VORWORT ZUR ERSTEN AUSGABE Im Frühjahr 1994, als sich der 20. Jahrestag von Śrīla Prabhupādas Besuch in Deutschland im Juni 1974 näherte, spielte ich mit dem Gedanken, die Erinnerungen derjenigen von uns, die damals dabei gewesen waren, in einem Büchlein zu seinem hundertjährigen Jubiläum im Jahr 1996 zusammenzustellen. Ich schrieb einen offenen Brief an meine Gottbrüder und -schwestern, um diesen Vorschlag zu unterbreiten, und schickte ihn an Vaidyanātha, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Prabhupādas spirituelle Familie in Deutschland wieder zusammenzuführen. Ich bat ihn, die führenden Gottgeweihten in Deutschland zu konsultieren und zu prüfen, ob sie der Idee positiv gegenüberstünden. Ihre Zustimmung führte dazu, dass er meinen Brief in seinem Project Unity Forum veröffentlichte, einer Publikation, die regelmäßig an die deutschen Prabhupāda-Schüler in aller Welt verschickt wurde. Dann schlug Vaidyanātha während der Vyāsa-pūjā-Feier 1994 in Niyādanṛsiṁha-kṣetra (heute Simhachalam) vor, meine Idee zu einem offiziellen Projekt für Śrīla Prabhupādas Hundertjahrfeier zu machen. Und neue Ideen wurden vorgebracht. Die Gottgeweihten wollten Prabhupādas ersten Besuch in Deutschland im Jahr 1969 in das Büchlein aufnehmen, und einige meinten, dass die Geschichte der Pionierjahre unserer Bewegung unbedingt erzählt werden sollte. Ich hatte außerdem daran gedacht, in einem zweiten Buch alle Vorträge und Gespräche Prabhupādas zusammenzustellen, die in Deutschland stattgefunden hatten. Ehe ich mich versah, keimten meine anfänglichen, samenhaften Ideen und wuchsen zu blühenden Pflanzen heran. Ich dachte an ein dreiteiliges Buch: (1) eine Sammlung von Anekdoten; (2) Vorträge, Morgenspaziergänge und Gespräche und (3) die Geschichte von ISKCON Deutschland von 1968 bis 1977. Ich plante, es auf Deutsch als eine limitierte, luxuriöse Ausgabe für einen ausgewählten Kreis von Gottgeweihten und Gemeindemitgliedern zu veröffentlichen. Als ich jedoch begann, an den Erinnerungen von Śivānanda zu arbeiten, der 1969 Prabhupādas Diener in Hamburg gewesen war, erkannte ich, dass es viii viel natürlicher wäre, die Anekdoten, Briefe, Vorträge und historischen Ereignisse zu einer einzigen Erzählung zu verweben. Nachdem ich einhundert Seiten fertiggestellt hatte, schickte ich das englische Manuskript an Vaidyanātha und seinen Bruder, Śacīnandana Swami. In ihrer enthusiastischen Antwort schlugen sie vor, das Buch weiter auf Englisch zu schreiben, damit Gottgeweihte auf der ganzen Welt diesen Nektar teilen könnten. Und an Nektar mangelte es nicht. Als immer mehr Interviews eintrafen, entdeckte ich, dass die Herzen der Gottgeweihten wahre Schatzkammern von Prabhupāda-Nektar waren. Ihre Erinnerungen – einige gewichtig, andere leicht – fügten sich wie Puzzleteile zusammen und ergaben ein großes Bild von Śrīla Prabhupāda, jenem einzigartigen transzendentalen Botschafter Śrī Caitanya Mahāprabhus, der direkt oder indirekt das Leben so vieler Menschen berührte und verwandelte. Wir wollten die Erinnerungen aller mit ISKCON Deutschland verbundenen Prabhupāda-Schüler sammeln (es waren etwa 170), doch wir hörten nur von einem Fünftel von ihnen. Ich hoffe, dass die anderen mir schreiben und weitere Erinnerungen zusenden werden. Ich empfand, dass Gottgeweihte neben den Erinnerungen an direkte Erfahrungen mit Śrīla Prabhupāda auch erzählen sollten, wie sie zum KṛṣṇaBewusstsein kamen. Ihre Geschichten zeigen eine weitere seiner wunderbaren Eigenschaften – dass man ihm nicht persönlich begegnet sein musste; er wirkte durch seine Bücher und seine Schüler. Über ein spirituelles Wesen wie Śrīla Prabhupāda zu meditieren, ist eine intensive und reinigende Erfahrung. Zweifellos ist sie auch beglückend, einfach aufgrund der transzendentalen Natur des Themas. Andereseits ist es aber auch eine ernüchternde Erfahrung, an die hohen Ideale erinnert zu werden, für die Prabhupāda stand, und zu bedenken, wie wir seinen Erwartungen gerecht werden können. Und es ist eine lehrreiche Erfahrung, seine Handlungen und Reaktionen in verschiedenen Situationen zu beobachten, insbesondere in schwierigen. Die in diesem Buch beschriebenen schweren Zeiten stellten eine große Herausforderung dar. Wie sollte ich verantwortungsvoll mit ihnen umgehen? Eine spirituelle Bewegung in der materiellen Welt zu verbreiten, ist eine ix gewaltige Aufgabe, und dabei Fehler zu machen, ist praktisch unvermeidlich. ISKCON in Deutschland durchlief einige Traumata, und ich habe mein Bestes getan, die Fakten objektiv darzustellen. Hari-śauri, der beim Schreiben seines A Transcendental Diary mit einem ähnlichen Problem konfrontiert war, sagre hierzu: „Es ist ganz gewiss nicht meine Absicht, irgendjemanden in ein peinliches Licht zu rücken. Dennoch sind Dinge geschehen, die aufgrund unserer Unreife im hingebungsvollen Dienst oder unseres mangelnden Verständnisses Probleme verursachten, die nur Seine Göttliche Gnade lösen konnte. Wir können diese Vorfälle in demselben Geist betrachten, wie Prabhupāda selbst es tat: Er verurteilte niemals jemanden wegen seines oder ihres manchmal negativen Verhaltens. Vielmehr arbeitete er daran, sowohl die Situation als auch die beteiligte Person zu berichtigen, zum Nutzen aller. Er war in jeder Situation korrigierend und unterstützend, und aus dieser Perspektive sollten diese Vorfälle betrachtet werden.“ Trotz seiner dunklen Flecken ist der helle Vollmond eine wohltuende Lichtquelle, und trotz aller Unzulänglichkeiten ist die Bewegung für KṛṣṇaBewusstsein in Deutschland – und auf der ganzen Welt – ein lobenswertes Unterfangen. Im sanften Licht des Vollmondes schenkt niemand den wenigen dunklen Flecken übermäßige Aufmerksamkeit. Wenn nach der Lektüre dieses Buches auch nur eine einzige Person das Gefühl hat, dass ihre Wertschätzung für Śrīla Prabhupāda und seine Schüler auch nur im geringsten Maße gewachsen ist, werde ich meine Mühe als erfolgreich betrachten.
Vedavyas Das
Jalón, Spanien
27. Oktober 1995
Śrīla Prabhupādas Verscheidungstag