SONNENAUFGANG IN PARIS
a Śrīla Prabhupāda, der am 20. Juli 1972 in Paris erwartet wurde, Deutschland während seiner Europareise jenes Sommers nicht besuchen würde, machten sich alle Gottgeweihten in Deutschland, mit Ausnahme der pūjārīs, auf den Weg nach Frankreich.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Wir erreichten den Pariser Tempel im Vorort Fontenay-aux-Roses am Abend des 19. Juli. Gottgeweihte aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Holland und England waren alle gekommen, um mit Prabhupāda zusammen zu sein, und der kleine Tempel glich einem Bienenstock. Wohin auch immer ich ging, überall strichen Gottgeweihte Türen, Wände, Decken und Fensterrahmen weiß und blau, während Bhagavān, der GBC für Frankreich, die ganze Operation wie ein Feldwebel leitete. Einige von uns malten noch bis zum letzten Augenblick, kurz bevor Prabhupāda zur Tür hereinkam. Am nächsten Tag, nach dem Frühstück, fuhren etwa siebzig Gottgeweihte nach Orly, wo Prabhupādas Flug aus London gegen Mittag landen sollte.
JAYAGOURA DĀSA: Als ich Prabhupāda zum ersten Mal am Pariser Flughafen Orly sah, bemerkte ich zunächst nichts Besonderes, doch als er näher kam, sah ich Tränen in seinen Augen. Und als ich mich niederwarf, um meine Ehrerbietungen darzubringen, kamen mir ebenfalls die Tränen. Später fand ich heraus, dass viele Gottgeweihte eine ähnliche Erfahrung gemacht hatten. Ich denke, dass Prabhupāda spirituelle Emotionen zeigte und dadurch unsere eigenen Gefühle bewegte. Er sah, dass wir nur durch Kṛṣṇas Barmherzigkeit Kṛṣṇas Geweihten geworden waren. Indem er eine Stimmung tiefster Demut und Dankbarkeit ausstrahlte, war er wie die Sonne, die mit ihren Strahlen die Dunkelheit erhellt.
BHARATA DĀSA: Meine erste Begegnung mit Prabhupāda in Orly war eine große Überraschung. Ich war erst zwei Monate zuvor per Post eingeweiht worden, und meine Vorstellung von Prabhupāda war die eines friedlichen yogīs. Doch er war ganz anders, als ich ihn vor meinem geistigen Auge gesehen hatte. Sobald Prabhupāda erschien, begannen die meisten Gottgeweihten zu weinen. Die Atmosphäre wurde plötzlich von einem intensiven Gefühl der Gottesliebe und grenzenloser Barmherzigkeit gegenüber allen gefallenen Seelen erfüllt – es war einfach überwältigend.
PṚTHU DĀSA: Nachdem wir am Flughafen angekommen waren, begannen wir sofort mit einem kīrtana. Zusammen mit einigen anderen ging ich voraus zum Zollbereich. Während die Schiebetüren aufund zugingen und die Reisenden einer nach dem anderen herauskamen, blickte ich durch die Türen und sah Prabhupāda etwa zwanzig Meter entfernt. Als er uns bemerkte, lächelte er und winkte. Ich war so überwältigt, Prabhupāda zum ersten Mal persönlich zu sehen, dass ich sofort zu Boden fiel und Ehrerbietungen darbrachte. Ich lachte und weinte gleichzeitig. Mein Körper zitterte, und innerhalb weniger Sekunden erlebte ich alle möglichen widersprüchlichen Gefühle. Das war meine erste Erfahrung mit Prabhupāda.
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Ich sah Śrīla Prabhupāda zum ersten Mal im Pariser Flughafen Orly. Etwa siebzig Gottgeweihte hatten sich in der Ankunftshalle versammelt und empfingen ihn mit einem tosenden kīrtana. Sobald Prabhupāda für uns sichtbar wurde, lächelte er breit und winkte uns zu. Das
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Gefühl, ihn persönlich zu sehen, nachdem ich so viel über ihn gehört, Bilder von ihm gesehen, seine Bücher gelesen und seine Zeitschriften verteilt hatte, lässt sich schwer in Worte fassen. Seine wahre Größe schien durch seine kleine körperliche Gestalt und seine sanfte goldene Ausstrahlung noch hervorgehoben zu werden. Dass er sogar kleiner war als ich, weckte in mir eine besondere Zuneigung, vielleicht verbunden mit einem Gefühl von Beschützerinstinkt. Einer meiner ersten Gedanken beim Anblick war: „Ja, hier ist mein ewiger Vater.“ Wir standen in zwei Reihen und bildeten eine Art Gang. Als Prabhupāda an mir vorbeiging, warf ich mich ihm zu Füßen und brachte ihm eine Daṇḍavat-Ehrerbietung dar. Als sein rechter Lotosfuß meinen rechten Daumen leicht berührte, fühlte ich mich durch diese unerwartete Berührung besonders gesegnet. Nachdem ich wieder aufgestanden war, fragte mich jemand, ob ich helfen könne, Prabhupādas Gepäck zu holen. Zwei oder drei von uns eilten mit seinem Diener zum Förderband, überglücklich darüber, einen kleinen, praktischen Dienst für die persönlichen Gegenstände eines reinen Gottgeweihten leisten zu können. Wir wussten, dass Prabhupāda in seinem Gepäck seine Bücher und seine Übersetzungsarbeit mit sich führte. Tatsächlich war ein großer Koffer besonders schwer, und so trug ein kräftigerer Gottgeweihter diesen, während ich mich um einen der kleineren Koffer kümmerte.
VAIDYANĀTHA DĀSA: Als Prabhupāda aus dem Zollbereich kam, war er von vielen Menschen umgeben. Für mich wirkten diese Menschen wie eine graue Masse, von der sich Prabhupāda wie eine Lichtgestalt abhob. Mit einem großen Lächeln im Gesicht winkte er den Gottgeweihten zu. Im Gegensatz zu den anderen Passagieren, die mir wie Schatten vorkamen, schien Prabhupāda die einzige wirkliche Person unter ihnen zu sein.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Um Prabhupāda zu empfangen, bildeten wir eine Gasse vom Zollbereich durch die gesamte Ankunftshalle bis zu dem Bereich, wo Prabhupāda eine Pressekonferenz geben sollte. Mit unseren Köpfen in die Richtung gewandt, aus der wir ihn erwarteten, sangen wir alle in einem ekstatischen kīrtana zur Verherrlichung des reinen Geweihten Kṛṣṇas. Plötzlich wurde das Chanten lauter, und einige Gottgeweihte begannen wie verrückt auf und ab zu springen. Prabhupādas Erscheinen stand unmittelbar bevor. Dann sah ich seinen Kopf – goldfarben und glänzend, fast wie aus Edelholz geschnitzt. Seine Spiritualität war spürbar und unterschied ihn von allen anderen um ihn herum. Seine leuchtenden Augen glitten barmherzig über uns, während er gleichzeitig eine tiefe Demut ausstrahlte. Als Prabhupāda den Gang entlangging, brachten die Gottgeweihten der Reihe nach ihre Ehrerbietungen dar. Weiter unten stehend wartete ich gespannt darauf, dass Prabhupāda vorbeikam, und als er schließlich so nahe war, dass ich ihn berühren konnte, fiel ich zu Boden. Meine Stimme stockte beim Rezitieren der praṇāma-mantras, Freudentränen schossen mir aus den Augen, und ein Zittern durchlief meinen Körper. Die ganze Erfahrung dauerte nur wenige Sekunden, hinterließ jedoch einen unauslöschlichen Eindruck in meinem Herzen. *** Als ich dieses Kapitel zu schreiben begann, hatte ich eigentlich nicht vor, dieses sehr persönliche Erlebnis mit einem breiten Publikum zu teilen, vor allem aus Sorge, es könnte als sentimentale Einbildung missverstanden werden. Doch als ich feststellte, dass mehrere Gottgeweihte eine ähnliche Erfahrung gemacht hatten, entschied ich mich, auch von meiner eigenen zu erzählen. Jahre später fand ich beim Lesen des Śrī Caitanya-caritāmṛta eine Stelle, die bestätigt, dass reine Gottgeweihte eine besondere Ausstrahlung besitzen. Im 11. Kapitel des Madhya-līlā, Verse 94-95, wird beschrieben, wie Mahārāja Pratāparudra die Gottgeweihten beim saṅkīrtana beobachtet und verwundert ausruft: „Beim Anblick all dieser vaiṣṇavas bin ich sehr erstaunt, denn ich habe noch nie solch eine Ausstrahlung gesehen. Tatsächlich gleicht ihre Ausstrahlung dem Glanz von Millionen Sonnen. Auch habe ich die Namen des Herrn noch nie so melodisch chanten hören.“ In der Erläuterung zu Vers 95 erklärt Śrīla Prabhupāda: Das sind die Merkmale reiner Gottgeweihter, wenn sie chanten. Alle reinen Gottgeweihten sind so lichterfüllt wie der Sonnenschein; ihr Körper glänzt, ja leuchtet geradezu. Auch ihr Chanten im saṅkīrtana ist unvergleichbar. Es gibt
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viele professionelle Sänger, die mit verschiedenen Musikinstrumenten kunstvoll und musikalisch chanten, aber ihr Chanten kann niemals so anziehend sein wie das gemeinsame Chanten reiner Gottgeweihter. Wenn ein vaiṣṇava streng nach den Prinzipien lebt, die das Verhalten eines vaiṣṇava bestimmen, so wird sein körperlicher Glanz von Natur aus attraktiv sein, und sein Singen und Chanten der heiligen Namen des Herrn wird eine starke Wirkung haben. Die Menschen werden solch einen kīrtana spontan wertschätzen. Auch Theaterstücke über die Erlebnisse Śrī Caitanyas oder Śrī Kṛṣṇas sollten Gottgeweihte aufführen. Solche Schauspiele werden voller Kraft sein und jedes Publikum begeistern. Die Mitglieder der Internationalen Gesellschaft für Krischna-Bewusstsein sollten diese beiden Punkte zur Kenntnis nehmen und versuchen, diese Prinzipien bei ihrer Verbreitung der herrlichen Taten und Spiele des Herrn anzuwenden. Prabhupāda war also ein lebendiges Beispiel dieses Phänomens, und er erwähnte bei mehreren Gelegenheiten, dass seine Schüler sogar von Außenstehenden als „die mit einem strahlenden Gesicht“ wahrgenommen wurden, da sie ähnliche Merkmale entwickelt hatten. * * * Bhagavān, Hansadutta und andere führende Gottgeweihte des französischen Yātrās begleiteten Prabhupāda in den Salon d’honneur, einen exklusiven Empfangsraum für Würdenträger im Flughafengebäude, wo Journalisten und Gäste auf ihn warteten. Guru-Gaurāṅga, ein Prediger amerikanischer Herkunft, der damals in der Schweiz in Genf lebte, war nach Paris gereist, um seinem spirituellen Meister zum ersten Mal zu begegnen. Da er fließend Französisch sprach, wurde er als Prabhupādas Dolmetscher ausgewählt. Nach einem kurzen kīrtana begann Prabhupāda seine Ansprache, indem er den Anwesenden dafür dankte, dass sie am saṅkīrtana teilnahmen: Die Saṅkīrtana-Bewegung wurde vor fünfhundert Jahren von Śrī Caitanya Mahāprabhu begonnen, um das Leid der Menschen auf der ganzen Welt zu lindern. Er sagte voraus, dass sich diese Bewegung in jedem Dorf und in jeder Stadt ausbreiten würde und dass die Menschen glücklich werden und Frieden finden würden. Wir sehen, dass dies heute tatsächlich geschieht. Unsere Methode ist einfach: wir gehen überall hin, auf der ganzen Welt, chanten den Hare Kṛṣṇa mahā-mantra, und viele Menschen, besonders die jüngere Generation, wie diese Jungen und Mädchen hier, spüren eine Anziehung zum
Chanten. Manchmal fragen mich Zeitungsreporter, warum sich vor allem junge Leute zu dieser Bewegung hingezogen fühlen. Meine Antwort lautet: „Darin besteht der Erfolg dieser Bewegung, denn auf der jungen Generation ruht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wenn sie diese Bewegung ernstnimmt, dann wird die ganze Welt glücklich sein. Prabhupāda erklärte, dass viele Inder in den Westen kommen, um eine Ausbildung zu erhalten, weil die westliche Zivilisation vom materiellen Standpunkt aus hoch entwickelt ist. Der Schatz spirituellen Wissens in Indien hingegen ist zum Wohl aller Menschen bestimmt, ungeachtet ihrer materiellen Stellung. Wie schon viele Male zuvor wies Prabhupāda darauf hin, dass sich keine wissenschaftliche Einrichtung und keine Universität mit der unvergänglichen Seele befasst, obwohl gerade dies der eigentliche Zweck des menschlichen Lebens ist: Es ist also eine Bewegung, die der Seele gewidmet ist. Politische, soziale oder religiöse Bewegungen beziehen sich auf den vergänglichen Körper, aber die Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein bezieht sich auf die unvergängliche Seele. Durch das Chanten des Hare Kṛṣṇa mantras wird das Herz allmählich gereinigt, sodass man auf die spirituelle Ebene gelangen kann. In unserer Bewegung haben wir Schüler aus allen Ländern der Welt, aus allen Religionen der Welt. Aber sie denken nicht mehr in Begriffen einer bestimmten Religion, Nation, Glaubensrichtung oder Hautfarbe. Nein. Sie alle verstehen sich als Teile Kṛṣṇas. Wenn wir auf diese Ebene kommen und spirituellen Tätigkeiten nachgehen, sind wir frei. Aus diesem Grund ist diese Bewegung sehr wichtig. Es ist natürlich nicht möglich, diese Philosophie in wenigen Minuten in allen Einzelheiten zu erklären. Wer jedoch Interesse hat, kann gerne mit uns in Kontakt treten, sei es durch Korrespondenz, das Lesen unserer Literatur oder persönlich. Auf welche Weise auch immer Sie mit uns in Verbindung treten: Ihr Leben wird erhaben werden. Wir machen keinen Unterschied aufgrund der Herkunft einer Person. Es ist unwichtig, ob jemand aus Indien, England, Frankreich oder Afrika stammt. Wir betrachten jedes Lebewesen – nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere, Vögel, Bäume, Fische, Insekten und Reptilien – als Teile Gottes. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Lebewesen mit beschränktem Bewusstsein nicht in der Lage sind, dieses Wissen zu verstehen. Das Bewusstsein des Menschen ist hoch entwickelt. Er kann Wissen über die
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spirituelle Seele empfangen. Unsere einzige Bitte ist daher, dass Sie versuchen diese Philosophie zu verstehen und sie zum Wohl der gesamten menschlichen Gesellschaft verbreiten. Ich danke Ihnen. GURU-GAURĀṄGA DĀSA: Die Gelegenheit, Prabhupāda als Dolmetscher zu dienen, war das Privileg eines Lebens – oder vielmehr vieler Leben. Die Worte eines reinen Gottgeweihten vor einem anspruchsvollen Publikum unmittelbar in eine andere Sprache zu übertragen, war eine ganz besondere Form von śravaṇaṁ kīrtanam (Hören und Chanten), und mir war sehr bewusst, dass meine Übersetzung Prabhupādas Absicht und Botschaft vollkommen entsprechen musste. Nachdem Prabhupāda seine Ansprache beendet hatte, wandte er sich den Fragen der anwesenden Journalisten zu. Als Erster ergriff ein Reporter von France Inter, dem führenden öffentlich-rechtlichen Radiosender Frankreichs, das Wort. Guru-Gaurāṅga [übersetzt für den Reporter]: O großer Meister, würden Sie sich bitte den Hörern von France Inter vorstellen? Prabhupāda [zu Guru-Gaurāṅga]: Ich habe bereits erklärt, was unsere Mission ist und worum es in der Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein geht. Wenn er eine bestimmte Frage zur Philosophie hat, kann er sie mir stellen. Guru-Gaurāṅga [übersetzt für den Reporter und dann dessen Antwort]: Er möchte wissen, wer Sie sind und wie alt Sie sind. Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Ich bin jetzt 77 Jahre alt. Reporter [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Wie lange leiten Sie bereits diese Bewegung? Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Seit etwa fünf Jahren. Reporter [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Können Sie bitte die Kleidung beschreiben, die Sie tragen? Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Sie können Fragen über unsere Philosophie stellen. Meine Kleidung? Welchen Nutzen hat es für die Menschen, etwas über meine Kleidung zu erfahren? Anstatt auf diese Weise Zeit zu verschwenden ... Ich könnte Sie auch fragen, warum Sie so gekleidet sind. Das ist nicht sehr wichtig.
[Guru-Gaurāṅga übersetzt Prabhupādas Antwort und erinnert den Reporter daran, Fragen über die Philosophie des Kṛṣṇa-Bewusstseins zu stellen.] Reporter [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Was denken Sie über die Zukunft? Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Über die Zukunft können Sie Vermutungen anstellen ... Da ich 77 Jahre alt bin, kann ich jederzeit sterben. Aber diese jungen Männer werden weiterleben und das Kṛṣṇa-Bewusstsein auf der ganzen Welt verbreiten. Guru-Gaurāṅga: Jetzt fragt er nach Ihrer Kindheit, Śrīla Prabhupāda. Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Meine Kindheit? Ich war von Kindheit an Gottgeweihter. Mein Vater war Gottgeweihter, und er erzog mich dazu, ebenfalls Gottgeweihter zu werden. [Guru-Gaurāṅga erinnert den Reporter von France Inter erneut daran, Fragen über die Philosophie des Kṛṣṇa-Bewusstseins zu stellen.] Reporter [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Sind Sie glücklich? [Die anwesenden Schüler lachen belustigt.] Prabhupāda [Guru-Gaurāṅga übersetzt]: Was meinen Sie? Sehe ich glücklich oder unglücklich aus?
GURU-GAURĀṄGA DĀSA: Und so ging es weiter. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte den hartnäckigen Reporter nicht von seinen oberflächlichen Fragen abbringen. Ungeduldig über die scheinbar endlosen Fragen zu seinem Alter, seiner Kleidung, seiner Kindheit und anderen belanglosen Dingen beschloss Prabhupāda schließlich, die Angelegenheit auf seine eigene Weise zu handhaben. Als der Reporter ihn fragte: „Haben Sie Kinder?“, antwortete er bejahend. Der Reporter reagierte reflexartig und wollte sofort wissen: „Wie viele?“ Mit einem verschmitzten Lächeln antwortete Prabhupāda: „Viele!“ Überrascht wollte der Reporter natürlich die genaue Anzahl wissen und tappte damit direkt in Prabhupādas Falle. Ohne eine Miene zu verziehen, erwiderte Prabhupāda: „Viele Hunderte.“
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Über sein Notizbuch gebeugt begann der Reporter eifrig zu schreiben, um diese sensationelle Information festzuhalten. Mit perfektem Timing fügte Prabhupāda trocken hinzu: „... und das ohne meine Frau.“ Zunächst glaubte der Journalist, einen echten „Scoop“ gelandet zu haben. Als jedoch die anwesenden Gottgeweihten erneut in Gelächter ausbrachen, wurde ihm klar, dass Prabhupāda in auf den Arm genommen hatte – seine Schüler waren jene „Kinder“.
Nach der Pressekonferenz begannen die anwesenden Gottgeweihten wieder einen kīrtana zu singen und geleiteten Prabhupāda zu einem bereitstehenden Mercedes, der ihn zum Tempel bringen sollte. Danach eilten alle zu ihren jeweiligen Fahrzeugen, um vorauszufahren und rechtzeitig vor Ort zu sein, um ihm einen würdigen Empfang zu bereiten.
HARERNĀMĀNANDA DĀSA: Für Prabhupādas Ankunft bildeten wir ein Spalier vom Bürgersteig bis zum Eingang des Gebäudes. Nach den Fotografien im Back to Godhead zu urteilen, hatte ich mir Prabhupāda viel größer vorgestellt, doch obwohl er von eher kleiner Statur war, wirkte er in seiner Gesamterscheinung sehr erhaben, fast hoheitsvoll. Besonders seine Hände fielen mir auf; sie waren fein und aristokratisch. Mein fotografisches Auge ließ mich erkennen, dass hier jemand vor mir stand, der völlig anders war als alle Menschen, denen ich bisher begegnet war. Innerlich akzeptierte ich Prabhupāda sofort als eine selbstverwirklichte Seele. Ich wusste, dass er die richtige Person war, die ich als meinen guru annehmen konnte. In Berlin hatte ich die Gottgeweihten gefragt, ob Prabhupāda tatsächlich selbstverwirklicht sei, denn es war mir klar, dass nur jemand, der selbst nicht von der materiellen Natur bedingt war, mich befreien konnte. Als ich Prabhupāda schließlich persönlich vor mir sah, war ich sofort von seiner spirituellen Kraft beeindruckt und davon überzeugt, dass er tatsächlich ein echter spiritueller Meister war. Einige Monate bevor ich in den Tempel kam, hatte ich in einem Reformhaus ein Exemplar der Śrī Īśopaniṣad durchgeblättert. Dort hatte ich zum ersten Mal ein Bild von Prabhupāda gesehen und gelesen, wie er ganz allein von Kalkutta nach New York gereist war. Da ich in Amerika aufgewachsen war und selbst erlebt hatte, wie lebensfeindlich New York sein konnte, war ich zutiefst beeindruckt, dass Prabhupāda in seinem fortgeschrittenen Alter, fast ohne finanzielle Mittel oder Unterstützung und praktisch ohne Vorbereitung, in diese Stadt gegangen war, um zu predigen. Für mich war das ein klarer Beweis seiner Echtheit. Nur jemand mit einer wirklichen Mission würde den Mut haben, einen solchen Schritt zu wagen und so viele Entbehrungen auf sich zu nehmen.
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Die Pariser Gottgeweihten hatten einen Saal und einige Räume in der L’École d’Architecture, einer Architekturschule, gemietet, wo Prabhupāda mehrere Abendprogramme geben sollte und wo die angereisten Gottgeweihten untergebracht waren. Wie es bei öffentlichen Programmen üblich war, begannen wir mit einem kīrtana, bis Prabhupāda eintraf, auf dem vyāsāsana Platz nahm und das Lied Jaya Rādhā-Mādhava anstimmte. Es war fesselnd, einfach nur zuzusehen, wie er sang. Mit jeder Wiederholung des kurzen Liedes schien er immer tiefer in Gedanken an Kṛṣṇas Gestalt und Seine Spiele in Vṛndāvana einzutauchen. Seine Augen waren meist fest geschlossen, öffneten sich jedoch gelegentlich, um schnell durch den Raum zu blicken und seine Schüler und die Gäste zu mustern. Am Ende des Programms hielten wir einen weiteren kīrtana ab, und als die Intensität des Chantens allmählich zunahm, bewegte sich Prabhupādas Kopf immer stärker im Rhythmus, während er seine karatālas spielte und mitsang. Ein kleines Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, tanzte vor ihm hin und her. Als er die Augen öffnete und sie sah, verwandelte sich sein ernster Ausdruck plötzlich in ein breites Lächeln. Als die Gottgeweihten Prabhupāda lächeln sahen, war es, als würde dieses Lächeln alle mit frischer Energie erfüllen, und die Intensität und Ekstase des kīrtana nahm schlagartig immer mehr zu. Am Ende eines der Vorträge lud Prabhupāda das Publikum zu Fragen ein. Ein Mann mittleren Alters, offenbar ein Christ, stand auf und sagte: „Ich fürchte, hier ist überhaupt keine Religiosität vorhanden!“ Prabhupāda antwortete sofort mit einem Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme: „Oh, Sie fürchten sich?“, fragte er leicht ironisch. Seine Worte trafen so direkt den Kern
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der Unwissenheit des Mannes, dass dieser sprachlos blieb und sich ohne ein weiteres Wort wieder setzte. Mit dieser einfachen, entwaffnenden Frage vermittelte Prabhupāda ganze Bedeutungswelten. Man spürte, wie bedauernswert eine solch furchtsame bedingte Seele war, da sie die reinen transzendentalen Lehren – das eigentliche Wesen aller Religion –, die von einer selbstverwirklichten Seele voller Mitgefühl für die verblendeten Bewohner des Kali-yuga dargelegt wurden, nicht annehmen konnte.
SURABHĪ DEVĪ DĀSĪ: Damals saßen Männer und Frauen bei den Vorlesungen Prabhupādas noch nicht getrennt, weshalb ich direkt vor ihm saß. Wir hatten noch nicht gelernt, die Verse in Sanskrit zu rezitieren, aber hier ließ uns Prabhupāda jede Zeile wiederholen, und bat dann einige seiner Schüler, ebenfalls zu chanten. Als er sich uns Frauen zuwandte, wurde ich unruhig, denn ich saß direkt vor ihm. Vielleicht würde er mich bitten, den Vers zu wiederholen, aber ich hatte noch nie Sanskrit rezitiert. Ich bekam richtig Angst. Dann sah er mich an und forderte mich auf zu chanten. Ich wurde im ganzen Gesicht rot und versuchte, ein Wort nach dem anderen zu wiederholen, aber ich wusste nicht, wie man Sanskrit richtig ausspricht. Prabhupāda half mir bei jedem einzelnen Wort, und am Ende lächelte er mich an und sagte: „Sehr gut.“
PṚTHU DĀSA: Die Gottgeweihten in Paris hatten gehofft, dass Prabhupāda die Rādhā-Kṛṣṇa-Mūrtis aus Marmor, die kurz zuvor aus Indien eingetroffen waren, auf dem neuen Altar installieren würde, und so hatten sie ihre ganze Energie darauf verwendet, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Vāsudeva war dabei, den Altar zu bemalen, und alles roch nach frischer Farbe. Aber als Prabhupāda die Lage beurteilte, wurde ihm klar, dass die erforderlichen Voraussetzungen für eine angemessene Verehrung nicht gegeben waren. In einem Gespräch mit den französischen Gottgeweihten fragte er: „Diese mūrtis benötigen neun brāhmaṇas, um Sie standardgemäß zu verehren. Haben wir diese brāhmaṇas?“ Als die Antwort „Nein“ war, meinte Prabhupāda, es sei besser, noch zu warten.
AṢṬARATHA DĀSA: Sobald Hansadutta davon hörte, ging er in Prabhupādas Zimmer und sagte: „Prabhupāda, ich möchte diese mūrtis!“ Prabhupāda sagte einfach: „Dann nimm Sie.“ Auf diese Weise kamen Rādhā-Madana-mohana nach Deutschland. Fast drei Jahre lang blieben Sie in ihrer indischen Metallkiste, denn wann immer Hansadutta Prabhupāda um Erlaubnis bat, Sie aufzustellen, lautete die Antwort: „Warte.“
DVIJAVARA DĀSA: Nachdem ich im Frühjahr 1972 die Kṛṣṇa-Geweihten in England kennengelernt hatte, reiste ich nach Amsterdam und blieb dort für einige Zeit im Tempel in der Bethanienstraat. Ich war noch nicht eingeweiht und wartete gespannt auf Prabhupādas Besuch, der für Anfang August vorgesehen war. In der Zwischenzeit waren wir alle damit beschäftigt, die ehemalige Garage in einen Tempelraum umzubauen. Mitte Juli traf ein Gottgeweihter aus Indien ein und brachte MarmorMūrtis von Rādhā-Kṛṣṇa mit, die Harivilāsa für den Tempel in Paris bestellt hatte. Ein paar Tage später kamen Locanānanda und Bhugarbha in einem Volkswagen-Bus, um die mūrtis nach Frankreich zu bringen. Als ich erfuhr, dass Prabhupāda zuerst Paris besuchen würde, bevor er nach Amsterdam käme, nutzte ich die Gelegenheit, mit ihnen zu fahren. Als wir in Paris ankamen, waren die Gottgeweihten eifrig dabei, den Tempel für den Besuch vorzubereiten. Das ganze Haus roch nach frischer Farbe. Am Tag von Prabhupādas Ankunft fuhren die meisten von uns zum Flughafen Orly, wo wir alle in einen lebhaften kīrtana einstimmten und in der Ankunftshalle auf unseren spirituellen Meister warteten. Sobald ich Prabhupāda durch die Schiebetür kommen sah, verspürte ich all die ekstatischen Symptome, die im Nektar der Hingabe beschrieben werden. Ich dachte, ich würde sterben: Meine Kehle war wie zugeschnürt, der Atem stockte, die Haare standen mir zu Berge, ich zitterte am ganzen Körper und kalte Tränen traten mir aus den Augen. Sobald ich Prabhupāda sah, war mir klar: „Endlich habe ich meinen wahren Vater gefunden.“ Und auf der Stelle beschloss ich, dass ihm mein Leben gehören sollte. Da der Tempel ziemlich klein war, wurden alle Besucher in der L’École d’Architecture untergebracht. Ich diente jedoch als Chauffeur und durfte daher im Tempel bleiben, wo nur die älteren Schüler gemeinsam mit Prabhupāda über Nacht blieben. Ich schlich mich oft auf den Dachboden,
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der sich direkt über Prabhupādas Zimmer befand, und schlief dort. Manchmal konnte ich hören, wie er japa chantete oder seine Übersetzungen diktierte. Eines Morgens, während ich vor dem Tempel japa chantete, sah ich Hansadutta mit einem Bündel im Arm die Treppe herunterkommen, als würde er ein Baby tragen. Und direkt hinter ihm trug auch seine Frau Himāvatī ein „Baby“ im Arm. Es war klar, dass Prabhupāda keine Babys verschenkte; was also war in diesen Bündeln? Dann dämmerte mir, dass sie die mūrtis trugen, die aus Indien gekommen waren. Später fand ich heraus, dass Prabhupāda die mūrtis Hansadutta gegeben hatte, weil die Pariser Gottgeweihten noch nicht genug vorbereitet waren, um Rādhā und Kṛṣṇa zu verehren. Stattdessen wies er sie an, Jagannātha anzufertigen, dessen Verehrung einfacher ist. Dayāmṛgya Dāsa schnitzte daraufhin mūrtis von Jagannātha, Baladeva und Subhadrā, die heute noch im Pariser Tempel verehrt werden. Nach einem der Morgenvorträge fragte Yogeśvara: „Wie erwirbt man sich Verdienste im Kṛṣṇa-Bewusstsein?“ Prabhupāda wurde ernst und schloss die Augen. Nach einigen Sekunden öffnete er sie wieder und blickte seinen Schüler an: „Man erwirbt sich Verdienste, indem man andere ausbildet und ihnen hilft, im Kṛṣṇa-Bewusstsein voranzukommen.“
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Eine Einweihungszeremonie war für den 23. Juli geplant. Es war ein bewölkter und etwas kühler Sonntagmorgen. Als sich etwa fünfzehn Gottgeweihte, die meisten von ihnen aus Deutschland, im Jardin du Luxembourg versammelten – einem öffentlichen Park im Zentrum von Paris –, um an der Zeremonie teilzunehmen, bildete sich schnell eine Menschenmenge, die neugierig die Vorbereitungen und die ungewöhnlich gekleideten Kṛṣṇa-Geweihten beobachtete. Nachdem Prabhupāda angekommen war und auf dem vyāsāsana Platz genommen hatte, hielt er einen kurzen Vortrag, den seine französische Schülerin Jyotirmayī Satz für Satz übersetzte. Er wandte sich mehr an die Zuschauer als an seine Anhänger: „Wenn Sie wahre Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wollen, dann müssen Sie Kṛṣṇa-Bewusstsein in Ihr Leben einbeziehen.“ Hansadutta, der als Priester für die Zeremonie amtierte, begann das Feuer zu entzünden. Normalerweise sieht der Ablauf vor, dass die Kandidaten zuerst ihre Gelübde ablegen und ihre neuen spirituellen Namen und Gebetsketten erhalten, bevor das Feueropfer entfacht wird, doch dieses Mal wurde wegen des drohenden Regens beschlossen, zuerst mit dem Feueropfer fortzufahren. Gerade als wir die Zeremonie mit den abschließenden mantras beendeten, die letzten Körner ins Feuer warfen und Bananen in den Flammen opferten, begann es zu regnen. Ich blickte zum vyāsāsana hinüber, aber Prabhupāda war bereits gegangen. Etwas überrascht und verwirrt standen wir Einweihungskandidaten auf, nahmen unsere Sachen und brachten uns ebenfalls vor dem schnell stärker werdenden Regen in Sicherheit. Für mich war dies eine Lehre, die Gegenwart des spirituellen Meisters nicht als selbstverständlich zu betrachten, besonders auch im Hinblick auf die Zukunft, wenn Prabhupāda nicht mehr physisch anwesend sein würde – eine Lehre, die er in seinem Vortrag am nächsten Morgen vertiefte. Prabhupāda sang zuerst das Ṣaḍ-gosvāmy-āṣṭakam und sprach dann über den Ersten Canto des Śrīmad-Bhāgavatam, Kapitel 1, Vers 15, wo beschrieben wird, wie der Kontakt mit reinen Gottgeweihten reinigender wirkt als der Kontakt mit Gangeswasser, das erst nach längerer Zeit reinigt: „O Sūta, jene großen Weisen, die vollkommen Zuflucht bei den Lotosfüßen des Herrn gesucht haben, können alle, die mit ihnen in Berührung kommen, sofort läutern, wohingegen das Wasser des Ganges erst nach längerem Gebrauch reinigt.“ Ich erinnere mich, dass Prabhupāda das Beispiel einer Flugausbildung gab. Er betonte, dass man die Anweisungen des spirituellen Meisters voll nutzen muss, um auf den Tod vorbereitet zu sein. So wie der Flugschüler lernen muss, alleine zu fliegen, so müssen wir alle zum Zeitpunkt des Todes die Welt alleine verlassen, ohne dass andere uns dabei helfen können. Nach dem Vortrag wurden die Novizen, die ihre erste Einweihung erhielten, einer nach dem anderen nach vorne gerufen, um vor Prabhupāda ihre Gelübde abzulegen und einen spirituellen Namen sowie eine Gebetskette, auf der er selbst eine Runde gechantet hatte, in Empfang zu nehmen. Vor mir kam ein Junge, der später Haryakṣa wurde. Prabhupāda blickte auf seine Stirn und bemerkte, dass er nicht das tīlaka-Zeichen eines
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vaiṣṇava trug. „Kein tīlaka?“, fragte er ernst, um anzuzeigen, dass er es sofort anlegen sollte, bevor er seinen spirituellen Namen empfing. Ich war etwas besorgt, dass ich beim Aufsagen meiner Gelübde eines der vier regulativen Prinzipien vergessen könnte, aber aus irgendeinem Grund fragte mich Prabhupāda nicht nach den Regeln. Vielleicht sah er meine Unsicherheit. Er reichte mir einfach die Kette und sagte: „Dein Name ist Kṛṣṇa-kṣetra Dāsa, ‚der Diener des Ortes, an dem Kṛṣṇa erscheint‘, also Vṛndāvana.“ In meiner Aufregung erfasste ich die Bedeutung nicht ganz, aber ich verstand, dass mein Name den Namen „Kṛṣṇa“ enthielt. Dies erfüllte einen Wunsch, der in meinem Herzen entstanden war, seit ich Smita Kṛṣṇa zum ersten Mal in Deutschland getroffen hatte: dass es schön wäre, einen Namen zu erhalten, der „Kṛṣṇa“ beinhaltet.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Nach der Bhāgavatam-Klasse hängte Nanda-kumāra, Prabhupādas Diener, alle Gebetsketten über die rechte Seite des vyāsāsanas und begann uns einzeln aufzurufen, um die Gelübde abzulegen und dann die Gebetskette und unseren spirituellen Namen zu bekommen. Nach mir kam ein Junge, der zuvor Metzger gewesen war. Offensichtlich hatte man Prabhupāda darüber informiert, denn nachdem er gelobt hatte, weder Fleisch noch Fisch oder Eier zu essen, folgte ein Moment der Stille. Prabhupāda sah seinen künftigen Schüler ernst an und sagte dann: „Bitte töte keine Kühe mehr.“ Der Junge errötete und schüttelte vor Verlegenheit nur den Kopf; dann gab ihm Prabhupāda seinen Namen: Mahārathi Dāsa, „der Diener dessen, der mit tausend Feinden gleichzeitig kämpfen kann“. Wir waren alle erstaunt über Prabhupādas außergewöhnliche Barmherzigkeit und sein Mitgefühl. Obwohl das Töten von Kühen zu den schwersten Sünden zählt, für die der Schuldige im Körper einer Kuh wiedergeboren werden und so oft geschlachtet werden muss, wie die Kuh Haare hat, zögerte Prabhupāda nie, auch eine solche Person als Schüler anzunehmen, sobald sie bereit war, ihr sündiges Leben aufzugeben. Auf diese Weise zeigte er uns, dass er der vollkommene Stellvertreter Śrī Caitanya Mahāprabhus war, der sogar Sünder wie Jagāi und Mādhāi unter der
Bedingung annahm, dass sie keine sündhaften Handlungen mehr begehen würden.
GURU-GAURĀṄGA DĀSA: An jenem Morgen gab Prabhupāda auch mehreren seiner Schüler, die schon die erste Einweihung hatten, darunter mir, die zweite Einweihung. Ich wurde in sein Zimmer gerufen, und nachdem ich meine Ehrerbietungen dargebracht hatte, deutete er mir an, mich direkt neben ihn zu setzen. Prabhupāda segnete meine heilige Schnur und legte sie mir über die linke Schulter, sodass sie schräg über meine Brust verlief. Anschließend gab er mir einen Zettel mit dem aufgedruckten Gāyatrī-mantra, den ich laut nach ihm wiederholte, damit er meine Aussprache korrigieren konnte. Auf seine Bitte rückte ich noch näher zu ihm, um die heiligen Worte aus seinem Mund deutlich hören zu können. Der angenehme, holzige Duft der Sandelholzpaste, die seine Stirn kühlte, war unverkennbar. Als Prabhupāda mir den Gāyatrī-mantra ins rechte Ohr sprach, wurde seine Stimme zu einem Flüstern. Anschließend zeigte er mir, wie man die Fingerglieder der rechten Hand benutzt, um die Anzahl der Wiederholungen des mantras zu zählen. Schließlich wies mich Prabhupāda an, den Gāyatrī-mantra vertraulich zu behandeln und täglich strenge Reinlichkeit zu wahren. Als alles vorüber war, lehnte er sich zurück, lächelte und meinte: „Nun bist du also ein brāhmaṇa. Möchtest du die Altargestalten verehren?“ Ich war von der Unmittelbarkeit und Direktheit seiner Frage überrascht und wusste nicht so recht, wie ich sie beantworten sollte. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich darauf festlegen wollte, Tempelpriester zu werden. Mein erstes Jahr in ISKCON hatte ich mit der Verehrung von Bildern der guruparamparā und des Pañca-tattva verbracht, Predigtprogramme organisiert und an harināma-saṅkīrtana teilgenommen. Ich spürte die Schwere des Augenblicks und antwortete ausweichend: „Ich möchte tun, was immer dich erfreut.“ Aber Prabhupāda ließ nicht locker: „Meine Frage lautet, ob du die mūrtis auf dem Altar verehren möchtest.“
Sonnenaufgang in Paris
„Ich würde gerne tun, was immer du mir aufträgst, Prabhupāda“, stammelte ich und bemerkte dabei, dass ich offenbar nicht die Antwort gab, die er von mir erwartete. Darauf änderte er seinen Ansatz. „Welchen Dienst verrichtest du zurzeit?” „Ich predige in Genf, in der Schweiz. Ich bin nach Paris gekommen, um dich endlich persönlich kennenzulernen und durch deine Gemeinschaft gesegnet zu werden.“ „Oh, ich verstehe“, erwiderte Prabhupāda. Eine tiefe Klarheit erfüllte den Raum. „Kṛṣṇa-Bewusstsein zu predigen, ist unsere wichtigste Aufgabe. Die Verehrung der Altargestalten ist zweitrangig. Kehre nach Genf zurück und setze deine Predigtarbeit fort.“ Als ich Prabhupādas Zimmer verließ, senkte sich das Gewicht seiner abschließenden Anweisung wie ein tief persönlicher Auftrag in mein Herz. Die brāhmaṇische Einweihung bedeutete nicht nur die formelle Bevollmächtigung, die mūrtis auf dem Altar zu verehren; zumindest für mich markierte sie eine neue, tiefere Stufe ernsthafter Verpflichtung gegenüber meinem spirituellen Meister und seiner Mission. Damals fehlten mir die Worte, um dies auszudrücken, doch dadurch, dass Prabhupāda mich zu meinem vorgeschriebenen Dienst zurückschickte, hatte ich das Gefühl, dass er meine Bereitschaft und meinen Eifer zum Predigen erkannt und meine Aufgabe festgelegt hatte. Erst 1976, als ich den gerade erschienenen Band Antya-līlā des Śrī Caitanya-caritāmṛta las, stieß ich im Vierten Kapitel in Vers 144 auf einen Ausdruck, der mir vollkommen klarlegte, was sich an jenem Sommermorgen in Prabhupādas Zimmer im Tempel von Fontenay-aux-Roses ereignet hatte. Lange bevor das Caitanya-caritāmṛta veröffentlicht wurde, hatte Prabhupāda meine Entschlossenheit erkannt und mir ein prabhu-datta-deśa zugewiesen, ein vom spirituellen Meister bestimmtes und übertragenes Dienstfeld. Mein Weg war klar: Ich sollte das Kṛṣṇa-Bewusstsein in der Schweiz predigen.
VĀSUDEVA DĀSA: Wir fuhren mit unserem VW-Bus von Berlin nach Paris. Auf eine Seite des Wagens hatte ich den spirituellen Himmel mit Goloka im Zentrum gemalt, und auf die andere Seite den Ozean der Ursachen, in dem Mahā-Viṣṇu liegt, sowie Garbhodakaśāyī Viṣṇu innerhalb eines eiförmigen Universums. Als Prabhupāda den Wagen sah, ging er um ihn herum und begutachtete das Kunstwerk. Doch als er sich Mahā-Viṣṇu genauer anschaute, wurde er ärgerlich und wies mich zurecht. Ich hatte keine Zeit gehabt, das Bild fertigzustellen. Zwei von Mahā-Viṣṇus vier Armen waren nur skizzenhaft dargestellt. Prabhupāda gefiel es nicht, dass wir etwas Halbfertiges in der Öffentlichkeit zeigten. Er wollte, dass wir die Dinge gewissenhaft und vollkommen ausführen.