(Nach Narottama dāsa Ṭhākuras Lied Hari! hari! ki mor karam abhaga)
Hari! Mein Herr, o Hari! Nur üble Taten, ein Leben ohne Harmonie! Ich lebte umsonst, ein Speer durchbohrt mein Herz, keine Liebe für Dich, Hari – nur Schmerz.
2a Opfergaben, Almosen und Versenkung im Gebet, fromme Werke, Mantren, Waschung in heiligen Wassern –
2b All das ohne Hingabe nur Blendwerk bleibt, ein Spott, wie Juwelen auf zerlumptem Kleid.
Die nektargleichen Worte aus dem Mund der Heiligen drangen nie in mein Herz, verhärtet durch Vergehen. Schlechter Umgang zerstörte alles Gute in mir – wohin soll ich fliehen, wenn der Tod klopft an meine Tür?
4a Aus allen vedischen Schriften hörte ich klar, Haris Lotusfüße schützen vor Angst und Gefahr.
4b Doch wählte ich ein Leben trunken und verwirrt, nie pries ich Seinen Namen oder verehrte Sein Bild.
Opfergaben, Almosen und Versenkung im Gebet, fromme Werke, Mantren, Waschung in heiligen Wassern – all das ohne Hingabe nur Blendwerk bleibt, ein Spott, wie Juwelen auf zerlumptem Kleid.
Hari! Mein Herr, o Hari! Nur üble Taten, ein Leben ohne Harmonie! Ich lebte umsonst, ein Speer durchbohrt mein Herz, keine Liebe für Dich, Hari – nur Schmerz.
Körper und Geist will ich nun niederlegen vor Rādhās und vor Krishnas Lotosfüßen. Begierden und Ängste fliehen – alles ist gut mit Geist und Körper in Ihrer Obhut.
Kommentar
Dieses Lied Narottama dāsa Ṭhākuras gehört zum Abschnitt Dainyābodhika seiner Liedersammlung Prārthana, in welchem er seine gefallene Lage schildert. Auch das Lied Hari! Hari! biphale, das in diesem Buch unter dem Titel Ein vergeudetes Leben enthalten ist, gehört zu diesem Abschnitt.
Ein Gefühl tiefen Verlusts
Die Grundstimmung dieses Liedes ist von tiefer Reue durchdrungen – vom spirituellen Schmerz über ein Leben, das zwar aktiv und vielleicht sogar erfolgreich war, in dem jedoch keine wahre Liebe und Hingabe zum Herrn gewachsen ist. Diese ernüchternde Erkenntnis bringt ein Gefühl schmerzlichen Verlusts und ein durchbohrendes Herzeleid mit sich. Narottama dāsa Ṭhākura verwendet die Begriffe abhāga (unglücklich) und biphale (wörtlich: „schlechte Frucht“) als Ausdruck der Vergeblichkeit eines Lebens, das nur weltlichen Zielen gewidmet war. In einem weiteren Lied derselben Sektion bringt er ähnliche Gefühle zum Ausdruck: hari hari! boro śela marame rahila pāiyā dūrlabha tanu śrī-kṛṣṇa-bhajana vinū janma mora biphala haila „O Hari, ein spitzer Speer der Reue steckt in meinem Herzen. Selbst nachdem ich diesen seltenen menschlichen Körper erhalten habe, ist es mir nicht in den Sinn gekommen, Śrī Kṛṣṇa zu verehren – und so ist mein Leben nutzlos geworden.“
Die Illusion frommer Werke
In der zweiten Strophe zählt Narottama dāsa Ṭhākura verschiedene religiöse Praktiken auf, die unter Menschen verbreitet sind, um sich
fromme Verdienste zu erwerben – in der Hoffnung auf ein besseres nächstes Leben oder gesellschaftliche Anerkennung. Doch all diese Handlungen erklärt er für illusorisch, wenn sie nicht mit bhakti verbunden sind. Ohne Hingabe führen sie nicht zum wahren Ziel des Lebens: śuddha-bhakti, reiner hingebungsvoller Dienst – der einzige bleibende Reichtum der Seele. Alle weltlichen Errungenschaften sind vergänglich, selbst die Früchte religiöser Werke. Solche äußere Frömmigkeit gleicht laut Narottama dem absurden Versuch, wertvollen Schmuck über zerlumpter Kleidung zu tragen – eine Diskrepanz zwischen äußerem Glanz und innerem Mangel. Rūpa Gosvāmī beschreibt diese Form äußerlichen Spiritualismus als niyama-āgraha – das mechanische Festhalten an religiösen Vorschriften, sei es aus Gewohnheit oder zur Schau, nicht aber aus echtem Streben nach spiritueller Erhebung.
Die Folgen schlechter Gesellschaft
In der dritten Strophe bringt Narottama dāsa Ṭhākura seine Reue darüber zum Ausdruck, dass er die Weisheit der sādhus missachtet und nicht beherzigt hat. Er erkennt nun, dass sein fortwährender Umgang mit materialistisch gesinnten Menschen (asat-saṅga) das zerstört hat, was in seinem Leben wirklich Wert gehabt hätte. Jetzt, da seine Augen geöffnet sind, sieht er klar, wie verheerend schlechter Umgang auf das eigene Bewusstsein wirkt – wie leicht er zu moralischem und spirituellem Verfall führen kann. Die Strophe endet mit einer eindringlichen Frage, die von Angst und Verzweiflung über den herannahenden Tod geprägt ist: Was kann ich noch tun, wenn die letzte Stunde naht?
Bedauern wegen versäumter Gelegenheiten
Die vierte Strophe bringt erneut tiefes Bedauern zum Ausdruck. Obwohl Narottama dāsa Ṭhākura ein angenehmes und scheinbar glückliches Leben führte (sukhe – „in Glück“), versäumte er es, sich den wesentlichen Praktiken der Hingabe zu widmen: dem Chanten der heiligen Namen und der Meditation über die Gestalt des Herrn. Zwischen den Zeilen klingt das bittere Eingeständnis an – spirituelle Gelegenheiten leichtfertig vertan und das wahrhaft Wesentliche im Leben vernachlässigt zu haben.
Das Wesen der hingebungsvollen Ergebung
Die abschließende Strophe fasst auf bewegende Weise das Wesen wahrer Hingabe zusammen: Der Geweihte sehnt sich danach, vollständig in göttlicher Liebe aufzugehen – frei von aller Weltverhaftung. Narottama dāsa Ṭhākura bringt seine Entschlossenheit zum Ausdruck, Körper, Geist und Seele bedingungslos den Lotosfüßen des göttlichen Paares Rādhā und Kṛṣṇa zu weihen. In dieser vollkommenen Ergebung, frei von weltlichen Wünschen, findet er Freiheit von aller Angst und tiefen inneren Frieden im Schutz ihrer Lotosfüße. Ein ähnliches Gefühl wird im Śrīmad-Bhāgavatam (2.8.6) beschrieben: Ein reiner Gottgeweihter, dessen Herz durch den Vorgang der Hingabe gereinigt ist, lässt die Lotosfüße Kṛṣṇas niemals mehr los, denn sie schenken ihm volle Zufriedenheit, so wie ein Wanderer zur Ruhe kommt, wenn er endlich sein Zuhause erreicht.
Die Originalfassung
Hari! hari! ki mora karama abhaga
Dainyā-bodhika Prārthana (Gebet, in dem der Autor seinen erbärmlichen Zustand beschreibt) Narottama dāsa Ṭhākura hari hari ki mora karama abhāga biphale jīvana gela, hṛdaye rahila śela nāhi bhela hari-anurāga hari—o Hari; hari—o Hari; ki—wie; karama—Handlungen; abhāga—unglücklich; biphale—vergeblich; jīvana—das Leben; gela—ist vergangen; hṛdaye—im Herzen; rahila—ist geblieben; śela—ein Spieß; nāhi—nicht; bhela—entstanden; harianurāga—Liebe zu Hari. O Hari, o Hari – wie unheilvoll waren meine Taten! Vergeblich ist mein Leben dahingegangen. Ein schmerzhafter Spieß steckt mir im Herzen, denn keine Liebe zu Dir ist darin erwacht. yajña, dāna, tīrtha-snāna, puṇya karma japa dhyāna, akāraṇe sab gelo mohe bujhilām mane heno, upahāsa hoy yeno, vastra hīna ābharaṇa dehe yajña—vedische Opfer; dāna—Wohltätigkeit; tīrtha—in Pilgerstätten; snāna— Baden; puṇya—fromm; karma—Taten; japa—Rezitation von Mantras; dhyāna— Meditation; akāraṇe—zwecklos; sab—alles; gelo—verloren; mohe—im Wahn; bujhilām—ich erkannte; mane—im Herzen; heno—so; upahāsa—Spott; hoy—ist; yeno—als ob; vastra-hīna—ohne (elegante) Kleider; ābharaṇa—Schmuck; dehe— am Körper. Vedische Opfer, Wohltätigkeit, rituelle Bäder, fromme Werke, Mantra-Rezitation und Meditation – all das blieb durch meine Verblendung ohne Wirkung. Wenn ich daran denke, muss ich innerlich lachen: Es ist, als trüge man kostbaren Schmuck auf zerlumpten Kleidern.
sādhu mukhe kathāmṛta, śuniyā vimala cita, nāhi bhela aparādha kāraṇa satata asat sańga, sakali hoilo bhańga, ki kariba āile śamana sādhu—von Heiligen; mukhe—aus dem Mund; kathā—Themen; amṛta—Nektar; śuniyā—hörend; vimala—rein; cita—Bewusstsein; nāhi—nicht; bhela—wurde; aparādha—Vergehen; kāraṇa—Grund; satata—ständig; asat-saṅga—Umgang mit Nichtheiligen; sakali—alles; hoilo—wurde; bhaṅga—zerbrochen; ki—wie; kariba— kann ich tun; āile—wenn kommt; śamana—der Tod. Obwohl ich hin und wieder den nektargleichen Worten der sādhus zuhöre, bleibt mein Herz durch meine fortwährenden Vergehen unrein. Der ständige Umgang mit Nichtheiligen hat all meinen spirituellen Fortschritt zunichtegemacht – und nun steht der Tod vor der Tür. Was soll ich nur tun? śruti smṛti sadā rabe, śuniyāchi ei sabe, hari pada abhaya śaraṇa janama loiyā sukhe, kṛṣṇa nā bolinu mukhe, nā kariṇu se rūpa bhāvana śruti—in den Veden; smṛti—in den Schriften; sadā—immer; rabe—steht geschrieben; śuniyāchi—ich habe gehört; ei sabe—dass all dies; hari-pada—die Füße Haris; abhaya—furchtlos; śaraṇa—Zuflucht sind; janama—dieses Leben; laiyā— lebend; sukhe—in Freude; kṛṣṇa—den Namen „Kṛṣṇa”; nā—nicht; balinu—ich sprach; mukhe—mit dem Mund; nā kariṇu—ich übte nicht; se-rūpa—seine Gestalt; bhāvana—Meditation. Die Veden und andere heilige Schriften lehren, dass Haris Lotosfüße eine Zuflucht bieten, die jede Furcht vertreibt. Doch obwohl ich diese Offenbarungen oft vernommen habe, habe ich niemals mit Freude Kṛṣṇas Namen ausgesprochen oder über Seine Gestalt meditiert. rādhā-kṛṣṇa duhuń pāy, tanu mana rahu tāy, ār dūre jāuk vāsanā narottama dāse kāya, āra mora nāhi bhāya, tanu mana saṁpinu āpanā rādhā—Rādhā; kṛṣṇa—Kṛṣṇa; duhuṅ—beider; pāy—Lotosfüße; tanu—der Körper; mana—und Geist; rahu—mögen verweilen; tāy—dort; ār—weitere; dūre—in die Ferne; jāuk—mögen gehen; vāsanā—materielle Wünsche; narottama dāsa—
Narottama dāsa; kāya—spricht; āra—mehr; mora—für mich; nāhi—gibt es nicht; bhāya—Furcht; tanu—Körper; mana—und Geist; saṁpinu—übergebe ich; āpanā— vollständig. Möge mein Körper und mein Geist an den Lotosfüßen Rādhās und Kṛṣṇas verweilen, und mögen alle materiellen Wünsche weit von mir weichen. Narottama dāsa spricht: Ich fürchte nichts mehr – ich habe Körper und Geist vollständig hingegeben.