Innenschau — Leben im Schatten der Zeit

Der Schatz reiner Liebe

(Nach Narottama Dāsa Ṭhākuras Lied Gorā Pahū)

Gorā Pahū, ich wollte Dich nicht verehren. Gorā Pahū, mein Herz ließ sich nicht belehren.

Den mit Juwelen besetzten Schatz
reiner Gottesliebe,
ließ ich außer Acht
und gewann nichts, was mir bliebe.

Der Sinn des menschlichen Lebens –
mir war er einerlei;
ich jagte flüchtigen Schatten nach,
viele Trugbilder mit dabei.
Im Meer von Geburt und Tod ertrinkend,
gebunden von übler Taten Schlinge,
den Schatz reiner Liebe verschmähend,
mein einziges Ziel: wertlose Dinge.

Gorā Pahū – ich wollte Dich nicht verehren. Gorā Pahū – der Schatz reiner Liebe verloren.

3-4
Sādhus habe ich gemieden,
um mich mit Unheiligen zu vergnügen.
Von karmas starken Ketten gebunden,
konnte ich nicht gesunden.

Das Gift der Begierde immer verlockend;
ich trank es und wurde ganz blind.
Ich konnte nicht mehr den Nektar kosten,
den Gauras kīrtana bringt.

Gorā Pahū – ich wollte Dich nicht verehren. Gorā Pahū – der Schatz reiner Liebe verloren.

Warum bleibe ich weiter in dieser Welt
voll Kummer und voll Leid?
Welches Glück ist hier zu finden,
wo so viel Elend gedeiht?
Narottama dāsa grübelt
und fragt sich mit lautem Klagen:
"Warum lebe ich immer noch?
Warum bin ich nicht längst gestorben?"

Kommentar

Der Originaltitel dieses allgemein als Gorā Pahū bekannten Liedes lautet Akṣepa (Reue). Narottama dāsa Ṭhākura bringt darin seine tiefe Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass er es versäumt hat, Śrī Caitanya Mahāprabhu – auch bekannt als Gorā Pahū –, den barmherzigsten aller avatāras, zu verehren. Dieser brachte den juwelenhaften Schatz reiner Liebe (prema-ratana-dhana) in diese Welt. Er beklagt, dass er sich nicht für das wahre Ziel des Lebens interessiert hat: sich von materieller Gebundenheit zu befreien und in das Reich Gottes einzutreten, wo prema – reine Gottesliebe – regiert. Stattdessen habe er sein Leben damit verbracht, flüchtigen Schatten nachzujagen. Materielle Objekte – so wertvoll sie auch erscheinen mögen – gleichen Schatten, da ihnen wahre Substanz fehlt. Die materielle Schöpfung mit ihren zahllosen Goldminen, Diamantenfeldern, Perlenbänken und anderen Kostbarkeiten entsteht und vergeht in kosmischen Zyklen. Sie gleicht einem Schatten, der sich nach den Gesetzen der Natur bewegt – Gesetzen, die dem Willen des höchsten Lenkers folgen. Vor allem aber ist auch unser eigener Körper vergänglich – jener Körper, durch den wir diese Dinge genießen. Infolgedessen sind all unsere Pläne und Bemühungen, dauerhaftes Glück zu schaffen, letztlich zum Scheitern verurteilt

Die Folgen materieller Verstrickung

Ṛṣabhadeva unterwies seine Söhne im Śrīmad-Bhāgavatam (5.5.5) zu diesem Thema wie folgt: Solange ein Mensch nicht nach den spirituellen Werten des Lebens fragt, wird er aus Unwissenheit immer wieder Rückschläge und Leiden erfahren. Ob sündhaft oder fromm – karma bringt unweigerlich seine Früchte. Wer sich mit

irgendeiner Form von karma beschäftigt, dessen Geist wird karmātmaka – vom Streben nach fruchtbringender Tätigkeit gefärbt. Solange der Geist unrein bleibt, bleibt auch das Bewusstsein getrübt. Und solange man nach den Früchten seines Handelns strebt, wird man gezwungen sein, immer wieder einen materiellen Körper anzunehmen. Ein solcher Körper bedeutet, den unvermeidlichen Leiden von Geburt, Tod, Alter und Krankheit unterworfen zu sein. Narottama dāsa Ṭhākura beschreibt dieses Dasein als ein Versinken im Ozean von Geburt und Tod. Er erkennt, dass diese trostlose Lage die Folge seiner eigenen Verfehlungen ist, durch die er mit den Stricken des karma gefesselt wurde. Denn nicht nur schlechte, sondern auch gute Taten erzeugen bindende Reaktionen – wie Ṛṣabhadeva im obigen Vers verdeutlicht. Ein weiser Mensch wird daher so handeln, dass keine karmischen Reaktionen entstehen. Diese Art des Handelns wird in der Bhagavadgītā (4.16+18) als akarma bezeichnet – Handeln im KṛṣṇaBewusstsein, das kein karma erzeugt.

Die Wurzel allen Übels

In der dritten Strophe enthüllt Narottama dāsa Ṭhākura die Wurzel seines Unglücks: schlechte Gesellschaft (asat-saṅga). Er gesteht, dass er gute Gesellschaft, die Gemeinschaft mit sādhus (sat-saṅga), gemieden und stattdessen die Gesellschaft weltlich gesinnter Menschen gesucht habe (asate vilāsa). Saṅga – ob sat oder asat – ist ein Schlüsselbegriff in der VaiṣṇavaPhilosophie. Eine einfache Definition lautet: „eine enge Verbindung auf körperlicher, emotionaler oder spiritueller Ebene.“ Durch solchen saṅga wird unser Bewusstsein gefärbt und geformt, und unser Leben nimmt eine bestimmte Richtung. So bestimmen wir unser künftiges Schicksal.

Narottama dāsa Ṭhākura warnt vor den zerstörerischen Auswirkungen von asat-saṅga, indem er schlechten Umgang mit dem Trinken von Gift gleichsetzt – ein Bild, das auch in anderen Liedern wiederkehrt, besonders in Hari! Hari! biphale, das in diesem Liederkreis als Ein vergeudetes Leben enthalten ist. Er warnt davor, dass eine schwerwiegende Folge des Trinkens von viṣaya-viṣa – dem Gift der Sinnenbefriedigung – der Verlust des Geschmacks an gaura-kīrtana ist, dem freudvollen Hören und Singen der Herrlichkeiten Gaurāṅgas.

Die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne spirituellen Inhalt

Narottama dāsa Ṭhākura beendet sein Lied mit einer rhetorischen Frage: „Warum lebe ich überhaupt noch?“ Im Kern stellt er den Wert eines Lebens infrage, das kein spirituelles Ziel hat. Die meisten Menschen stellen sich diese Frage jedoch nie, weil sie mit Gesundheit und Wohlstand zufrieden sind. Weisheit gehört nicht zu ihren Lebenszielen. Śrīla Prabhupāda hat diese materialistische Denkweise oft hervorgehoben und vor einem Leben gewarnt, das ausschließlich dem Genuss gewidmet ist, ohne jede spirituelle Ausrichtung. In seinem Kommentar zum Śrīmad-Bhāgavatam (2.3.18) schreibt er: „Der materialistische Mensch der modernen Zeit wird behaupten, das Leben – oder zumindest ein Teil davon – sei nicht für theosophische oder theologische Betrachtungen bestimmt. Das Leben sei dafür da, so lange wie möglich zu essen, zu trinken, sexuell aktiv zu sein, und sich zu vergnügen. Der moderne Mensch will durch den Fortschritt der materiellen Wissenschaft ewig leben, und es gibt viele törichte Theorien, wie man das Leben verlängern könne. Doch das Śrīmad-Bhāgavatam bekräftigt, dass das Leben nicht für sogenannte wirtschaftliche Entwicklung oder den Fortschritt

materialistischer Wissenschaft mit dem Ziel des Genusses gedacht ist.. Das Leben ist ausschließlich für tapasya, Entbehrung, bestimmt, denn durch Entbehrung kann man seine Existenz reinigen und so unmittelbar nach dem Ende dieses Lebens ins ewige Leben eingehen.

Die Originalfassung

Gorā Pahū

(Akṣepa) Narottama dāsa Ṭhākura

gorā pahū nā bhajiyā goinu prema-ratana-dhana helāya hārāinu gorā pahū—Gaurāṅga; nā bhajiyā—nicht verehrt habend; goinu—ging ich meiner spirituellen Zerstörung entgegen; prema—göttlicher Liebe; ratana—das Juwel; dhana—den transzendentalen Schatz; helāya—durch Nachlässigkeit; hārāinu— habe ich verloren. Ich habe es versäumt, Gaurāṅga zu verehren, und dadurch leichtfertig den kostbaren Schatz göttlicher Liebe verloren. So habe ich mein spirituelles Leben vergeudet. adhane yatana kari dhana teyāginu āpana karama-doṣe āpani ḍubinu adhane—für wertlose Dinge; yatana—abmühen; kari—tätigend; dhana—den Schatz göttlicher Liebe; teyāginu—habe ich aufgegeben; āpana—meiner eigenen;

karama-doṣe—durch
schlechte
Taten;
āpani—selbst;
ḍubinu—bin
ich
untergegangen.

Ich habe mich für wertlose Dinge abgemüht und dabei den wahren Schatz des Lebens verspielt. Durch meine eigenen Taten bin ich im Ozean von Geburt und Tod versunken. sat-saṅga chāri' kainu asate vilāsa te-kāraṇe lāgila ye karma-bandha-phāṅsa sat—den Umgang mit sādhus; chāri’—aufgebend; kainu—tat ich; asate—mit weltlichen Personen; vilāsa—Vergnügen; te-kāraṇe—aus diesem Grund; lāgila— begann; ye—jenes; karma—der Taten; bandha—der Bindung; phāṅsa—das Netz. Ich habe den Umgang mit sādhus gemieden und mich dem Vergnügen in weltlicher Gesellschaft hingegeben. So hat sich das Netz des karmischen Gebundenseins um mich gelegt. viṣaya-viṣama-viṣa satata khāinu gaura-kīrtana-rase maghana nā hainu viṣaya—Sinnengenuss; viṣama—gefährliches; viṣa—Gift; satata—ständig; khāinu— habe ich getrunken; gaura—von Gaura; kīrtana—dem Chanten Seines Namens; rase—im Nektar; maghana—versunken; nā—nicht; hainu—bin ich geworden. Immer wieder habe ich das gefährliche Gift der Sinnesfreuden getrunken – darum konnte ich nie in den süßen Nektar des Chanten von Gauras Namen eintauchen. kena vā āchaye prāṇa ki sukha pāiyā narottama dāsa kena nā gela mariyā kena vā—warum nur; āchaye—existiert noch; prāṇa—das Leben; ki—welches; sukha—Glück; pāiyā—erlangend; narottama dāsa—Narottama dāsa; kena— warum; nā—nicht; gela—ist gegangen; mariyā—in den Tod. Warum lebe ich noch – welches Glück habe ich je gefunden? Narottama dāsa fragt sich: Warum bin ich nicht längst gestorben?