zuflucht und Rettung.

Hier steh’ ich, ein gelehrter Esel, stolz auf meine wertlose Last, hingezogen zum Treiben der Welt, mein Geist von Wirrnis erfasst. Altersschwach, müde und matt, meine Kräfte zum Genuss versagen, nichts erfreut mehr mein dürres Herz, meine Pläne sind fehlgeschlagen.

Das Leben ist eine einzige Qual, mein Herz durchwühlt von Leid, mein Wissen hat sich erwiesen als nutzlose Unwissenheit. Dieses Scheinwissen, wie ein scharfer Speer, durchbohrt nun mein Herz. Alles, was am Ende übrigbleibt, ist nur ein brennender Schmerz.

O Herr, in dieser öden Welt gibt es keine andere Kostbarkeit als Deine beiden Lotosfüße – Quelle ewiger Seligkeit. Bhaktivinoda will nichts mehr wissen von schalem weltlichem Wissen und macht Deine Füße sein Ein und Alles – will sie nie mehr missen.

Mit großer Freude studierte ich das Wissen dieser Welt, In der festen Überzeugung, es gäbe kein besseres Entgelt. Deinen Lotosfüßen jedoch, o Herr, zeigte ich keinerlei Verehrung. Nun bist Du meine einzige Hoffnung, Zuflucht und Rettung.

Kommentar

Vidyāra-vilāse (wörtl. „die Freude am Wissen“) ist das zweite Lied in Bhaktivinoda Ṭhākuras Liedersammlung Śaraṇāgati und behandelt – wie das erste – das Prinzip der Ergebung: dainya (Demut). Auch wenn keine Tonaufnahme dieses Liedes von Śrīla Prabhupāda überliefert ist, zitierte er es häufig in Vorträgen und Gesprächen, insbesondere die dritte Strophe: jaḍa-vidyā yata, māyāra vaibhava, tomāra bhajane bādhā / moha janamiyā, anitya saṁsāre, jīvake karaye gādhā. „Alles sogenannte Wissen dieser Welt ist ein Produkt Deiner flackernden, täuschenden Energie (māyā). Es behindert den hingebungsvollen Dienst an Dir. Die Freude an weltlichem Wissen macht die ewige Seele wahrlich zu einem Esel, da sier ihre Verblendung für diese vergängliche Welt fördert.“

Wie Wissen einzuordnen ist

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei klargestellt: Die VaiṣṇavaPhilosophie lehnt weltliches Wissen nicht grundsätzlich ab. Auch die vedischen Schriften umfassen verschiedene Wissenszweige, die sich mit dem Leben in der materiellen Welt befassen – etwa Āyurveda (Medizin), Sthāpatyaveda (Architektur), Jyotiṣa (Astronomie und Astrologie) oder Gandharvaveda (Musik). Solches Wissen kann zweifellos hilfreich sein, um den Herausforderungen des täglichen Lebens zu begegnen. Die Gottgeweihten warnen jedoch eindringlich davor, sich allein auf weltliches Wissen zu verlassen, wenn es um die Lösung der eigentlichen Probleme des Lebens geht: Geburt, Tod, Alter und Krankheit. Das Leben in der materiellen Welt ist ein fortwährender Kampf ums Dasein. Unzählige Wissensbereiche und Forschungsinstitute widmen sich der Linderung menschlicher Leiden – doch sie bieten keine endgültige Lösung. Nur spirituelles Wissen (ātma-jñāna), das zur Selbsterkenntnis und Hingabe an den Höchsten führt, vermag den Kreislauf von Geburt und Tod zu durchbrechen und den Menschen zu dauerhaftem Frieden zu führen.

Die Grenzen weltlicher Bildung

Bhaktivinoda Ṭhākura beginnt das Lied mit dem Eingeständnis, dass er viel Zeit dem Studium weltlichen Wissens gewidmet hat – in der Hoffnung, darin Erfüllung zu finden. Doch schließlich kommt er zu dem ernüchternden Schluss, dass sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen hat. Der Grund hierfür ist, dass wir als spirituelle Wesen nach spiritueller Erfüllung dürsten, doch kein Maß an materiellem Wissen kann diesen Durst stillen. Ein treffendes Bild ist das eines Fisches, der an Land gestrandet ist. So viele Annehmlichkeiten man ihm auch bieten mag – außerhalb seines Elements fühlt er sich unwohl und stirbt früher oder später. Zur Veranschaulichung des wahren Charakters materiellen Wissens vergleicht Bhaktivinoda Ṭhākura die Lage des Gelehrten mit der eines Esels, der eine schwere Last trägt. Der Wissensschatz, den die Menschheit über Jahrhunderte angehäuft hat, ist gewaltig. Fortschritte in Elektrotechnik, Quantenphysik, Molekularbiologie, Gentechnik, Informatik, Genomforschung und künstlicher Intelligenz haben unser Verständnis der Welt revolutioniert und das Alltagsleben tiefgreifend verändert – doch die Grundprobleme des Lebens bleiben ungelöst. Wir mögen die Elemente der Natur erforschen, beherrschen und sogar umgestalten – doch das Rad der Zeit, der große Zerstörer, dreht sich unerbittlich weiter. Wahres Wissen zeigt uns nicht nur, wie die Welt funktioniert, sondern wie wir dem erdrückenden Kreislauf von Werden und Vergehen entkommen können.

Die unerbittliche Macht des Altwerdens

In der dritten Strophe betont Bhaktivinoda Ṭhākura, dass die Freude an weltlichem Wissen die ewige Seele wahrlich zu einem Esel macht, indem sie ihre Verblendung für diese vergängliche Welt fördert. Wie in vielen seiner Lieder spricht er auch hier das Alter als Wendepunkt an: bārdhakye ekhana, śaktira abhāve, kichu nāhi lāge bhāla – „Jetzt im Alter, ohne die Kraft zum Genießen, gefällt mir nichts mehr.“ Die Wahrheit dieser Worte zeigt sich überall – besonders im Leben von Prominenten. Jahreoder jahrzehntelang genießen sie Ruhm, Reichtum und äußeren Glanz. Doch mit dem Alter schwindet die jugendliche Ausstrahlung, körperliche und geistige Kräfte lassen nach. Was einst Quelle von Stolz und Bewunderung war, wird nun zur Last. Enttäuschung und Bitterkeit nehmen zu – Tag für Tag. Was am Ende bleibt, ist vielleicht ein Stern auf dem Walk of Fame – glänzend, aber kalt.

Der einzig wahre Schatz

Bhaktivinoda Ṭhākura erkennt: Der einzige Schatz, nach dem es sich zu streben lohnt, sind die Lotosfüße des Herrn. Sanat-kumāra riet König Pṛthu (SB 4.22.40): Der Ozean der Unwissenheit ist voller Gefahren – ein Meer, das von Haien wimmelt. Wer sich Gott nicht ergibt, muss schwere Entbehrungen auf sich nehmen, um ihn zu durchqueren. Wir aber empfehlen, einfach Zuflucht bei den Lotosfüßen des Herrn zu suchen – sie gleichen einem Boot, mit dem man dieses gefährliche Meer sicher überqueren kann. Im Zehnten Canto des Śrīmad-Bhāgavatam (10.1.5) sagt Mahārāja Parīkṣit: Mit dem Boot von Kṛṣṇas Lotosfüßen haben mein Großvater Arjuna und andere den Ozean des Schlachtfelds von

Kurukṣetra überquert – ein Schlachtfeld, auf dem riesenhafte Krieger wie Bhīṣma lauerten – bereit, jeden zu verschlingen. Doch durch Kṛṣṇas Gnade konnten Arjuna und seine Mitstreiter diesen Ozean ebenso leicht überqueren wie man über den Hufabdruck eines Kalbes springt. Ebenfalls im Zehnten Canto (SB 10.14.58) betet Brahmā: Für jemanden, der unter den Lotosfüßen des Herrn Zuflucht sucht – jenem besten aller Boote, um das Meer der Unwissenheit zu überqueren –, ist Befreiung so leicht zu erlangen, wie man über den Hufabdruck eines Kalbes springt. Sein Ziel ist das Reich des Herrn. Mit dieser Welt, in der bei jedem Schritt Gefahr droht, hat er nichts mehr zu tun. Śrīla Prabhupāda kommentiert diesen Vers so: Die Lotosfüße des Herrn sind ein unzerstörbares Boot. Wer unter ihnen Zuflucht sucht, überquert das Meer der Unwissenheit mühelos. Für einen Gottgeweihten gibt es keine Gefahr – selbst in einer Welt, in der bei jedem Schritt Gefahr lauert. Statt auf zusammengebastelte Konzepte zu vertrauen, sollte man Schutz beim Allmächtigen suchen.

Die Originalfassung

Vidyāra vilāse

Bhaktivinoda Ṭhākura

vidyāra vilāse, kāṭāinu kāla,
parama sāhase āmi
tomāra caraṇa, nā bhajinu kabhu,
ekhana śaraṇa tumi

vidyāra vilāse—in den Freuden weltlicher Gelehrsamkeit; kāṭāinu kāla—ich verbrachte die Zeit; parama sāhase—mit großem Selbstvertrauen; āmi—ich; tomāra caraṇa—Deine Lotosfüße; nā bhajinu—ich verehrte nicht; kabhu—je; ekhana—jetzt; śaraṇa tumi—Du bist mein einziger Zufluchtsort. Mit großem Eifer strebte ich nach den Freuden weltlicher Bildung, doch nie verehrte ich Deine Lotosfüße, o Herr. Jetzt aber bist Du meine einzige Zuflucht. parite parite, bharasā bārila, jñāne gati habe māni' se āśā biphala, se jñāna durbala, se jñāna ajñāna jāni parite parite—durch ständiges Lesen; bharasā bārila—wuchs meine Hoffnung; jñāne—durch Wissen; gati—das Ziel des Lebens; habe—würde erreicht werden; māni’—dachte ich; se āśā—diese Hoffnung; biphala—war vergeblich; se jñāna— dieses Wissen; durbala—erwies sich als schwach; se jñāna—dieses Wissen; ajñāna— Unwissenheit; jāni—erkenne ich. Mit jeder gelesenen Seite wuchs meine Hoffnung, denn ich hielt den Erwerb von Wissen für das Ziel des Lebens. Doch trügerisch war diese Hoffnung – kraftlos erwies sich all mein Wissen. Jetzt erkenne ich: Es war nur Unwissenheit. jaḍa-vidyā yata, māyāra vaibhava, tomāra bhajane bādhā moha janamiyā, anitya saṁsāre, jīvake karaye gādhā jaḍa-vidyā—weltliches Wissen; yata—alles; māyāra vaibhava—ist die Pracht der Illusion; tomāra bhajane—für Deine Verehrung; bādhā—ein Hindernis; moha janamiyā—erzeugt Verblendung; anitya saṁsāre—in dieser vergänglichen Welt; jīvake—das Lebewesen; karaye gādhā—macht zu einem Esel. All das sogenannte Wissen dieser Welt ist nur ein Abglanz Deiner täuschenden Kraft. Es steht der Deiner Verehrung im Weg, verleitet zur Verblendung und macht das ewige Selbst zu einem Esel, der die vergängliche Welt bestaunt. sei gādhā ha’ ye, saṁsārera bojhā, vahinu aneka kāla bārdhakye ekhana, śaktira abhāve, kichu nāhi lāge bhāla sei gādhā ha' ye—hier ist solch ein Esel; saṁsārera bojhā—die Last des Weltlebens; vahinu—trug ich; aneka kāla—lange Zeit; bārdhakye—im Alter; ekhana—nun; śaktira abhāve—mangels Kraft zum Genießen; kichu nāhi—nichts; lāge bhāla— erscheint mir erfreulich. Hier ist solch ein Esel, der lange Zeit die schwere Last des materiellen Daseins auf seinem Rücken getragen hat. Jetzt, im Alter, aus mangelnder Kraft zu genießen, macht mir nichts mehr Freude. jīvana jātanā, hoila ekhana, se vidyā avidyā bhela avidyāra jvālā, ghaṭila viṣama, se vidyā hoila śela jīvana—das Leben; jātanā—Qual; hoila—ist geworden; ekhana—jetzt; se vidyā— dieses Wissen; avidyā bhela—ist Unwissen geworden; avidyāra jvālā—das brennende Feuer der Unwissenheit; ghaṭila viṣama—wurde unerträglich; se vidyā— dieses Wissen; hoila śela—wurde zum Spieß. Mein Leben ist zur Qual geworden, denn mein Wissen hat sich als Unwissenheit erwiesen. Das lodernde Feuer dieser Unwissenheit ist unerträglich geworden, und mein sogenanntes Wissen hat sich wie ein Spieß in mein Herz gebohrt. tomāra caraṇa, vinā kichu dhana, saṁsāre nā āche āra bhakativinoda, jaḍa-vidyā chāri,' tuvā pada kare sāra tomāra caraṇa—Deine Lotosfüße; vinā—außer; kichu dhana—irgendein Schatz; saṁsāre—in dieser Welt; nā āche āra—existiert nicht weiter; bhakativinoda— Bhaktivinoda; jaḍa-vidyā chāri’—nachdem er weltliches Wissen aufgegeben hat; tuvā pada—Deine Füße; kare sāra—macht zum Lebensinhalt. Außer Deinen Lotosfüßen gibt es keinen wahren Schatz in dieser Welt. Bhaktivinoda hat allen weltlichen Wissensdrang aufgegeben und Deine Füße zum Ziel und Inhalt seines Lebens gemacht.