DIE RAZZIA
m 15. Dezember 1974, einem Sonntagmorgen wie jeder andere, saßen etwa siebzig Gottgeweihte auf Schloss Rettershof beim Frühstück. Zwischen Löffeln von heißem halavā und süßem Joghurt machten Geschichten von den neuesten Saṅkīrtana-Erlebnissen die Runde. Die meisten Buchverteiler waren am Abend zuvor nach einer weiteren erfolgreichen Woche im Schloss angekommen. Nachdem sie ihre VW-Busse entladen und sich geduscht hatten, waren sie im großen Saal zu einem ausgelassenen kīrtana zusammengekommen und hatten stundenlang in Ekstase getanzt und gesungen. Am nächsten Tag würde die letzte Woche der Buchverteilung und des Spendensammelns vor Weihnachten beginnen – gewöhnlich die erfolgreichste Woche des Jahres. Doch an jenem Morgen um acht Uhr klopfte ein gut gekleideter Herr in einem dunklen Mantel an die Eingangstür. Es war Staatsanwalt Schomberg, und er kam nicht allein. In Begleitung von achtzig Polizisten betrat er das Schloss und legte einen Durchsuchungsbefehl vor. In den folgenden Stunden überprüfte die Polizei die Ausweise aller Anwesenden und durchsuchte das A
Gebäude. Über viele Monate hinweg hatte Schomberg offenbar belastendes Material über Betrug und andere illegale Tätigkeiten gesammelt. Eine zunehmende Zahl von Bürgern, die daran zweifelten, dass ihre Spenden nach Indien geschickt wurden, um die Bedürftigen zu speisen, hatte sich an die Polizei gewandt. Gegen Mittag wurden die Gottgeweihten zur Vernehmung ins Frankfurter Polizeipräsidium gebracht. Die Beamten machten Fotos von ihnen und nahmen ihre Fingerabdrücke, und ein Richter gab dem Antrag des Staatsanwalts statt, die Bankkonten der Gesellschaft einzufrieren.
Prabhupāda hielt sich in Bombay auf, als er fast eine Woche später per Telegramm von der Razzia erfuhr. Sein Sekretär informierte ihn, dass die schlechte Presse nicht nur in Deutschland, sondern weltweit das öffentliche Ansehen seiner Bewegung schädigte. Unverzüglich beauftragte er Brahmānanda Swami, nach Frankfurt zu fliegen und ihm einen ausführlichen Bericht zu erstatten.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Einige von uns glaubten, die Razzia sei eine direkte Reaktion auf die Veröffentlichung von Leben kommt von Leben, da ich Prabhupādas unverblümte Kritik an den modernen Wissenschaftlern absichtlich unredigiert gelassen hatte. Meine Absicht war es, Aufmerksamkeit zu erregen – eine Art Schocktherapie anzuwenden. Als Brahmānanda Swami davon hörte, sagte er mir, dass es keine kluge Entscheidung gewesen sei, solche Aussagen zu veröffentlichen, und dass Prabhupāda dies nicht gutheißen würde. Er erinnerte sich an eine ähnliche Situation aus den frühen Tagen des Back to Godhead-Magazins. Damals hatten sie einen Artikel veröffentlicht, der Ramakrishna kritisierte, woraufhin Prabhupāda an Brahmānanda, der für den redaktionellen Inhalt verantwortlich war, geschrieben hatte: Was Govinda Dasi betrifft, so hättest du ihren Artikel über Ramakrishna, den sie als Schwachkopf und Betrüger bezeichnet, nicht drucken sollen. Wir können niemanden in schriftlicher Form direkt angreifen. Es gibt ein SanskritSprichwort, das besagt, dass man etwas tausendmal mündlich sagen, aber nie schriftlich niederlegen darf. Ebenso können wir zwar starke Worte gegen all diesen Unsinn verwenden, aber wenn wir es schwarz auf weiß drucken, ist das
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nicht gut. Anstatt diese Halunken also direkt beim Namen zu nennen, sollten wir ein anderes Wort verwenden, wie zum Beispiel „Sesselphilosophen“. Wie sich einige Jahre später während der Gerichtsverhandlungen herausstellte, spiegelten die Vorwürfe gegen ISKCON die Verärgerung der Öffentlichkeit über die Sammelmethoden der Gesellschaft wider, insbesondere im Zusammenhang mit dem Hungerhilfsprogramm in Indien. Als Prabhupāda einen Brief vom Tempelpräsidenten in Stockholm erhielt, in dem dieser die fragwürdigen Methoden der schwedischen Gottgeweihten beschrieb, die ebenfalls von Hansadutta geschult worden waren, antwortete er am 6. Januar 1975: Was die Anwendung unehrlicher Methoden betrifft, so habe ich so etwas niemals empfohlen oder gelehrt. Das ist nicht meine Vorstellung. Diese Schallplattenverteilung hat verheerenden Schaden angerichtet. Sie muss sofort eingestellt werden. Ich habe auch Hansadutta angewiesen, sie zu beenden. Die Verteilung von Büchern ist unsere eigentliche Mission. Wenn wir den Leuten eine Schallplatte geben, hören sie nur einen magischen Klang und nutzen ihn zur Sinnesbefriedigung, aber wenn sie eines unserer Bücher erhalten und auch nur eine einzige Seite lesen, ziehen sie daraus einen ewigen Nutzen. An Brahmānanda Swami schrieb er: Hansadutta hat den Schwerpunkt auf den Verkauf von Schallplatten gelegt und dabei alle möglichen Tricks und Mittel angewandt. Der Vorfall in Deutschland hat weltweit katastrophale Folgen. Er schädigt überall unseren Ruf. Ich möchte nicht, dass dieser Schallplattenvertrieb fortgesetzt wird. Hört also sofort damit auf. Stattdessen konzentriert euch mehr auf die Verteilung von Büchern. Als Gottgeweihte weltweit die negativen Folgen fragwürdiger Sammelmethoden erkannten, entbrannte eine interne Debatte: Heiligte der Zweck wirklich die Mittel? Rūpānuga, einer der GBC-Sekretäre für Nordamerika, der einen geradlinigen Ansatz befürwortete, wandte sich an Prabhupāda und erhielt folgende Anweisungen: Was die Kontroverse über die Methoden der Buchverteilung betrifft, so hast du recht. Wir müssen ehrlich sein. Die Bevölkerung sollte unsere Mitglieder als ehrlich achten. Wenn wir etwas tun, das die positive öffentliche Meinung gegenüber unserer Bewegung beeinträchtigt, ist das nicht gut. Unter keinen
Umständen sollten wir in der Öffentlichkeit in Verruf geraten. Diese unehrlichen Methoden müssen sofort eingestellt werden. Sie schaden unserem Ruf auf der ganzen Welt. Geld, das für die Speisung der Menschen in Indien bestimmt ist, sollte ausschließlich unter dem Namen ISKCON Food Relief gesammelt werden – unter keinem anderen Namen. Und jeder Pfennig dieses Geldes muss nach Indien geschickt werden. Noch besser: Kauft Getreide und schickt es hierher, und wir werden es verteilen. Prabhupāda hatte auch Bhagavān beauftragt, Schloss Rettershof zu besuchen. Nachdem er dessen Bericht erhalten hatte, brachte er seine Enttäuschung wie folgt zum Ausdruck: Ich bin durch die jüngsten Vorfälle in Deutschland sehr niedergeschlagen. Es ist nun offensichtlich, dass einige unserer führenden Mitglieder zu ehrgeizig sind, und es hat so viele persönliche Abstürze gegeben. In seinem letzten Brief schrieb Hansadutta: ‚Ich bin ausgelaugt, mein Geist ist ausgebrannt, ich weiß nicht, was ich tun soll. Sag mir einfach, was ich tun soll, und ich werde es tun. Ich kann Deine Gedanken oder Deine Handlungen nicht verstehen; ich weiß nicht, was Du willst oder was Du von mir erwartest. Deshalb werde ich mich jetzt einfach hinsetzen und chanten, bis ich von Dir höre, denn alles, was ich bisher getan habe, ist schiefgegangen. Bitte sage mir einfach, was ich tun soll. Es tut mir leid, wieder schlechte Nachrichten zu bringen. Bitte vergib mir, ich bin so hilflos und spirituell schwach. Bitte rette mich. Was kann ich noch sagen – bitte rette mich. In Indien hast Du gesagt: „Jedes Gerücht enthält ein Körnchen Wahrheit.“ Also müssen auch die Polizei, die Karmīs und die Zeitungen ein Körnchen Wahrheit enthalten. Ich habe allen Mut verloren. Alle meine Gottbrüder und Deine Göttliche Gnade sind unzufrieden mit mir. Ich kann mich für nichts mehr begeistern.“ Prabhupāda bat Hansadutta, so schnell wie möglich zu ihm nach Hawaii zu kommen. Er wollte versuchen, seinen Schüler wieder auf den rechten Weg zu bringen; ihn zu ermutigen, vorsichtiger zu sein und seinen Pflichten weiter nachzukommen. Es war nicht das erste Mal, dass einer seiner führenden Schüler gestrauchelt war. Doch er hatte keinen von ihnen jemals verstoßen. Er tat immer alles, um die betreffende Person zu retten. Prabhupāda hielt die Türen offen und war bereit, jedem eine zweite Chance zu geben, der seine
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Fehler bereute und entschlossen war, den Kampf gegen māyā wieder aufzunehmen.
ŚUBHĀṄGĪ DEVĪ DĀSĪ: Ich wurde 1948 in Deutschland am Dreikönigstag geboren. Mein Vater, ein expressionistischer Künstler, hatte religiöse Neigungen und studierte täglich die Bibel. Er zeigte mir die Bedeutung von Glaube und brachte mir das Beten bei, und deshalb betrachte ich ihn als meinen ersten guru. Da er von Beruf Künstler war, nahm er mich oft mit aufs Land, auf Kuhweiden und in Kornfelder, wo er wunderbare Naturlandschaften skizzierte oder Szenen aus der Bibel mit Jesus und seinen Jüngern darstellte. Nach dem Abitur absolvierte ich ein Jahr freiwilligen Sozialdienst am Universitätskrankenhaus in Genf. Zusammen mit einer Freundin, die ebenfalls als Hilfsschwester tätig war, verbrachten wir einen Teil unserer Freizeit mit den alten und oft einsamen Patienten und sprachen mit ihnen über Gott, um sie ein wenig aufzumuntern. 1973 traf ich einige Anhänger von Guru Maharaj Ji und ließ mich auf ihre sogenannte Meditation ein, die uns glauben machen wollte, dass wir—da wir alle Elemente, das Licht, den Ozean und das göttliche Amṛta in uns tragen— Bhagavān, der Höchste Herr, seien. Doch dann heiratete unser Guru „Bhagavān“ im Alter von 17 Jahren seine Sekretärin, und damit war die Sache für mich erledigt. Etwa zur gleichen Zeit lernte ich Proshun kennen, einen jungen Inder, der aus Kalkutta nach Hamburg gekommen war, um zu studieren, und der später als Sarvabhāvana Dāsa eingeweiht wurde. Er erklärte mir, dass niemand Bhagavān werden könne. Er half mir, mich vom westlichen Denken und seinem materialistischen Lebensstil zu lösen, und zeigte mir auch, wie man ein auf ayurvedischen Prinzipien basierendes gesundes und geregeltes Leben führen kann. 1974 heirateten wir. Während wir unser Studium an der Universität Hamburg fortsetzten, begannen wir Yoga zu praktizieren, kochten vegetarisch und versuchten zu Hause zu meditieren. Eines Tages sahen wir zufällig die Titelseite einer Zeitung mit der warnenden Schlagzeile: „Hare-Kṛṣṇas setzen sogar alte Witwen unter Druck, ihre letzten Münzen herzugeben. Vorsicht!“
Als uns einige Zeit später ein Hare-Kṛṣṇa-Mönch auf der Straße ansprach und uns ein Buch verkaufen wollte, entschuldigten wir uns mit den Worten: „Wir sind Studenten, wir haben kein Geld.“ Dann beschleunigten wir rasch unseren Schritt, doch eines der Hare-Kṛṣṇa-Mädchen kam hinter uns hergelaufen und versuchte aufgeregt, uns eine Zeitschrift zu geben. Sie sagte: „Ihr müsst das lesen, es wird euer Leben verändern!“ Als wir ihr sagten: „Wir haben kein Geld, wir sind Studenten!“, gab sie uns das Zurück zur Gottheit kostenlos. Überrascht gaben wir ihr eine kleine Spende. Einige Zeit später traf mein Mann die Gottgeweihten erneut und kaufte ein Buch über Śrī Caitanya auf Englisch. Wir waren beide Christen und wollten unser Leben Gott widmen. Wir begannen, das Buch täglich zu lesen, und waren von der vedischen Philosophie und den klaren Erläuterungen Prabhupādas beeindruckt. Allmählich begannen wir, die Lehren in unserem Leben umzusetzen. Wir hörten auf, schlechten Umgang zu haben; vermieden es, unnötige Dinge anzuhäufen; legten sogar ein Gelübde ab, sonntags zu schweigen, und stellten unsere Ernährung vollständig auf vegetarisch um. Wir hatten regelmäßige Treffen, kochten gemeinsam und sprachen mit Kishor aus Kalkutta über Gott und das Leben. Kishor war mit meinem Mann per Schiff nach Deutschland gekommen und wurde später als Bhakti Charu Swami eingeweiht. Ende 1974 zogen wir nach Berlin und traten dort dem Tempel bei. Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die deutsche Übersetzung des ŚrīmadBhāgavatam abzutippen und Dīnaśaraṇa Mātājī beim Nähen der Kleider für Śrī Śrī Rādhā-Madana-mohana zu helfen. Anfang 1975 zogen wir nach Schloss Rettershof, dem ISKCON-Tempel bei Frankfurt. Im Sommer wurden wir eingeweiht und hatten eine vedische Hochzeitszeremonie. Im Oktober desselben Jahres brachte ich unseren Sohn Abhimanyu zur Welt.