WIEDER IN BERLIN

urz nach Hansaduttas Abreise fuhren Śivānanda, Sucandra und Gunnar zurück nach Berlin, um dort einen Tempel zu eröffnen, und einige Wochen später schlossen sich Vāsudeva, der nun verheiratet war, und seine Frau Vṛnda Devī ihnen an. Prabhupāda war erfreut zu erfahren, dass seine Schüler wieder in der größten Stadt Mitteleuropas predigten. Er schrieb an Śivānanda: Es freut mich, dass du wieder in Berlin bist. Als du das erste Mal allein nach Deutschland gingst, betete ich, dass Krishna dir in jeder Hinsicht helfen möge, dort in Berlin eine Zweigstelle aufzubauen. Jetzt hast du es endlich dank Krishnas Gnade geschafft. Berlin ist eine der wichtigsten Städte Europas und eines der Tore zur kommunistischen Welt, und da euer Tempel zentral gelegen ist und über gute Räumlichkeiten verfügt, ist alles für unser Predigerprogramm bereit. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Berliner unseren Sankirtana so gut annehmen, dass du mit nur einem weiteren Gottgeweihten an einem Nachmittag 100 Zeitschriften verteilen konntest. Das Ziel unseres Sankirtana ist es, dass jeder, dem wir begegnen, den Hare Krishna mantra hört und chantet und eine Zeitschrift mit nach Hause nimmt. Daran erkennen wir den Erfolg. K

BHAKTIVAIBHAVA SWAMI: Als wir nach Berlin kamen, konnten wir es uns nicht leisten, sofort eine Wohnung zu mieten, aber wir fanden in einer der vielen Kommunen Unterkunft. Unser Tagesablauf blieb jedoch derselbe wie in Hamburg: Wir gingen zum harināma und baten um Spenden. Manchmal waren wir zu dritt, manchmal nur Śivānanda und ich, und gelegentlich ging ich auch allein. Wir gingen bei jedem Wetter hinaus – wir ertrugen die brennende Sonne ebenso wie Regen und Schnee. Als ich an einem Wintertag stundenlang allein im Schnee stand, chantete und Einladungen verteilte, trat ein großer, kräftiger Betrunkener vor mich hin und starrte mich eine Weile an. Dann zerrte er an meinem dhotī, als ob er mich entkleiden wollte. Ich schloss die Augen und suchte Zuflucht beim heiligen Namen. Plötzlich kam ein Behinderter vorbei. Er hatte ein verletztes Bein und ging an einer Krücke. Aber er war sogar noch größer als der andere riesige Kerl; er packte ihn am Kragen und an der Hose und hievte ihn zur Seite, sodass er über den vereisten Bürgersteig schlitterte. Als es Zeit für meine Einweihung war, schickte ich Prabhupāda meine Gebetskette und legte eine Postkarte der Gedächtniskirche bei. Mit einigen Kreuzen hatte ich darauf die Stellen markiert, an denen wir harināma machten. Später schickte Prabhupāda die Postkarte zurück. Er hatte über die Kirche „ISKCON“ geschrieben und regte uns an, die Kirche zu erwerben.

ŚIVĀNANDA DĀSA: Wir haben es tatsächlich versucht. Wir setzten uns mit dem Kirchenamt in Verbindung und trugen unser Angebot vor, aber sie lehnten ab. Als wir Prabhupāda darüber informierten, schrieb er zurück: „Sagt ihnen, wir werden die Kirche restaurieren, wenn sie uns erlauben, sie zu nutzen.“ Wir wussten nicht, wie das möglich sein sollte – wir hatten ja überhaupt kein Geld –, aber wir traten erneut an die Behörden heran, und wieder sagten sie nein. Jedenfalls war Prabhupāda nicht jemand, der im Kleinen dachte.

BHAKTIVAIBHAVA SWAMI: In meinem Einweihungsbrief schrieb Prabhupāda: „Dein Name ist Avināścandra, was bedeutet: ‚Kṛṣṇa, der Mond, der niemals untergeht.‘“ Er fügte hinzu, dass ich alle seine Bücher lesen, regelmäßig zum harināma gehen und nur kṛṣṇa-prasādam essen sollte. Als guru-dakṣiṇā

Wieder in Berlin

schickte ich ihm ein gerahmtes Foto seines spirituellen Meisters und Marzipan, wofür er mir in einem weiteren Brief dankte.

ŚIVĀNANDA DĀSA: Schließlich mieteten wir Räumlichkeiten in einem Bürogebäude in der Nähe des Kurfürstendamms. Da es sich um ein reines Gewerbegebiet handelte, war das Übernachten dort untersagt. Das Büro nebenan gehörte einem Verlag, und die Leute dort waren wirklich gehässig; sie riefen die Polizei und behaupteten, wir würden in den Büroräumen wohnen. Als die Polizei kam, durchsuchten sie alle Zimmer, konnten aber keine Betten finden. Wir benutzten Schlafsäcke, und diese wurden tagsüber verstaut. Sie kamen daher zu der Schlussfolgerung, dass hier niemand die Nacht verbrachte, meinten ‚Kein Problem‘ und gingen wieder. Wir lachten, aber unsere Nachbarn schäumten vor Wut.

AKRŪRA DĀSA: Ich hatte in Berlin Kunst studiert, und es war gar nicht leicht, Fuß zu fassen. Ich hatte bereits eine Familie – eine Frau und zwei Kinder –, reiste aber viel in ganz Europa umher, auf der Suche nach einem Umfeld, das unsere materiellen und spirituellen Bedürfnisse erfüllen könnte. Seit den späten 60er-Jahren war ich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Ich gab Drogen und Alkohol auf, wurde Vegetarier, besuchte oft das buddhistische Zentrum in Berlin, las esoterische Literatur und stand in Kontakt mit Swami Devamurti, der die Meditation über die heilige Silbe OM lehrte. Eines Tages im September 1970 – ich war gerade aus Paris zurückgekehrt – besuchte ich einen Freund, der Schriftsteller war. Bei ihm zu Hause traf ich eine Chinesin, die mit der Deutung des I-Ging vertraut war. Ich warf die Stäbchen, und sie sagte mir, dass außergewöhnliche Ereignisse bevorstünden, die meinem Leben eine neue Richtung geben würden. Mein Freund weihte mich in die neuesten Berliner Ereignisse ein und erzählte von Leuten, die seit einiger Zeit auf den Straßen sangen und tanzten. Ich beschloss, sie am nächsten Tag zu suchen, um mehr herauszufinden. Am nächsten Morgen ging ich zum Kurfürstendamm und sah tatsächlich drei junge Männer in langen Gewändern auf dem Bürgersteig singen. Da ich immer eine Mundharmonika bei mir trug, wollte ich mitspielen und mitsingen, so wie ich es schon oft mit Gitarre spielenden Hippies getan hatte.

Ich sah wild aus, mit einem Bart und langen Haaren, aber sie duldeten mich und lachten nur. Als sie zum Tempel zurückgingen, durfte ich mitkommen. Ich war überzeugt, dass ich etwas Echtes gefunden hatte, dass dies nicht dasselbe war wie all die Straßenkünstler, Straßentheatergruppen oder die Freaks und Hippies, die zum Berliner Straßenbild gehörten. Ich beschloss, über Nacht zu bleiben. Der Tempel war nur ein umgewandeltes Büro, aber ich mochte seine Schlichtheit. Alles war einfach, sauber und klar, und das hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Damals war ich so verwirrt, wie man es nur sein konnte. Eigentlich befand ich mich an der Grenze zur totalen geistigen Verwirrung; nur ein bisschen mehr Verwirrung und ich wäre wahrscheinlich in der Psychiatrie gelandet. Die feierlich erhabene Tempelatmosphäre war genau das, was ich brauchte, und so war ich dankbar, dass ich dort die Nacht verbringen durfte.

KAṆḌABHĀSĪ DEVĪ DĀSĪ: Als mein Mann in jener Nacht nicht nach Hause kam, begann ich mir Sorgen zu machen. Ich war zwar daran gewöhnt, dass er oft verreiste, aber wann immer er in Berlin war, blieb er nie über Nacht von zu Hause weg. Wir hatten kein Telefon, also nahm ich, sobald die Kinder schliefen, den Bus und suchte ihn bei unseren Freunden. Aber er war nicht aufzufinden. Am dritten Morgen seiner Abwesenheit läutete es an der Tür, und da stand mein Mann – in Begleitung eines Mönchs. Der Mönch stellte sich als Śivānanda vor. Ich war nicht allzu überrascht, obwohl er in einen dhotī gekleidet war und einen kahlgeschorenen Kopf hatte. Akrūra brachte ständig seltsame Leute mit nach Hause – Menschen aus Asien, Amerika und Frankreich; Schauspieler, Künstler und andere Bohemiens. Ich hatte die Gottgeweihten schon früher gesehen, während mein Mann auf Reisen war, aber ich hatte mich nicht getraut, sie anzusprechen. Eine gewisse Scheu hielt mich zurück. Ich konnte spüren, dass dies etwas Machtvolles war, und ich fühlte mich nicht bereit, diesem zu begegnen. Aber jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Mein Mann hatte beschlossen, einer von ihnen zu werden. Glücklicherweise machte Kṛṣṇa mir die Dinge nicht allzu schwer. Als ich am nächsten Tag den Tempel besuchte, traf ich Vṛndādevī, ein Mädchen mit

Wieder in Berlin

strahlendem Gesicht, das in einen farbenfrohen Sari gekleidet war. Ich mochte sie sofort, und wir wurden bald Freundinnen. Sie erschien mir wie ein Engel, und die friedliche, spirituell aufgeladene Atmosphäre des Tempels wirkte wie der Himmel. Die kīrtanas waren besonders anziehend. Die Melodien waren nicht kompliziert, sondern einfache, meditative Tonfolgen, an denen man mühelos teilnehmen konnte. Das Chanten der heiligen Namen versetzte mich in eine zeitlose Umgebung und ließ mich vergessen, dass ich mitten in einer geschäftigen Großstadt war.

HARERNĀMĀNANDA DĀSA: 1971 arbeitete ich für die US-Armee in Berlin als Fotografie-Lehrer. Ich lebte mit Künstlern in einer Kommune, und ein Freund von mir brachte öfters Ausgaben von Zurück zur Gottheit mit. Nach der Lektüre ließ er die Hefte auf meinem Schreibtisch liegen, und ich las sie immer wieder von der ersten bis zur letzten Seite durch. Es war ein Jahr der inneren Suche. Ich hatte das sogenannte bürgerliche Leben satt. Ich wollte Gott finden und wusste, dass ich die Hilfe von Gleichgesinnten brauchte. Meine Freunde und ich beschäftigten uns oberflächlich mit Philosophien, Yoga und der Gegenkultur. Anfang 1972 besuchte einer meiner Freunde den Hare-Kṛṣṇa-Tempel. Er erzählte uns davon, wie Essen dargebracht wird, sprach über Śrī Caitanya und zeigte uns die englische Ausgabe von Teachings of Lord Caitanya. Wir waren nicht sonderlich beeindruckt. Für mich klang es wie nur eine weitere philosophisch-spirituelle Gruppe unter all den vielen, von denen ich gehört hatte. Einige Monate später saß ich an einem Frühlingsabend mit einem Freund in einem Café am Kudamm. Es war das erste milde Wochenende nach einem langen Winter, und der Bürgersteig war voller Menschen. Während wir unseren Tee schlürften, hörten wir einen schwachen, glockenähnlichen Rhythmus und das Chanten von „Hare Kṛṣṇa“. Mein Freund und ich hatten einmal versucht, den in der Zeitschrift abgedruckten mahā-mantra zu chanten, aber wir brachten die Namen immer durcheinander. Als ich jetzt genauer hinhörte, wurden der Klang der karatālas und das Chanten lauter. Das Klingen der Zimbeln trotzte dem dichten Verkehrslärm und den Geräuschen der vorbeigehenden Menschen.

Schließlich kam ein einzelner Mönch in Sicht. Es war Akrūra. Die Adern auf seiner Stirn traten hervor, während er mit äußerster Intensität chantete. Als er sich seinen Weg durch das Meer von Fußgängern bahnte und jedem Einzelnen die Barmherzigkeit des heiligen Namens schenkte, wirkte er wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Als ich ihn so sah, engelhaft und allein – sozusagen „einer gegen alle“ –, unbeeindruckt von den Reaktionen der Leute und völlig vertieft in sein Chanten, konnte ich seinen Mut, seine Hingabe und seine Überzeugung nur bewundern. Ich wusste: dieser Typ war echt. Das war es, wonach ich gesucht hatte: jemand Authentisches, der auf dem spirituellen Pfad fortgeschritten war. Ich konnte sehen, dass Akrūra zwar körperlich hier war, sich aber gleichzeitig geistig ganz woanders befand. Während er den Kudamm entlangging, hatte er nichts mit seiner Umgebung zu tun. Und doch chantete er nicht für sich allein, sondern für uns alle. Als dann mein Freund uns das nächste Mal einlud, mit ihm zum Tempel zu kommen, stimmten wir bereitwillig zu. Der Tempel in der Nordbahnstraße, nahe der Mauer, befand sich in einer heruntergekommenen Wohnung, und die einzigen Gottgeweihten, die an jenem Tag dort waren, waren ein verheirateter junger Mann namens Vāsudeva, seine Frau, sein Sohn und Akrūra. Trotz der materiellen Mängel schätzte ich die ungewöhnliche Atmosphäre von Liebe, Frieden und Toleranz. Ich fühlte, dass diese Menschen wahrscheinlich sogar jemanden wie mich dulden könnten. Ich beschloss einzuziehen. Als ich die Unmenge an Fotos und Negativen, die ich während meiner zwölfjährigen Karriere aufgenommen hatte, in den Müll warf, war das ein endgültiger Bruch mit meiner Vergangenheit. Ich nahm nur wenige Habseligkeiten mit. Und es machte mir nichts aus, dass meine ersten Dienste – den Boden wischen und Getreidebrei mit Honig zum Frühstück kochen – weit weniger anspruchsvoll waren als meine frühere Tätigkeit. *** Śrīla Prabhupāda war mit Śivānandas Bemühungen, Kṛṣṇa-Bewusstsein in der „geteilten Stadt“ zu verbreiten, sehr zufrieden, und als er erfuhr, dass Śivānanda vorhatte, deutscher Staatsbürger zu werden und sich stärker in der Organisation der dortigen Predigttätigkeit zu engagieren, schrieb Prabhupāda ihm einen langen und ermutigenden Brief:

Wieder in Berlin

Bitte nimm meinen Segen entgegen. Ich bestätige den Erhalt deines Briefes vom 1. Dezember 1971, dessen Inhalt ich mit großer Freude zur Kenntnis genommen habe. Du bist von Anfang an ein sehr entschlossener und guter Diener Krishnas gewesen, und gerade jetzt, während ich meine tägliche Massage bekomme, erinnere ich mich, dass auch du mich zu massieren pflegtest. Du bist ein sehr guter Junge, vielen Dank für deine Hilfe. Wenn du in Deutschland viele Mitglieder gewinnen und deutschsprachige Bücher veröffentlichen kannst, ist das der allerbeste Plan. Die Deutschen sind sehr intelligent und philosophisch interessiert. In letzter Zeit haben wir einige ihrer Philosophen wie Kant, Hegel, Marx und andere besprochen, und ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland viele Intellektuelle gibt, die unsere Krishna-Philosophie schätzen werden. Sie haben großen Respekt vor der Philosophie Indiens, und das müssen wir jetzt nutzen und diese Philosophie in reiner Form darlegen. Daher ist es sehr wichtig, so viele Bücher wie möglich in deutscher Sprache zu drucken. Ich habe gehört, dass du vielleicht nach Heidelberg gehen wirst, wo es eine bedeutende Universität gibt. Das ist unser bestes Aktionsfeld. Werde erst einmal selbst von unserer Krishna-Philosophie fest überzeugt, lerne sie gründlich, präsentiere sie dann an solchen Universitäten und stecke alle damit an. Wir scheuen uns nicht, jeden weltlichen Philosophen herauszufordern und zu besiegen, denn diese Philosophen bewegen sich auf der mentalen Ebene, die sich ständig verändert. Sie haben daher keine wirkliche Autorität. Wir hingegen hören von der Quelle allen Wissens, Krishna, und von Seinen Vertretern, den Heiligen und Acharyas in der Guru-parampara. Folglich ist unsere philosophische Grundlage solide. Wenn wir fest überzeugt sind und auf diese Weise predigen, wird die gebildete Schicht uns respektieren und sich uns anschließen. Das wird dein Erfolg in Deutschland sein. Wenn jemand wie Marx so viele Menschen dazu bringen konnte, seiner unvollkommenen Philosophie zu folgen, was kann Krishna, der Höchste Vollkommene, vollbringen! Wenn wir rein bleiben und andere in reiner Form unterweisen, werden wir allen Erfolg haben. Dann wird die ganze Welt auf uns hören und so aus ihrer prekären Lage befreit werden. Vielen Dank, dass du mir bei dieser wichtigen Mission hilfst; ich denke, du bist dir darüber im Klaren, dass es die höchste und erhabenste aller Tätigkeiten ist.