Innenschau — Leben im Schatten der Zeit

Dein gnädiger Blick

(Nach Narottama dāsa Ṭhākuras Lied Gaurāṅga karuṇa koro)

O Gaurāṅga, segne mich mit Deinem gnädigen Blick, eine gefallene Seele, verführt von Māyās Trug und Trick. Verloren in der drei Welten endlosen Weite, suche ich nun den Schutz Deiner Lotosfüße.

Mit einem Grashalm zwischen den Zähnen knie’ ich vor Dir. Ich flehe ich Dich an, o Gaura, hab’ Erbarmen mit mir. Im Tempel meines Herzens erscheine und nimm Platz, in einem Schrein reiner Liebe, frei von falschem Stolz.

Wenn Du kein Erbarmen hast angesichts meiner Klage, meines unglücklichen Zustands, meiner trostlosen Lage, warum nennt man Dich dann den Erlöser der Gefallenen? Warum dieser Titel, wenn Du nicht rettest die Verlassenen?

O Gaurāṅga, segne mich mit Deinem gnädigen Blick, eine gefallene Seele, verführt von Māyās Trug und Trick. Verloren in der drei Welten endlosen Weite, suche ich nun den Schutz Deiner Lotosfüße.

Kein Entrinnen aus der Sturmflut weltlichen Leids, ein ständiger Kampf, kein Hoffnungsschimmer weit und breit. Deine göttlichen Lotosfüße, ein Boot zum Hinüberfahren zu den Ufern der Ewigkeit, wo alle Leiden enden.

Ich bin der Diener des Dieners, Narottama dāsa singt, von Śrī Kṛṣṇa Caitanya, der allen Wesen Rettung bringt. Mein Gebet fließt zu Ihm wie ein endloser Strom so klar, zu den Lotosfüßen des barmherzigsten aller avatāras.

O Gaurāṅga, segne mich mit Deinem gnädigen Blick, eine gefallene Seele, verführt von Māyās Trug und Trick. Verloren in der drei Welten endlosen Weite, suche ich nun den Schutz Deiner Lotosfüße.

Kommentar

Dieses Lied Narottama dāsa Ṭhākuras ist ein inständiges Gebet um die Gnade Gaurāṅgas, des Höchsten Herrn in Seiner Erscheinung als der barmherzigste aller avatāras. Narottama beschreibt sich selbst als dīna hīna jana – als eine erbärmliche und hilflose Seele. Dīna bezeichnet einen Geist, der von Demut und Kummer durchdrungen ist, während hīna „entbehrend“ oder „verarmt“ bedeutet – sowohl im materiellen als auch im spirituellen Sinn. Seine beklagenswerte Lage unterstreicht er mit der Aussage, dass es im gesamten Universum kaum jemanden gebe, der tiefer gefallen sei als er. Wie in vielen Liedern von Narottama dāsa Ṭhākura und Bhaktivinoda Ṭhākura steht auch hier die Selbsterniedrigung im Mittelpunkt. Der Herr ist bekannt dafür, dass Er besonders jenen Seine Gnade schenkt, die allen falschen Stolz abgelegt haben. Stolz hingegen gilt im spirituellen Leben nicht als Tugend, sondern – wie Kṛṣṇa in der Bhagavad-gītā (16.4) erklärt – als Kennzeichen materialistischer Menschen.

Ein Zeichen wahrer Demut

Dem Beispiel Sanātana Gosvāmīs folgend, kommt Narottama dāsa Ṭhākura in der nächsten Strophe mit einem Grashalm zwischen den Zähnen vor den Herrn – ein Zeichen tiefster Demut. Er ruft nach Gaurāṅga und bittet Ihn, im Tempel seines Herzens zu wohnen. Da Kṛṣṇa in der Bhagavad-gītā (18.61) erklärt, Er befinde sich im Herzen aller Lebewesen und lenke ihre Bewegungen, stellt sich die Frage, warum Narottama den Herrn bittet, in seinem Herzen zu wohnen? Die Antwort lautet, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Herrn als Überseele, der als Zeuge und Erlaubnisgeber wirkt, und dem Herrn als suhṛt, einem wohlwollenden Freund, der sich persönlich um ein Lebewesen kümmert, das sich Ihm in hingebungsvollem Dienst zuwendet.

In der Bhagavad-gītā (10.10) erklärt Kṛṣṇa: „Denjenigen, die Mir mit Liebe dienen, gebe Ich die Erkenntnis, durch die sie zu Mir gelangen können.“ Und im Śrīmad-Bhāgavatam (1.2.17) heißt es, dass der Herr persönlich das Herz reinigt, wenn jemand begierig danach ist, über Ihn zu hören. Der erste Schritt auf diesem Weg ist, ein demütiger Diener des Herrn und Seiner Geweihten zu werden und geduldig auf ihre Gnade zu warten.

Eine Herausforderung an den Namen des Herrn

In der dritten Strophe ändert Narottama plötzlich den Ton und stellt scheinbar den Beinamen Patita-pāvana – Retter der Gefallenen – Śrī Caitanya Mahāprabhus in Frage. Er deutet an, dass der Herr, wenn Er diesen Titel behalten wolle, ihn retten müsse. Ein ähnlicher Gedankengang findet sich in einem anderen Lied: „Der Zweck Deines Erscheinens in dieser Welt ist es, die Gefallenen zu befreien. Ich versichere Dir: Niemand ist tiefer gefallen als ich – also steht mir das erste Anrecht auf Deine Gnade zu.“ Solche Worte sind keineswegs respektlos, sondern Ausdruck eines verzweifelten Herzens, das sehnsüchtig auf die Gnade des Herrn wartet. Je dringlicher und aufrichtiger das Gebet, desto schneller wird es vom Herrn erhört.

Im Ozean der materiellen Existenz

In der nächsten Strophe nennt Narottama dāsa Ṭhākura einen eindringlichen Grund, weshalb er Gaurāṅgas Gnade so dringend benötigt: Er sei in einen Ozean gestürzt, dessen Wellen von einem Sturm aufgewühlt sind. Das Bild des saṁsāra-Ozeans begegnet uns häufig in den Liedern der Vaiṣṇava-ācāryas wie auch in den vedischen Schriften. Selbst der beste Schwimmer hat im offenen Meer keine Überlebenschance – erst recht nicht inmitten tosender Wellen. Die

einzige Hoffnung liegt in äußerer Hilfe, etwa durch ein Boot, von dem aus man an Bord gezogen wird. Brahmā vergleicht in einem seiner Gebete an Kṛṣṇa die Lotosfüße des Herrn mit einem solchen Boot (SB 10.14.58): samāśritā ye pada-pallava-plavaṁ mahat-padaṁ puṇya-yaśo murāreḥ bhavāmbudhir vatsa-padaṁ paraṁ padaṁ padaṁ padaṁ yad vipadāṁ na teṣām „Wer unter den Lotosfüßen des Herrn, der als Mukunda bekannt ist, Zuflucht gesucht hat, für den wird der Ozean der materiellen Welt so klein wie das Wasser im Hufabdruck eines Kalbes. Sein Ziel ist paraṁ padam – der Ort, an dem es kein Leid gibt –, nicht die Welt, wo bei jedem Schritt Gefahr droht.“ Narottama dāsa Ṭhākura hofft auf dieselbe rettende Gnade und bittet Gaurāṅga um das Geschenk Seiner göttlichen Lotosfüße – jenes Boot, das den demütigen Diener sicher über das Meer von Geburt und Tod trägt.

Ein fortwährendes Gebet

Narottama beendet sein Lied mit einem Satz, der sich in vielen seiner Werke findet: prārthanā karaye sadā, narottama dāsa – „Narottama dāsa spricht dieses Gebet immer und immer wieder.“ Daraus lässt sich schließen, dass Gebete nicht nur in Zeiten akuter Not ratsam sind. Wer im aufgewühlten Ozean der materiellen Welt schwimmt, lebt in ständiger Krise. Es ist daher klug, unablässig um Hilfe zu bitten.

Die Originalfassung

Gaurāṅga karuṇā koro

Narottama dāsa Ṭhākura

gaurāṅga karuṇā koro, dīna hīna jane mo-sama patita prabhu, nāhi tri-bhuvane gaurāṅga—o Gaurāṅga; karuṇā koro—bitte erweise Deine Barmherzigkeit; dīna hīna jane—dieser erbärmlichen und hilflosen Seele; mo-sama—wie ich; patita—so gefallen; prabhu—o Herr; nāhi—gibt es nicht; tri-bhuvane—in den drei Welten. O Gaurāṅga! Bitte erweise Deine Gnade dieser erbärmlichen, hilflosen Seele. O Herr, in allen drei Welten gibt es niemanden, der tiefer gefallen ist als ich. dante tṛṇa dhari’ gaura, ḍāki he tomāra kṛpā kari’ eso āmāra, hṛdaya mandire dante—zwischen den Zähnen; tṛṇa dhari’—einen Grashalm haltend; gaura—o Gaura; ḍāki—ich rufe; he—o!; tomāra—Deine; kṛpā—Barmherzigkeit; kari’— zeigend; eso—bitte komme; āmāra—mein; hṛdaya mandire—in den Tempel des Herzens. Mit einem Grashalm zwischen den Zähnen rufe ich Dich, o Gaura! Bitte sei mir gnädig und ziehe in den Tempel meines Herzens ein.

yadi dayā nā karibe, patita dekhiyā patita pāvana nāma, kisera lāgiyā yadi—wenn; dayā—Gnade; nā karibe—Du nicht gibst; patita—den Gefallenen; dekhiyā—erkennend; patita pāvana—Retter der Gefallenen; nāma—der Name; kisera lāgiyā—warum nennt man Dich so. Wenn Du mir keine Gnade schenkst, obwohl Du siehst, wie tief gefallen ich bin – warum nennt man Dich dann Patita Pāvana, den Retter der Gefallenen?

pareci bhava tuphāne, nāhika nistāra śrī caraṇa taraṇī dāne, dāse kara pāra pareci—ich bin gefallen; bhava tuphāne—in den Wirbelsturm des materiellen Daseins; nāhika nistāra—es gibt keine Rettung; śrī caraṇa—die göttlichen Lotosfüße; taraṇī—Boot; dāne—durch das Geschenk; dāse—dem Diener; kara pāra—lass hinübergelangen. Ich bin in den Wirbelsturm des materiellen Daseins gestürzt, ohne Hoffnung auf Rettung. Bitte schenke mir Deine göttlichen Lotosfüße, die einem Boot gleichen, damit Dein Diener das Meer von Geburt und Tod überqueren kann.

śrī kṛṣṇa caitanya prabhu, dāsera anudāsa prārthanā karaye sadā, narottama dāsa śrī kṛṣṇa caitanya prabhu—Śrī Kṛṣṇa Caitanya Prabhu; dāsera anudāsa—Diener des Dieners; prārthanā karaye—betet; sadā—unablässig; narottama dāsa—Narottama dāsa. Narottama dāsa, der Diener des Dieners Śrī Kṛṣṇa Caitanya Prabhus, richtet unablässig dieses Gebet an den Herrn.