EIN FRISCHER WIND
nde Juli 1971 kehrten Hansadutta und Himavatī von ihrer Indienreise nach Hamburg zurück. Der Tempel hatte Schulden, und sowohl Krishnadas als auch Yogeśvara und seine Frau waren in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Maṇḍalibhadra versuchte, den Tempel zu leiten, doch das beeinträchtigte seine Übersetzungsarbeit und verlangsamte sie erheblich. Trotz dieser schwierigen Umstände schaffte er es, die Zeitschrift Zurück zur Gottheit regelmäßig zu veröffentlichen, und nur wenige Monate zuvor hatte er die deutsche Übersetzung der Śrī Īśopaniṣad nach New York geschickt, wo sie von ISKCON Press gedruckt werden sollte. Die Gottgeweihten warteten gespannt auf die erste Büchersendung. Hansadutta informierte Prabhupāda über die heikle Lage und meinte, dass die Gottgeweihten arbeiten gehen sollten, um den finanziellen Druck zu mindern. Prabhupāda selbst hatte einmal Erwerbstätigkeit als legitime Methode zur Beschaffung finanzieller Mittel vorgeschlagen, aber in letzter Zeit hatte die Erfahrung in Amerika und England gezeigt, dass die Verteilung von Büchern und Zeitschriften die Tempel finanziell tragen konnte. In einer E
Reihe von Briefen, die in einem Abstand von nur wenigen Tagen ankamen, übermittelte Prabhupāda seine Analyse und Anweisungen an Hansadutta: Ich bin froh, dass du jetzt wieder in Hamburg bist, denn der ursprüngliche Plan war ja, von dort unsere Bewegung in Mitteleuropa zu organisieren. Nun ist in deiner Abwesenheit so viel geschehen. Krishnadas hat Hamburg verlassen. Deine Pflicht ist hier in Europa. Was geschehen ist, ist geschehen. Jetzt organisiere alles, so gut es geht, und bleibe fest an diesem Ort. In deinem letzten Brief hast du vorgeschlagen, dass jeder arbeiten gehen sollte. Das ist aber eigentlich nicht unsere Lebensweise. Unser Grundsatz lautet, nicht wie ein Karmi zu arbeiten oder im Dienst eines Karmi zu stehen. Wir sind keine Sudras. Sudras – nicht Brahmanas – sind dazu bestimmt, unter jemandem zu arbeiten. Wenn du dir dessen nicht bewusst warst, solltest du es jetzt zur Kenntnis nehmen. Alle, die im Tempel leben, sind grundsätzlich Brahmanas. Warum sonst verleihen wir ihnen die heilige Schnur? Wir sollten uns damit begnügen, von dem geringen Einkommen zu leben, das wir durch den Verkauf unserer Zeitschriften erhalten. Nur in äußerster Not, wenn es keinen anderen Weg gibt, können wir vorübergehend eine Arbeit annehmen. Aber grundsätzlich sollten wir Sankirtana durchführen, nicht arbeiten, und das akzeptieren, was Krishna uns gibt. Lege Nachdruck auf Sankirtana und die Verteilung unserer Zeitschriften. Unser Programm ist einfach. Du bist ein erfahrenes Mitglied unserer Gesellschaft. Wenn du also unsere Regeln und Vorschriften strikt befolgst, regelmäßig 16 Runden chantest, zum Sankirtana auf die Straße gehst und Prasadam verteilst, wird unsere Bewegung automatisch voranschreiten. Nur wenn es absolut notwendig ist, können wir eine Arbeit annehmen. Aber so weit wie möglich sollten wir in unserem eigenen Tätigkeitsbereich bleiben und nach unseren Grundsätzen leben. Ich habe die deutsche Zeitschrift erhalten, und sie sieht sehr schön aus. Natürlich konnte ich kein einziges Wort verstehen, aber das macht nichts. Sie sieht sehr ansprechend aus. Die Schulden abzubezahlen, war nicht einfach. Die Miete war eine schwere Bürde, und die Gottgeweihten hatten noch wenig Erfahrung bei der Verteilung von Büchern und Zeitschriften. Also arbeitete Hansadutta als Tellerwäscher und bat Śivānanda um Unterstützung aus Berlin. Eine andere Möglichkeit, so dachte er, wäre es, in Clubs aufzutreten, so wie es die RadhaKrishna-Temple-Gruppe in England getan hatte. Aber er war sich nicht sicher,
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ob das erfolgreich sein würde. Vielleicht war die Lösung, den Tempel zu schließen. Oder vielleicht sollte er die Leitung in die Hände von jemand anderem legen und sannyāsa annehmen, wie es einige seiner Gottbrüder getan hatten. Dann könnte er unbeschwert reisen und predigen, frei von den Belastungen der Tempelverwaltung. Er schrieb erneut an Prabhupāda, der ihm umgehend antwortete: Ich habe deine beiden Briefe vom 27. und 28. August 1971 erhalten und den Inhalt zur Kenntnis genommen. In dem ersten Brief schlägst du vor, den Hamburger Tempel zu schließen, und im zweiten Brief änderst du deine Meinung. Meine Entscheidung lautet: Der Hamburger Tempel muss um jeden Preis erhalten bleiben, und ihr dürft nicht in Nachtclubs gehen. In Nachtclubs zu gehen, wird die Qualität unseres transzendentalen Chantens verschlechtern. Bitte tu dies nicht. Bleib beim Hamburger Tempel und erhalte ihn irgendwie aufrecht. Natürlich ist von Stadt zu Stadt zu reisen ein schönes Programm, aber nicht, um in Clubs aufzutreten. Unser einziges Vorgehen sollte darin bestehen, Sankirtana auf den Straßen zu machen, oder bei jemandem zu Hause, wenn wir eingeladen werden, und wir sollten immer unsere Literatur verteilen. Du sagst, dass eine sehr gute Nachfrage nach der deutschen Ausgabe der Isopanisad besteht – warum also legst du nicht den Schwerpunkt auf den Verkauf dieses Buches und unterhältst den Tempel damit? Hansadutta nahm Prabhupādas Worte ernst und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf saṅkīrtana und Buchverteilung. Täglich ging er mit den Gottgeweihten in die Hamburger Innenstadt, um kīrtanas abzuhalten und den Passanten die Īśopaniṣad anzubieten. Je mehr Erfahrung und Selbstvertrauen die Gottgeweihten gewannen, desto mehr stiegen die Einnahmen. Nach einem Monat sah Hansadutta einen Silberstreifen am Horizont und schickte seinem spirituellen Meister einen ermutigenden Bericht. Prabhupāda war erfreut und betonte erneut, wie notwendig es sei, sich ganz und gar auf die transzendentale Buchverteilung zu verlassen, um sowohl spirituellen als auch materiellen Erfolg zu erzielen: Ich bin sehr froh, dass du dich gefestigt hast. Du hast jetzt 1.800 Bücher und wirst bald noch mehr bekommen. Die Nachfrage ist gut. Krishna hat also all deine Probleme gelöst. Drucke Bücher, verkaufe sie und verdiene Geld. Was willst du mehr? Wir haben ein wertvolles Gut – unsere Bücher. Von Armut kann also keine Rede sein. Lasse dich unter keinen Umständen entmutigen. Verlasse dich auf Krishna. Schließlich leben wir in Mayas Reich. Sie wartet ständig auf eine Gelegenheit, uns anzugreifen, aber wenn wir unsere Aufmerksamkeit fest auf Krishnas Lotosfüße richten, kann Maya uns nichts anhaben. Mandalibhadra soll sich ernsthaft der Übersetzungsarbeit widmen, und du solltest versuchen mehr deutsche Geweihte zu gewinnen, die ihm helfen können, damit wir alle unsere Bücher in deutscher Sprache drucken können und du den Hamburger Tempel erfolgreich weiterentwickeln kannst. Wie du sehr wohl weißt, bin ich diesmal mit leeren Händen nach Indien gereist, aber wir haben dort während meines zehnmonatigen Aufenthalts nicht weniger als fünf Lakh (500.000) Rupien ausgegeben – und all das Geld wurde allein dank unserer Bücher und Zeitschriften gesammelt. Solange ihr also Bücher und Zeitschriften habt, kennt unsere Gesellschaft keine Armut. Wir müssen die Dinge einfach nur gut organisieren und sorgfältig verwalten. Ich hoffe, dass du dich von nun an nicht mehr entmutigen lässt. Ich bitte euch alle, diese Bewegung in Deutschland, dem besten Land Europas, voranzutreiben. Dort leben überaus intelligente Menschen. Versucht, sie von unserer Philosophie zu überzeugen. Besonders die deutschen Gelehrten sind der indischen Philosophie zugeneigt. Es gibt viele gelehrte Köpfe, die Sanskrit studiert haben. Wir müssen daher dafür sorgen, dass unsere Bücher mit diakritischen Zeichen und den originalen Sanskrit-Versen von allen Schulen, Universitäten, Bibliotheken und der allgemeinen Öffentlichkeit geschätzt werden. Entwickelt also die Druckerpresse so gut wie möglich, denn sie ist die „größere Mridanga“. Ein frischer Wind begann zu wehen. Die Kraft und Begeisterung der Gottgeweihten nahm immer mehr zu, und bald sah man viele neue Gesichter im Tempel.
AṢṬARATHA DĀSA: 1967, als ich siebzehn Jahre alt war, wuchs mein Interesse an alternativen Lebensstilen. Ich wurde Vegetarier, praktizierte Hatha-Yoga und reiste in den folgenden Jahren nach Finnland und Südfrankreich, wo ich in Kommunen half, die versuchten ein naturnahes Leben umzusetzen. Als ich nach München zurückkehrte, nahm ich eine Stelle als Gärtner an. Im Herbst 1969, als die Einberufung anstand, meldete ich mich freiwillig für eine
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Organisation ähnlich dem Friedenscorps – Aktion Sühnezeichen –, die mich einem Bildungsprojekt in Amerika zuwies. Bevor ich jedoch abreiste, fuhr ich im Winter 1969 nach London. An einem Samstag schlenderte ich die Portobello Road entlang, das Herz der Hippie-Szene. Es war Markttag und alle Bohemiens waren dort: Gitarrenspieler der Donovan-Art, Pantomimen, Leute, die Straßentheater aufführten und viele andere. Plötzlich hielt alles inne. Die Aufmerksamkeit der Menschen richtete sich auf eine Gruppe exotisch aussehender Männer und Frauen, die die Straße entlang tanzten und sangen. Es war das erste Mal, dass ich Gottgeweihten sah, aber ich wusste sofort: Das ist es, was ich tun wollte. Dennoch verfolgte ich diesen Gedanken nicht sogleich weiter, da ich mich verpflichtet hatte, in die USA zu reisen. Anfang 1970 kam ich in Washington, D.C. an. Dort arbeitete ich für eine Kirche in der Nähe des Capitol Hill und beaufsichtigte nachmittags den Kindergarten und abends das Jugendzentrum. An einem Sonntagmorgen im Sommer, während ich in Georgetown zu tun hatte, traf ich die Gottgeweihten wieder. Dāmodara Dāsa gab mir ein Exemplar von Kṛṣṇa Consciousness: The Topmost Yoga System und lud mich zum Sonntagsfest ein. Sobald ich nach Hause kam, las ich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite und ging am späten Nachmittag zum Tempel. Der große Teller mit prasādam – pakoras, samosas, puris, halavā und Milchreis – traf mein Verdauungssystem wie eine Bombe, denn ich hatte mich bis dahin makrobiotisch ernährt. Aber das prasādam war unwiderstehlich. Es gab keine mūrtis im Tempel, nur Bilder der guru-paramparā und des Pañca-tattva. Dāmodara hielt einen Vortrag über die ācāryas und Śrī Caitanya. Beim Betrachten der Bilder der spirituellen Meister war ich besonders von der imposanten Erscheinung Bhaktivinoda Ṭhākuras beeindruckt. Nach dem Vortrag war mir klar, dass dies das war, wonach ich gesucht hatte. Aber ich zögerte noch. Ich müsste alles aufgeben – mein Yoga, meine Makrobiotik –, um Kṛṣṇa-Bewusstsein zu praktizieren. Also mied ich den Tempel für die nächsten drei Monate. Während meines Urlaubs fuhr ich nach West Virginia in den Nationalpark, wo ich zwei Wochen lang allein in einem Zelt lebte. Ich verbrachte die meiste
Zeit damit, eine deutsche Übersetzung der Bhagavad-gītā zu studieren. Obwohl ich nicht viel verstand, spürte ich, dass ich mich in die richtige Richtung bewegte, und so beschloss ich, in die Stadt zurückzukehren und wieder den Tempel zu besuchen. Die Bhagavad-gītā-Vorträge fanden jeden Dienstagund Freitagabend statt, und ich nahm mir vor, regelmäßig daran teilzunehmen. Ich hatte gehört, dass man ein Geschenk mitbringen sollte, wenn man einen Tempel besucht. Als ich also an einem Dienstagabend dort ankam, brachte ich Blumen mit. Zu meiner Überraschung gab mir eines der Mädchen eine Vase und sagte mir, ich solle die Blumen auf den Altar stellen. Obwohl ich nicht genau verstand, was vor sich ging, spürte ich, dass es etwas Besonderes war, etwas auf den Altar zu stellen. Dann sagte mir jemand, dass an jenem Abend kein Bhagavad-gītā-Vortrag stattfinden würde, da die Gottgeweihten zu einem Predigtprogramm an der Georgetown University fuhren. Plötzlich fand ich mich in einem Lieferwagen mit einem ganzen Haufen brahmacārīs wieder, und eine Stunde später stand ich auf einer Bühne und nahm an einem kīrtana vor einer großen Menge Studenten teil. Wir kamen spät zurück, und jemand schlug vor: „Warum bleibst du nicht über Nacht?“, was ich dann auch tat. Am Morgen nahm ich an der maṅgalaārati teil, chantete japa und hörte mir den Vortrag an. Nach dem FrühstücksPrasādam hieß es: „Jetzt gehen wir auf saṅkīrtana.“ Also ging ich mit den Gottgeweihten zum Chanten vor das Weiße Haus, und etwa eine Stunde später nahm ich den Bus zu meinem Arbeitsplatz. Einen Tag im Leben der Gottgeweihten mitzuerleben war ekstatisch. Von da an besuchte ich den Tempel regelmäßig, bis mich die Gottgeweihten nach einigen Wochen fragten, warum ich nicht im Tempel wohnen und von dort aus zur Arbeit fahren würde. Ich nahm das Angebot freudig an, obwohl es überhaupt nicht praktisch war. Meine Wohnung war nur fünf Minuten von der Kirche entfernt, während der Tempel auf der anderen Seite der Stadt lag. Jeden Abend nahm ich nun den Bus und kam erst spät, gegen elf Uhr nachts, im Tempel an, wenn bereits alle schliefen. Die Gottgeweihten ließen die Tür offen und stellten etwas prasādam für mich beiseite, aber so spät zu essen und dann um 3 Uhr morgens mit allen
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anderen aufzustehen, zehrte an meiner Gesundheit. Manchmal war ich so müde, dass ich beim Japa-Chanten gegen die Wand taumelte. Und auf dem Weg zur Arbeit schlief ich meistens ein, sobald der Bus anfuhr; mehr als einmal verpasste ich die Haltestelle, an der ich aussteigen musste, und wachte erst viel später auf. Nach einiger Zeit rasierte ich mir den Kopf und erschien mit dhotī und tīlaka zur Arbeit. Glücklicherweise hatten meine Vorgesetzten nichts dagegen. Sie waren mit meiner Leistung zufrieden, und da ich Ausländer war, ließen sie mich gewähren. Prabhupāda war seit über einem Jahr nicht mehr in New York gewesen. 1971 kehrte er nach einer zehnmonatigen Predigtreise durch Indien nach Amerika zurück, und die Gottgeweihten im Brooklyner Tempel sehnten sich danach, ihn endlich wieder zu empfangen. Als sich Mitte Juli die Nachricht von seiner bevorstehenden Ankunft verbreitete, trafen alle nahe gelegenen Tempel, also Buffalo, Boston, Philadelphia, Baltimore und Washington, Vorbereitungen, um New York zu besuchen. Alle warteten mit Spannung auf Prabhupādas Ankunft in Brooklyn, und als er aus dem Auto stieg, erreichte der kīrtana einen ekstatischen Höhepunkt. Prabhupāda erschien mir wie ein Halbgott, und ich hatte den Eindruck, als schwebe er über den Gehsteg in den Tempel hinein. Ich war von seiner spirituellen Präsenz völlig überwältigt, und alle letzten Zweifel, die noch in meinem Geist herumspukten, waren wie weggeblasen. Sobald ich Prabhupāda sah, wusste ich: Hier kommt mein spiritueller Meister. Prabhupāda blieb zwei Wochen in New York, und während der ersten Woche hielt er morgens Einweihungen ab, und zwar jeden Tag für einen anderen Tempel. Nachmittags zogen verschiedene Saṅkīrtana-Gruppen in verschiedene Teile Manhattens, und am Abend kamen alle zu einem mahāharināma auf dem Broadway zusammen. Wenn es regnete, zogen wir leuchtend orangefarbene und gelbe Regenmäntel an, sodass die ChantingGruppe aussah wie ein Schwarm exotischer Vögel. Wir zogen buchstäblich Hunderte von Menschen an. Pañcaratna pflegte den kīrtana zu leiten, und hin und wieder hielt er inne, um zu den Leuten zu sprechen, die aus Neugier stehengeblieben waren. Er war so sehr in Ekstase, dass er manchmal sogar während seiner Ansprache auf und ab sprang.
In jenen Tagen herrschte ein ungemeiner Pioniergeist, aber viele Gottgeweihte hatten auch ziemlich ausgefallene Vorstellungen. Einmal wollte ich als Neuankömmling etwas klären und sprach eine Mātājī an. Sofort kam einer der brahmacārīs herüber und maßregelte mich: „Sprich nicht mit den Gopis!“ Am dritten Tag nach Prabhupādas Ankunft war unser Tempel mit den Einweihungen an der Reihe, und der Tempelpräsident aus Washington hatte unter anderen auch mich vorgeschlagen. Während Rūpānuga das Feueropfer vorbereitete, saß Prabhupāda auf dem vyāsāsana und chantete eine Runde des Hare Kṛṣṇa mahā-mantras auf den Gebetsketten jedes Kandidaten. Das ging stundenlang so, und es war ein ganz besonderes Gefühl, Prabhupāda dabei zu beobachten, wie er meine Holzperlen durch seine Finger gleiten ließ. Während er auf meiner Kette chantete, hielt er plötzlich inne und betrachtete die mālā eine Zeit lang. Ich saß wie auf glühenden Kohlen, und dachte: „Jetzt wird Kṛṣṇa Prabhupāda sagen, dass ich nicht qualifiziert bin und dass er mich nicht einweihen soll.“ Aber nach ein oder zwei Minuten völliger Unsicherheit meinerseits chantete er einfach weiter. Man hatte uns gesagt, dass Prabhupāda beim Überreichen der Gebetsketten Fragen stellen würde. Also lernte ich alle Regeln und Vorschriften aus dem Nektar der Hingabe auswendig, das heißt die zehn Vergehen, die vierundsechzig Elemente des hingebungsvollen Dienstes usw. Um nichts zu vergessen, ging ich alle Regeln bis zur letzten Minute immer wieder durch. Als ich schließlich vor Prabhupāda saß, fragte er mich: „Kennst du alle Regeln?“ „Ja“, antwortete ich. Er überreichte mir meine Gebetskette und sagte nur: „Dein Name ist Aṣṭaratha Dāsa. Mach einfach so weiter.“
JAYAGOURA DĀSA: Im Dezember 1970 besuchte ich den Hamburger Tempel zum ersten Mal, und in den Osterferien blieb ich dort für drei Wochen, um selbst auszuprobieren, ob ich mit dem Tempelalltag zurechtkommen würde. In diesen Wochen wurde mir klar, dass ich bleiben wollte, aber ich war noch minderjährig, und meine Eltern waren sehr aufgebracht. Eines Nachts gegen Mitternacht kamen zwei Polizisten in den Tempel und brachten mich ins Hamburger Jugendgefängnis. Dort nahm man mir meine Gebetskette weg
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und gab mir nur Erbsensuppe mit Wurst zu essen; also fischte ich das Fleisch heraus und aß die restliche Suppe. Am nächsten Tag kam meine Mutter, um mich aus dem Gewahrsam zu holen. Während sie später einige Einkäufe erledigte, entwischte ich ihr und schaffte es zurück in den Tempel. Glücklicherweise einigte ich mich schließlich mit meinen Eltern: Sie erlaubten mir, im Tempel zu bleiben, unter der Bedingung, dass ich die Schule beendete. So nahm ich die nächsten neun Monate am Unterricht teil, nachdem ich beim Morgenprogramm im Tempel mitgemacht und sechzehn Runden auf der Gebetskette gechantet hatte. Auf dem Schulweg und in den Pausen chantete ich weitere sechzehn Runden. Nach einiger Zeit rasierte ich mir den Kopf und ging im dhotī zur Schule. Die Lehrer hielten mich für verrückt. Vor ein paar Jahren war ich einer der ersten mit langen Haaren gewesen, und jetzt war ich kahlgeschoren. Aber einige der Lehrer und Mitschüler waren neugierig, und es boten sich mir viele Gelegenheiten zu predigen. Manchmal tauschten wir während des Deutschunterrichts philosophische Fragen und Antworten aus, was sich oft über zwei Stunden bis weit in die Pause hinzog. Doch einige Mitschüler, vor allem jene, die politisch aktiv waren und zu der Neuen Linken neigten, hielten so viel Gerede über Gott und Spiritualität für reine Zeitverschwendung. Sie begannen, meine Vorträge zu sabotieren und laut gegen meine Erklärungen zu argumentieren. Ich hielt es daher für klüger, mich zurückzuhalten und nicht mehr öffentlich zu predigen. Aber wenn mich jemand persönlich ansprach, erklärte ich so weit wie möglich, was es mit dem Kṛṣṇa-Bewusstsein auf sich hat. Einige von ihnen wurden später Gottgeweihte, wie Uthāl, Ātmavidyā und Hṛmātī, während andere einfach wohlgesonnen waren und den Tempel noch heute besuchen. Zu Beginn des Sommers 1971 erfuhren wir, dass Prabhupāda im Juli nach London zum Ratha-yātrā-Fest kommen würde. Die Hamburger Gottgeweihten planten dorthin zu fahren und luden mich ein mitzukommen. Zu der Zeit hatte der Tempel immer noch erhebliche finanzielle Probleme. Die Einnahmen waren so gering, dass allein die Grundausgaben für Miete und Instandhaltung zu Schulden geführt hatten. Da Yogeśvara, der Tempelpräsident, keine Lösung sah, wollte er den Tempel schließen und die Altargestalten nach London bringen. Wir bauten eine Sänfte für Rādhā und
Kṛṣṇa und führten während der Überfahrt mit der Fähre die reguläre Verehrung durch, bis wir den Tempel am Bury Place erreichten.
ŚACĪNANDANA SWAMI: Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, fühlte ich mich, als würde ich aus einem Traum erwachen, der aus endlosen materiellen Wünschen, Protest gegen die Gesellschaft, Unsicherheit über die Gestaltung meines Lebens, Faszination für die Gegenkultur und künstlerischen Ambitionen bestand – die Liste war endlos. Zu jener Zeit hatte ein Freund von mir einen tödlichen Unfall. Als ich an seinem Grab stand und auf den Sarg hinabblickte, überkamen mich tiefe Zweifel am Wert des materiellen Lebens. Mir wurde klar, dass wir uns alle auf dünnem Eis bewegten und dass unser Körper früher oder später im Grab landen würde. Schon damals erkannte ich, was Prabhupāda über den Tod sagt: „Der Körper liegt noch da, aber die Person ist fortgegangen.“ Mein Freund war gerade gestorben, und ich wollte wissen, wohin er gegangen war, doch weder Verwandte noch Freunde hatten eine Antwort. Mein nächstes Schlüsselerlebnis war eine Begegnung mit Ravi Shankar, der im Sommer 1969 ein Sitar-Konzert im Audimax der Universität Hamburg gab. Ich fand seine Technik und sein Improvisationstalent atemberaubend. Nach dem Konzert sprach ich ihn an und fragte, wie ich lernen könne, so zu spielen. Ich spielte damals Geige und Gitarre. „Du musst unsere Bücher lesen“, sagte er. „Lies die Bhagavad-gītā, wenn du eine finden kannst.“ Also ging ich in verschiedene Buchläden, aber die einzige Ausgabe, die ich finden konnte, war eine deutsche Übersetzung der Verse. Sie waren poetisch verfasst, und ich war vom Geist der Gītā berührt, fühlte aber, dass es unmöglich war, nach einem rein poetischen Ideal zu leben. Im Herbst 1969 sah ich die Gottgeweihten zum ersten Mal in der Fernsehsendung Beat-Club. Unmittelbar vor ihrem Auftritt zeigte die Sendung ein Abschiedskonzert der Rolling Stones für Brian Jones, ihren Gitarristen, der tot in seinem Swimmingpool aufgefunden worden war. Das Programm zeigte die Musiker im Hyde Park, und dann gab es einen Schnitt, und der neue Gitarrist wurde vorgestellt. Ich dachte: „Wie grausam das Leben ist. Einer tritt ab – man hatte ihn für wichtig gehalten – und ein Neuer ersetzt ihn. Eines Tages werde auch ich solch einen Abgang machen. Ich werde mein
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ganzes Leben arbeiten, vielleicht sogar reich werden und eine gute Position in der Gesellschaft erreichen, und dann werde ich einfach verschwinden und jemand anderes wird meinen Platz einnehmen. Wie bedeutungslos alles ist.“ Während ich noch in Gedanken an den unglückseligen Brian Jones versunken war, erschienen die Gottgeweihten auf dem Bildschirm. Radha Krishna Temple war der Name der Band. Mukunda, Gurudāsa, Yamunā, Śyāmasundara, Mālatī, Kulaśekhara und andere hatten gerade den Hare Kṛṣṇa mantra mit George Harrison aufgenommen. Sie saßen auf einer Wiese mit einem Harmonium und sangen Hare Kṛṣṇa. Ich wusste sofort: Das ist die Antwort. Mir wurde klar: „Diese Menschen befinden sich auf dem Pfad der Ewigkeit! Sie verlassen dieses elende Theater der materiellen Existenz. Sie sind auf dem Weg an einen Ort, von dem es keine Rückkehr gibt.“ Das nächste Mal sah ich Gottgeweihten im Frühjahr 1970 in Hamburg. Sie machten kīrtana in der Mönckebergstraße, der Haupteinkaufsstraße, und ich hörte ihnen eine ganze Zeit lang zu. Ich sprach sogar einen von ihnen an und fragte, was sie da machten. Er sagte mir, sie sängen die Namen Gottes. Auf meine Nachfrage hin gab er mir eine kurze Erklärung über Kṛṣṇas transzendentale Position. Später hatte ich einen Traum, in dem das Gesicht dieses Gottgeweihten wie ein heller Mond in mein dunkles Leben trat. Eines Tages, als ich wieder einmal in meiner Lieblingsbuchhandlung herumstöberte, fand ich eine Ausgabe der Bhagavad-gītā, die ich noch nie zuvor gesehen hatte: die gekürzte Fassung der Bhagavad-gītā Wie Sie Ist von Swami A. C. Bhaktivedanta. Das Buch war auf Englisch. Sein violetter Einband erregte meine Aufmerksamkeit, und als ich die Seiten überflog, war ich fasziniert. Ich ertappte mich bei dem Wunsch, eines Tages nach den Lehren dieses Buches leben zu können, hatte aber meine Zweifel, ob das jemals möglich sein würde. Als ich dann aufblickte und nachdenklich durch das Schaufenster sah, geschah etwas Unglaubliches: Drei Mönche in safranfarbenen Gewändern gingen vorbei. Ich betrachtete es als ein göttliches Zeichen. Sie waren der lebende Beweis, dass es möglich ist, nach diesen spirituellen Lehren zu leben. Ich lief auf die Straße hinaus und schaute in die Richtung, in die die Mönche gegangen waren, aber sie waren verschwunden. Im Herbst 1970 traf ich die Gottgeweihten erneut. Sie sangen in einem harināma am Jungfernstieg, und ich fühlte mich sofort zu ihnen hingezogen, war aber gleichzeitig auch etwas ängstlich. Also kaufte ich eine Zeitung und ging auf die andere Straßenseite. Ich setzte mich auf eine Bank, mit dem Rücken zu den Gottgeweihten, und gab vor, die Zeitung zu lesen. In Wirklichkeit hörte ich dem kīrtana zu. Ich saß dort und hörte zu, solange die Gottgeweihten sangen, und als sie gingen, blieb ich dort sitzen, in Gedanken versunken. Ich wusste, dass ich eines Tages wie sie leben würde. Aber ich hatte Angst. Ich müsste so viele Dinge aufgeben. Mir war klar, dass ich dazu noch nicht bereit war. Dieser innere Kampf dauerte mehr als ein halbes Jahr an. Ich fühlte mich zu den Gottgeweihten hingezogen, und ich hörte zu Hause oft den mahāmantra, aber ich zögerte, mich tiefer mit ihnen einzulassen. Wann immer im Radio Lieder gespielt wurden und der mahā-mantra kam, nahm ich ihn sofort auf. Ich machte immer weitere Aufnahmen, obwohl ich bereits etwa fünfundzwanzig Kopien hatte. Gelegentlich verdunkelte ich mein Zimmer, verschloss die Tür, zündete ein Räucherstäbchen an, machte die Augen zu und sang Hare Kṛṣṇa zu den Aufnahmen. Doch trotz der starken Anziehung zum Chanten konnte ich meine Unabhängigkeit noch nicht aufgeben. Der nächste wichtige Vorfall ereignete sich in der Nähe des Dammtors. Ich hatte es eilig, nach Hause zu kommen, und rannte, um meinen Zug zu erwischen; daher sah und hörte ich die Gottgeweihten nicht, die in der Nähe des Eingangs zum S-Bahnhof chanteten – andernfalls wäre ich ihnen wohl aus dem Weg gegangen. Aber ich rannte, ohne nach links oder rechts zu schauen, und so geschah es, dass ich mit Haripriyā, Maṇḍalibhadras Frau, zusammenstieß. Ich rannte so schnell, dass ich sie umstieß und über sie fiel. Es war peinlich. Ich wollte sofort aufspringen und wegrennen, aber als ich den schmerzverzerrten Ausdruck in ihrem Gesicht sah, fühlte ich, dass ich ihr zumindest aufhelfen sollte. „Es tut mir so leid, ich habe dich nicht gesehen“, entschuldigte ich mich. Sie sah mich mit einem strahlenden Lächeln an und sagte: „Ich weiß. Andernfalls hättest du versucht, uns auszuweichen, nicht wahr?“ Ich fühlte mich noch peinlicher berührt. „Wovon redet sie?“, fragte ich mich. „Sie redet mit mir, als ob sie mich kennen würde. Das geht zu weit.“ Ich ging in die Defensive und sagte: „Ihr seht so seltsam aus. Jeder vernünftige Mensch würde euch aus dem Weg gehen.“ Sie lächelte nur. Sie wusste anscheinend genau, was
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in mir vor sich ging, und sagte: „Ich glaube, dass du dich zum KṛṣṇaBewusstsein hingezogen fühlst. Neulich sah ich dich auf der Bank sitzen. Du tatest so, als würdest du Zeitung lesen, aber in Wirklichkeit hast du die ganze Zeit dem Hare Kṛṣṇa mahā-mantra zugehört.“ Ich war fassungslos. „Wow“, sagte ich mir, „das muss jemand Besonderes sein.“ Sie schlug vor, ich solle die Zeitschrift lesen, um herauszufinden, worum es dabei überhaupt gehe, damit ich mir eine klare Meinung bilden könne. Sie reichte mir ein Zurück zur Gottheit. Ich zögerte, weil ich nur zwei Mark hatte, die ich für meine Fahrkarte brauchte, aber am Ende nahm ich die Zeitschrift. Was für eine Enttäuschung, als ich anfing, darin zu lesen. Ich verstand kein Wort! Ich war die ganze Woche über völlig verzweifelt. Ich wollte herausfinden, was Kṛṣṇa-Bewusstsein war, aber ich konnte die Philosophie nicht begreifen. Zum Beispiel versuchte ich, Prabhupādas Artikel Die Friedensformel zu verstehen, in dem er schreibt, dass wir drei Dinge verstehen müssen, um Frieden in dieser Welt zu haben: 1. Kṛṣṇa ist der wahre Eigentümer aller Dinge 2. Kṛṣṇa ist der wahre Genießer aller Dinge 3. Kṛṣṇa ist der wohlwollende Freund eines jeden Lebewesens Da ich politisch zur Neuen Linken neigte, war mir schleierhaft, was diese Aussagen mit Krieg und Frieden zu tun haben sollten. Immer wieder versuchte ich, die Erklärung zu verstehen, aber es gelang mir nicht. Mir wurde klar: Wenn ich jemals verstehen wollte, was diese Gottgeweihten motivierte und was Kṛṣṇa-Bewusstsein wirklich bedeutete, musste ich sie im Tempel besuchen. Aber genau davor hatte ich irgendwie Angst. Schließlich fasste ich mir ein Herz und beschloss, doch hinzugehen und mit den Gottgeweihten zu reden. Ich musste herausfinden, was es mit dem KṛṣṇaBewusstsein auf sich hatte. Gleichzeitig nahm ich mir fest vor: Sobald ich verstanden hätte, worum es geht, würde ich es zwar praktizieren, aber nicht in einem Tempel. Ich würde keiner von ihnen werden, sondern mein eigenes Ding machen und gleichzeitig Kṛṣṇa-bewusst sein. An einem Sonntagnachmittag kam ich in der Bartelsstraße an, aber während ich vor dem Eingang zum Hof stand, wurde meine Angstgefühl so groß, dass ich weiterging und mich in einen nahegelegenen Park flüchtete.
Dort setzte ich mich auf eine Bank und dachte tief über mein Leben nach – über meine Freunde; meine Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft; meine Pläne für eine Revolution, die diesen Planeten zu einem besseren Ort machen sollte; auch über meine Freundin, Geld und meine Geige. Mir war klar: Wenn ich in den Tempel ginge, wäre mein materielles Leben zu Ende, und ich war mir nicht sicher, ob ich schon von allem Abschied nehmen wollte. Während ich so in Gedanken versunken war, hörte ich plötzlich eine Stimme: „Hare Kṛṣṇa!“ Ich drehte mich um, und da war Smita Kṛṣṇa, ein Geweihter, an den ich mich von der Saṅkīrtana-Gruppe erinnerte. Er sah mich mit einem wissenden Lächeln an, wie ein Buddha, und sagte: „Ich gehe zum Tempel. Möchtest du mitkommen?“ Eigentlich hatte ich in meinem Innersten bereits akzeptiert, dass Kṛṣṇa mein Leben lenkt. Also sagte ich: „Ja, ich komme gerne mit.“ Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Kṛṣṇa mich erwischt hatte und meine Freiheit ihrem Ende entgegenging. Ich stand also auf und begleitete Smita, der sehr nett und bemüht war, sich mit mir zu unterhalten. Aber ich konnte kaum ein Wort verstehen, weil er ein seltsames Kauderwelsch aus Schwedisch, Englisch und Deutsch sprach. Auf jeden Fall war der Klang seiner Stimme angenehm beruhigend – genau das, was ich brauchte –, und so hörte ich ihm einfach zu. Er fragte mich immer wieder: „Verstehst du Deutsch?“, weil ich einfach nur glücklich aussah, ohne etwas zu sagen. Schließlich antwortete ich: „Ja, aber du sprichst kein Deutsch.“ Sobald wir den Tempel betraten, wurde mein Geruchssinn von einem besonderen Aroma aus Ghee, Gewürzen, Gemüse und Räucherstäbchen überwältigt, einer schweren, ja fast berauschenden Duftmischung. Das Programm des Sonntagsfestes hatte bereits begonnen. Smita Kṛṣṇa zeigte mir den Eingang zum Tempelraum. Ich ging hinein, setzte mich hinten an die Wand und ließ einfach alles auf mich einwirken. Es herrschte eine wahrhaft göttliche Atmosphäre, und die Mönche wirkten wunderbar auf mich. Der vordere Teil des Raumes war farbenfroh. Ich erkannte nicht, dass dort mūrtis auf einem Altar standen; ich sah nur Blumen. Die Gottgeweihten sangen, aber ich muss gestehen, dass ich mich eher unwohl fühlte, weil ich so nervös war, und doch machte alles, was ich sah, gleichzeitig einen angenehmen Eindruck auf mich.
Ein frischer Wind
Als ich den vyāsāsana mit einem gerahmten Bild darauf sah, spürte ich die Gegenwart einer starken Autorität, was mir überhaupt nicht gefiel, da ich eine völlig antiautoritäre Einstellung hatte. Der vyāsāsana machte mich nervös; man stellt kein Bild auf einen besonderen Sitz, wenn es nicht bedeutet, dass man diese Persönlichkeit respektiert. Dann hielt einer der Gottgeweihten einen philosophischen Vortrag über den spirituellen Meister. Ich verstand nicht viel, aber ich erinnere mich, dass er Menschen, die einen Berg besteigen und einen Führer brauchen, mit jenen verglich, die spirituellen Fortschritt machen wollen. Er sagte, man müsse vorsichtig sein, nicht auf sogenannte Schneebrücken zu treten, da sie fest erscheinen, aber einbrechen können, sodass man in einen Abgrund stürzt. Man braucht einen Führer. Nach dem Vortrag und mehr Chanten wurde prasādam serviert, und damit hat Kṛṣṇa mich dann endgültig rumgekriegt. Als ich zum ersten Mal halavā probierte, versank ich in einem Meer von Glückseligkeit. So etwas hatte ich noch nie gekostet. Ich bat um Nachschlag und dann um einen zweiten und dritten. Schließlich sagte man mir: „Tut uns leid, aber wir müssen auch anderen servieren.“ Dann trugen sie den Topf mit dem halavā aus dem Raum, um die Helfer zu bedienen. Ich folgte dem Topf einfach und setzte mich in die Reihe der Helfer, und sie sagten: „Wir haben dir bereits mehrere Portionen gegeben, und alle anderen haben nur eine bekommen.“ Ich entschuldigte mich, sagte aber: “Es schmeckt einfach zu gut! Bitte gebt mir mehr.“ „Also gut, ausnahmsweise“, sagte der Gottgeweihte, der das halavā ausgab, „aber danach nichts mehr. Nimm dein halavā und verschwinde.“ „Einverstanden, dann gib mir bitte eine Menge halavā, oder was auch immer das ist, denn dann werde ich schneller verschwinden.“ Nach dem Fest, unten im Hof, schlug einer der Gäste vor, dass wir ‚eine rauchen sollten, um das alles zu verdauen‘. Ich entgegnete, dass ich etwas Besseres gefunden hätte. Ich war mir völlig sicher, dass Kṛṣṇa-Bewusstsein mein Weg war. Die Angst war wie weggeblasen. Ich wusste, dass ich nie wieder rauchen würde. Ich kannte bereits die vier regulativen Prinzipien aus der Zeitschrift und beschloss, sie von nun an zu befolgen. Dann ging ich nach Hause.
Zwei Wochen später ging ich erneut zum Tempel. Es war an einem Wochentag, und die Gottgeweihten waren zu beschäftigt, um sich um mich zu kümmern. Also wartete ich auf dem Sofa im Empfangszimmer. Schließlich kam Maṇḍalibhadra herein und sagte zu mir: „Tut mir leid, heute haben wir nicht viel Zeit. Bitte komm am Sonntag wieder.“ Ich war enttäuscht. Ich sagte: „Aber ich bin den weiten Weg gekommen, nur um herauszufinden, was Kṛṣṇa-Bewusstsein ist.“ Er antwortete: „Kṛṣṇa-Bewusstsein bedeutet, sich bewusst zu sein, dass Gott überall ist.“ Dann klingelte das Telefon, und er musste rangehen. Ich blieb auf dem Sofa sitzen und dachte: „Gott ist überall.“ Als er zurückkam, fuhr er fort: „Ja, Er ist Paramātmā, die Überseele. Er hat vier Hände und eine Krone.“ Unglaublich! Die Vorstellung begeisterte mich sofort. Kurz darauf rief ihn seine Frau. Ich blieb sitzen und ließ den Gedanken nachklingen: Gott ist überall. Kaum war er zurück, fuhr er fort: „Übrigens, wenn ich überall sage, meine ich tatsächlich überall. Er ist in jedem Atom und zwischen jedem Atom.“ Dann musste er nach nur ein oder zwei Sätzen wieder weg. Wahnsinn! Unfassbar! Neben mir stand ein Aktenschrank aus Metall, und ich dachte: „Er ist wohl auch in diesem Aktenschrank; Er ist in den Atomen und zwischen den Atomen dieses Schranks.“ Solch ein Gedanke war mir noch nie gekommen. Dann kam Maṇḍalibhadra zurück und sagte: „Es tut mir leid. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber heute ist so viel los. Kannst du nicht am Sonntag wiederkommen? Wir haben wirklich keine Zeit.“ „Kein Problem“, antwortete ich, „ich habe genug zum Nachdenken.“ Auf dem Weg zum S-Bahnhof dachte ich: „Gott ist überall! Er ist in den Herzen all dieser Menschen. Er ist in der Luft. Er ist in der S-BahnKonstruktion. Er ist einfach überall!“ Dann weiß ich bis heute nicht genau, was geschah. Plötzlich schien ich von überall her den Klang des heiligen Namens zu hören, wie ein leises Flüstern: Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare / Hare Rāma Hare Rāma, Rāma Rāma Hare Hare. Die gesamte Atmosphäre vibrierte mit dieser kosmischen Symphonie. Ekstase! Meine erste ekstatische Erfahrung im Kṛṣṇa-Bewusstsein! Ich setzte mich am Bahnhof hin und verpasste sogar meinen Zug. Ich dachte: „Kṛṣṇa ist überall, und ich habe endlich einen Weg zu Ihm gefunden.“
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Später arbeitete ich Teilzeit als Gärtner und unterstützte den Tempel mit Spenden. Eines Tages erzählten mir die Gottgeweihten, dass Prabhupāda nach London kommen würde. Sobald ich das hörte, wollte ich unbedingt hin, um ihn zu sehen. Dann, einige Zeit später, fragte mich einer von ihnen direkt: „Wir wollen nach London, aber wir haben kein Geld. Kannst du uns helfen?“ Eigentlich hatte ich andere Pläne mit dem gesparten Geld, aber dann dachte ich: „Sie wollen Prabhupāda sehen und ich will Prabhupāda sehen“, also leerte ich mein Bankkonto und gab alles dem Tempel. Wir nahmen die Rādhā-Kṛṣṇa-Mūrtis des Tempels mit auf die Reise. Auf der Fähre gaben wir Ihnen eine eigene Kabine und sangen ständig kīrtana an Deck, selbst als ein Sturm aufkam. Wir waren jung und liebten Abenteuer. Wir sangen die ganze Zeit, und es war die schönste Seereise, die ich je gemacht habe. Am Abend von Prabhupādas Ankunft fuhren alle Gottgeweihten zum Flughafen, um ihn zu empfangen, aber sein Flug aus New York hatte Verspätung, sodass die meisten Gottgeweihten zum Tempel zurückkehrten. Ich blieb. Prabhupādas Flug landete gegen Mitternacht. Die meisten von uns ruhten sich auf den Sitzen in der Wartehalle aus, als plötzlich ein paar Gottgeweihte, die nahe dem Zollbereich Wache hielten, zu rufen begannen: „Jaya Prabhupāda!“ Diese magischen Worte brachten uns sofort auf die Beine. Für mich verwandelte der Klang von Prabhupādas Namen und seine unmittelbar bevorstehende Ankunft den gesamten Flughafen. Ein mystisches Licht schien alles zu erleuchten. Ein Gottgeweihter begann zu chanten, und der kīrtana wurde schnell immer lauter und ekstatischer. Dann erschien Prabhupāda. Meine erste Reaktion war: „Oh, er ist so klein!“ Aber dann dachte ich: „Aber er ist groß an spiritueller Kraft.“ Als er auf uns zukam, warf ich mich (wie auch die anderen Gottgeweihten) auf den Boden der Flughafenhalle. Ich hatte mir gerade erst den Kopf rasieren lassen – ich betrachtete es als mein Geschenk für Prabhupāda – und nun wartete ich darauf, mit meinem geschorenen Kopf zu seinen Füßen, dass er an mir vorbeigehen würde. Als ich nach einer Weile den Kopf hob, sah ich zu meiner Überraschung seine Sandalen direkt vor mir. Ich blickte auf und sah direkt in Prabhupādas Augen. Er schien mich in seiner Familie willkommen zu heißen. Als ich
Prabhupāda vor mir stehen sah, erstrahlend in spiritueller Barmherzigkeit, fühlte ich eine tiefe Anziehung zu seinen Lotosfüßen. Mir wurde klar, dass ich mich ihm hingeben musste. Und ich wusste, dass er mein wahres Selbst erkannte und mich akzeptieren würde. Auf dem Rückweg zum Tempel erinnerte ich mich an etwas, das ich in einem seiner Bücher gelesen hatte: „Durch die Bewegung für KṛṣṇaBewusstsein versuchen wir, den Menschen zu zeigen, wie sie den Planeten Goloka Vṛndāvana, Kṛṣṇaloka, erreichen können. Das ist unsere Mission.“ Ich fühlte mich glücklich und geborgen im Schutz von Prabhupādas Lotosfüßen. Während er Vorträge hielt und Kṛṣṇa-Bewusstsein erläuterte, wanderten seine Augen über das Publikum, was einem das Gefühl gab, dass er zu jedem von uns persönlich sprach. Ein bestimmter Vorfall zeigte mir, wie der spirituelle Meister eine empfängliche Seele mit Überzeugung und spiritueller Stärke erfüllen kann: Die Gottgeweihten wollten zur Oxford Street gehen, um zu chanten und Back to Godhead zu verteilen. Ich stand draußen und fragte mich, ob ich mit der Saṅkīrtana-Gruppe mitgehen oder dableiben und Prabhupādas Bücher studieren sollte. Ich blickte zu seinem Fenster hinauf, als er plötzlich erschien und mit einem breiten Lächeln auf die HarināmaGruppe hinunter schaute. Sofort war mir klar, was ich zu tun hatte. Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Prabhupādas Blick und sein Lächeln hatten mich so motiviert, dass ich, selbst nachdem die Gruppe zum Tempel zurückgekehrt war, mit Vāsudeva noch einmal hinausging und wir einfach weiter durch die Straßen von London tanzten, sangen und Zeitschriften verteilten. Wir fühlten uns durch Prabhupādas Gegenwart und spirituelle Kraft so inspiriert, dass uns nichts anderes auf der Welt mehr kümmerte. Genau wie Śrī Caitanya Mahāprabhu die Menschen mit spiritueller Energie erfüllte, indem er sie einfach ansah oder umarmte, so ermächtigte Prabhupāda seine Anhänger allein durch seine Gegenwart.
SURABHĪ DEVĪ DĀSĪ: Ich wurde in Australien geboren, doch schon als Teenager hatte ich den Wunsch, nach England zu gehen. 1971 beschloss ich, die Reise mit dem Schiff zu machen, und so nahm ich in Sydney eine Arbeit an, um das Geld für die Überfahrt zu verdienen. Eines Tages traf eine Freundin von mir ein paar Kṛṣṇa-Geweihte auf der Straße, die sie zum
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Sonntagsfest einluden. Sie bat mich mitzukommen, und so besuchten wir am nächsten Sonntag den Hare Kṛṣṇa Tempel in Sydney. Als ich den Tempelraum betrat, sah ich als Erstes das Porträt eines älteren Mannes auf einem gepolsterten Sitz und ein Bild von Kṛṣṇa mit einer Kuh an der Wand. Zuvor hatte meine Mutter mich vor religiösen Sekten gewarnt und gesagt, dass es Männer gäbe, die vorgeben, Gott zu sein. Als ich also das Bild auf dem Sitz sah, dachte ich: „Oje, das muss einer dieser Männer sein, von denen meine Mutter gesprochen hat.“ Dann wurde das Festmahl serviert, und alles schmeckte ausgezeichnet, besonders der Milchreis. Danach wurde gechantet, was mir auch gefiel, obwohl ich nicht wirklich verstand, worum es dabei ging. Das war meine erste Begegnung mit den Gottgeweihten. Einige Monate später kam ich in England an und reiste von dort nach Amsterdam. Damals war gerade George Harrisons „My Sweet Lord“ erschienen, und ich liebte dieses Lied über alles. In Amsterdam erzählte mir jemand vom Cosmos, einem Meditationszentrum, wo sich junge Leute trafen und Bands psychedelische Musik spielten. Also ging ich hin und traf dort die Gottgeweihten wieder. Sie besuchten das Cosmos dreimal pro Woche, um Hare Kṛṣṇa zu chanten und prasādam zu verteilen. Damals probierte ich zum ersten Mal halavā, was eine unglaubliche Erfahrung war. Eines Abends machten die Gottgeweihten eine Ankündigung und baten um Hilfe bei der Organisation eines Festes in ihrem Tempel in der Bethanienstraat. Ich mochte die Gottgeweihten und war auch neugierig, und so ging ich am nächsten Tag zur Bethanienstraat, wo mich Kiśorī und Bhūmadeva begrüßten. Kiśorī gab mir prasādam, und Bhūmadeva setzte sich zu mir und sprach über Kṛṣṇa-Bewusstsein. Von da an besuchte ich den Tempel regelmäßig, bis mir Bhūmadeva irgendwann von der maṅgala-ārati erzählte und wie wundervoll diese Zeremonie um 4:30 Uhr in der Früh sei. Also ging ich jeden Morgen zur maṅgala-ārati. Auf diese Weise begann sich mein Leben allmählich zu verändern. Nach ein paar Wochen packte ich alle meine Habseligkeiten und ging zum Tempel. Der Gottgeweihte, der die Tür öffnete, sagte: „Oh, du kommst zur maṅgala-ārati.“ „Ja“, sagte ich, „und ich komme, um für immer zu bleiben.“ Das war im Juni 1971. So blieb ich acht Monate lang in Amsterdam. Es war eine wunderbare Zeit. Alle brahmacārīs waren wie ältere Brüder für mich, und wir gingen jeden Tag gemeinsam auf saṅkīrtana. Im Juli hörten wir, dass Prabhupāda zum Ratha-yātrā nach London kommen würde. Die Gottgeweihten waren begeistert und wollten unbedingt hinfahren, aber leider waren die Reisekosten zu hoch. Ich hatte etwas Geld auf der Bank, also bot ich an, die Überfahrt für alle zu bezahlen. Doch dann erfuhren wir, dass Prabhupāda krank war und nicht im Juli, sondern erst später kommen würde. Er kam schließlich im August, und wir fuhren alle nach London, um bei ihm zu sein. Dort wurde ich eingeweiht. Am Tag der Einweihung war ich ungemein nervös, und ich denke, dass Prabhupāda das sehen konnte. Als er mir meinen Namen gab, sagte er: „Dein Name ist Surabhī Devī Dāsī, der Name einer transzendentalen Kuh, die einen Überfluss an Milch gibt.“ Dann fügte er hinzu: „Hab keine Angst. Wenn du diese Prinzipien befolgst, wirst du noch in diesem Leben zurück zu Gott gehen.“ Nach sechs Monaten wurde ich gebeten, nach Deutschland zu fahren, da man in Hamburg eine Köchin brauchte. Während der Zugfahrt war ich wirklich traurig, denn die Gottgeweihten in Amsterdam waren für mich wie eine Familie geworden, und nun fuhr ich einer ungewissen Zukunft entgegen. Aber Kṛṣṇa war sehr gütig zu mir. Hansadutta und Himavatī leiteten den Hamburger Tempel, und sie kümmerten sich auf so wundervolle Weise um mich – wie ein Vater und eine Mutter –, dass ich mein Heimweh bald vergaß.
CHAKRAVARTĪ DĀSA: Seit meiner Kindheit – ich wurde 1950 in Deutschland geboren – war ich tief im christlichen Glauben verwurzelt und studierte regelmäßig die Bibel. Doch Mitte der 60er-Jahre wurden andere Einflüsse dominanter, und so kam es, dass ich eines Tages das Gefühl hatte, zum Atheisten geworden zu sein. Dieser Gedanke verstörte mich zutiefst, denn im Johannesevangelium sagt Jesus: „Diejenigen, die mir folgen, werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus der Hand meines Vaters reißen.“ Wenn dies tatsächlich so war, warum hatte mich dann eine unbekannte Macht aus Gottes Hand gerissen? Schließlich hatte ich viele Jahre lang gläubig gebetet. Warum war ich nun Atheist? Das hätte nicht geschehen dürfen. Also gab ich Gott die Schuld.
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Im Frühjahr 1971 sah ich die Gottgeweihten zum ersten Mal. Sie chanteten in der Nähe des Grünspans, einem Musikklub, in den ich oft am Wochenende ging, um Live-Bands zu hören. Mein erster Eindruck war, dass diese Leute Spinner seien, und so ging ich auf die andere Straßenseite, um eine direkten Begegnung zu vermeiden. Doch dann änderte ein entscheidendes Ereignis mein Leben. Nachdem ich wiederholt einen Film über einen Dichter gesehen hatte, der nach Gott suchte, identifizierte ich mich so sehr mit dieser Person, dass ich sein Gebet wie einen mantra übernahm. Immer wieder betete ich: „Gott, wenn es Dich gibt, gib mir bitte ein Zeichen.“ Kurz darauf bemerkte ich in einer U-BahnStation einen Aushang an der Wand, der ein Bild von Kṛṣṇa zeigte, wie Er ein Kalb umarmte. Es gab keinen erklärenden Text, nicht einmal den mahāmantra, nur eine Adresse und eine Einladung zum Sonntagsfest. Ich notierte mir die Adresse, und am nächsten Sonntag ging ich zum Tempel in der Bartelsstraße. Maṇḍalibhadras Vortrag beeindruckte mich, vor allem seine Art, die Philosophie mit offensichtlicher Überzeugung zu präsentieren. Ich wusste intuitiv, dass das, was er sagte, keine Spekulation, sondern die absolute Wahrheit war. Was ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterließ, war die Ārati-Zeremonie. Der pūjārī brachte den Altargestalten die ārati mit solcher Hingabe dar, dass ich diese Erfahrung als das Zeichen betrachtete, auf das ich gewartet hatte. Von diesem Tag an besuchte ich den Tempel regelmäßig, und es war Smita Kṛṣṇa, der sich immer um mich kümmerte. Er predigte nicht viel Philosophie, sondern erzählte einfach Geschichten aus dem Kṛṣṇa-Buch. Dabei lächelte er die ganze Zeit, wie es sein Name andeutet: Smita Kṛṣṇa Dāsa, „der Diener des lächelnden Kṛṣṇa“. Seine Art ließ mich erkennen, dass nur jemand, der echte Liebe erfährt, so glücklich sein kann. All dies machte einen so starken Eindruck auf mich, dass ich begriff: „Wenn ich weiter zum Tempel gehe, werde ich eines Tages bleiben“; dieser Gedanke machte mir Angst, weshalb ich aufhörte hinzugehen. Aber nach sechs Wochen hielt ich es nicht mehr aus und besuchte die Gottgeweihten wieder regelmäßig. Die Lebensbedingungen in der Bartelsstraße waren karg. Da es sich um ein altes Lagerhaus handelte, gab es kein Badezimmer. Es gab eine kleine Toilette mit Waschbecken und ein weiteres Waschbecken in der Küche. Jeden Morgen war die Körperpflege der Gottgeweihten anstelle einer Dusche eher eine „Katzenwäsche“, und einmal pro Woche gingen sie in ein öffentliches Bad, um richtig zu duschen. In jenen Tagen waren die Gottgeweihten sehr arm und hatten erhebliche Schulden angehäuft. Sie waren mit ihren Mietzahlungen so weit im Rückstand, dass der Eigentümer mit einer Räumungsklage drohte. Glücklicherweise hatte ich eine gutbezahlte Arbeit und konnte bis zu einem gewissen Grad aushelfen. Zu Beginn des Sommers erreichte uns die Nachricht, dass Śrīla Prabhupāda im Juli zum Ratha-yātrā nach London kommen würde. Als ich hörte, dass er ein neues Aufnahmegerät für seine Übersetzungen benötigte, kaufte ich ein Uher-Tonbandgerät – eine hochmoderne Maschine, die in den frühen 70erJahren sogar vom FBI, von Regierungen und Radiosendern auf der ganzen Welt benutzt wurde. Die Gottgeweihten wollten natürlich nach England fahren, hatten aber kein Geld. Also bezahlte ich die Tickets für alle und schloss mich ihnen an. Wie es damals üblich war, trug ich lange Haare, und man sagte mir, dass ich so nicht vor Prabhupāda treten könne. Widerstrebend stimmte ich zu, dass Avināścandra mir den Kopf rasierte. Als wir jedoch in London ankamen, erfuhren wir, dass Prabhupāda erst im August kommen würde. Daher kehrten wir nach etwa einer Woche nach Deutschland zurück. Als meine Eltern von meinem neuen Lebensstil erfuhren, versuchten sie mit allen Mitteln, mich nach Hause zu holen. Maṇḍalibhadra schlug deshalb vor, es sei besser, wenn ich nach Berlin ginge und mich Śivānanda und Avināścandra anschließen würde. Während meines Aufenthalts schickte Avināścandra einen Brief an Prabhupāda, zusammen mit einem Kilo Marzipan und einer Postkarte der Gedächtniskirche – ein Mahnmal im Zentrum Berlins, an dem wir jeden Tag harināma ausführten. Nach etwa einem Monat kam eine Antwort von Prabhupāda: Er bedankte sich für das Marzipan und schrieb, dass es einer bengalischen Süßigkeit ähnele. Er legte auch die Postkarte bei, versehen mit der Notiz, wir sollten die Kirche kaufen. Während ich in Berlin war, übernahm Hansadutta das Amt des Tempelpräsidenten in Hamburg. Er verhandelte mit der Vermieterin und
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verhinderte so die Zwangsräumung. Außerdem bat er die Gottgeweihten, sich Arbeit zu suchen, um die Schulden abzuzahlen. Als er Prabhupāda darüber informierte, erhielt er die folgende Antwort: Mein lieber Hansadutta, bitte nimm meinen Segen entgegen. Ich habe deinen Brief vom 10. August 1971 erhalten und den Inhalt zur Kenntnis genommen. Vorübergehend kann diese Maßnahme, weltliche Arbeit anzunehmen, beibehalten werden. Prinzipiell sollte sich jedoch jeder Vollzeit in den verschiedenen Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit für die Kṛṣṇa-Bewusstseins-Bewegung engagieren. Alle Ausgaben sollten wir mit dem kleinen Gewinn aus dem Verkauf von Büchern und Zeitschriften decken. Jetzt haben wir die Īśopaniṣad in deutscher Sprache. Es wäre besser, wenn die Geweihten diese Bücher verteilen würden. Nach einigen Monaten gaben die Gottgeweihten ihre Jobs also wieder auf, doch wir hatten zumindest genug Geld, um die Schulden zu begleichen und Einladungskarten zu drucken. Wir baten die Leute um einen Beitrag von 1 Pfennig, was heute ungefähr 0,5 Cent entspricht, um die Druckkosten zu decken. Natürlich gaben die Leute mehr, mindestens 10 Pfennig oder sogar 50 Pfennig oder 1 DM. Auf diese Weise wurde der Grundstein für die zukünftige Buchverteilung gelegt. Anfang September 1971 erhielten wir die erste Lieferung der deutschen Īśopaniṣad, die von der ISKCON Press in New York gedruckt worden war. Anfang 1972 bekamen wir unseren ersten VW-Bus, und im März fuhren wir mit 2,000 Īśopaniṣads und 16 Gottgeweihten – alle in diesen Bus gequetscht – nach München, um Gaura Pūrṇimā zu feiern. Wir gingen auch zum harināma in die Stadt und versuchten, die Bücher zu verteilen, allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Durch Kṛṣṇas Fügung war einer der Gäste, die den Tempel besuchten, als Verkäufer von Enzyklopädien geschult worden. Als er erfuhr, dass wir Tausende von Büchern auf Lager hatten, erklärte er Hansadutta die fünf Prinzipien eines erfolgreichen Verkaufs: 1. Aufmerksamkeit erregen, 2. Interesse wecken, 3. den Wunsch nach dem Produkt wecken, 4. Einwände überwinden und 5. den Verkauf abschließen. Hansadutta lernte diese Methode und setzte sie mit sofortigem Erfolg in die Praxis um. Soweit ich weiß, präsentierte er die Verkaufstechnik während des nächsten GBC-
Treffens, und so nahm die professionelle Buchverteilung in ISKCON ihren Anfang.
VĀSUDEVA DĀSA: Sobald ich hörte, dass Prabhupāda nach London kommen würde und die Gottgeweihten hinfahren wollten, um ihn zu sehen, malte ich für ihn eine Miniatur der sechs Gosvāmīs. Als ich ihm mein kleines Geschenk in Anwesenheit einiger anderer Gottgeweihten überreichte, war er so bewegt, dass Tränen über seine Wangen liefen. Viele Jahre lang hatte er direkt neben dem Samādhi von Rūpa Gosvāmī in Vṛndāvana gelebt, und seine spontane Reaktion zeigte mir, dass er zweifellos ein sehr enger Gefährte der direkten Schüler Śrī Caitanya Mahāprabhus war. Prabhupāda bat mich, die mūrtis am Bury Place, Rādhā-Londonīśvara, farblich aufzufrischen. Er stand hinter mir, um die Arbeit zu begutachten, und gab sehr genaue Anweisungen bezüglich Śrīmatī Rādhārāṇīs Lächeln. Obwohl es intensiv war, unter dem wachsamen Auge des spirituellen Meisters zu arbeiten, fühlte ich mich doppelt belohnt, als die Nachbesserungen erfolgreich abgeschlossen waren. Einige Tage später rief mich Prabhupāda in sein Zimmer und erklärte mir ein weiteres Projekt, an dem er mich beteiligen wollte: den Entwurf des Tempels in Mayapur. Sein Enthusiasmus war frisch und ansteckend, wie der eines Kindes, und ich wurde so inspiriert, dass ich wochenlang nur wenige Stunden pro Nacht schlief. Ich wollte so viel Zeit wie möglich am Reißbrett verbringen.
Sobald im Mai die ersten Hektar Land in Mayapur auf den Namen ISKCONs eingetragen worden waren, hatte Prabhupāda begonnen konkrete Pläne für die Entwicklung des Projekts zu schmieden. Er hatte Acyutānanda Swami, der für die Aufsicht über die ersten Arbeiten sowie die Umzäunung und den Bau einer Strohhütte zuständig war, gebeten, einen wöchentlichen Fortschrittsbericht zu schicken. Als nun die ersten Skizzen des zukünftigen Tempels vorlagen, informierte Prabhupāda seine Verwalter in Indien über die Entwicklung. An Girirāja, den Tempelpräsidenten in Bombay schrieb er: Ich habe bereits Nara Narayana, Vasudeva und Ranchor damit beauftragt, einen großangelegten Plan für das Land in Mayapur vorzubereiten, und sobald dieser fertig ist, wird Nara Narayana dorthin reisen.
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Tamal Krishna, den Prabhupāda als GBC für Indien ernannt hatte, erhielt folgenden Brief: Wir entwerfen gerade einen prachtvollen Plan für Mayapur, und wenn ihr alle zusammen diesem Plan Gestalt verleiht, wird der Tempel dort einzigartig sein – wenn nicht auf der ganzen Welt, dann zumindest in ganz Indien. Ich gebe den Gottgeweihten hier genaue Anweisungen, und sie machen ihre Sache sehr gut. Ich denke, wenn Bhavananda und Nara Narayana nach Indien reisen, werden sie die Pläne mitbringen. VĀSUDEVA DĀSA: Ich pflegte vor Prabhupādas Tür zu schlafen, und manchmal kam er mitten in der Nacht heraus, um eine neue Idee zu besprechen. Er stellte sich genau vor, wo Ölgemälde von Kṛṣṇas und Caitanyas Wirken und Ihren Spielen aufgehängt werden sollten. Immer wieder kamen ihm neue Ideen, dann änderte er wieder etwas und fertigte sogar selbst einige Zeichnungen an. Es wurde mir klar, dass der Bau eines eindrucksvollen Tempels am Geburtsort Śrī Caitanya Mahāprabhus einer von Prabhupādas größten Träumen war.
ŚACĪNANDANA SWAMI: Ich hatte das Glück, an mehreren Predigtprogrammen teilnehmen zu dürfen, die die Gottgeweihten in London organisiert hatten. Prabhupāda saß auf seinem vyāsāsana und predigte mit äußerster Konzentration. Am Ende des Vortrags lud er alle ein, am kīrtana teilzunehmen. Eines Abends erhob er sich plötzlich während des kīrtanas und begann zu tanzen. Natürlich schlossen sich ihm alle seine Schüler an, und am Ende tanzten sogar auch viele der Gäste in Ekstase. An manchen Tagen ging Prabhupāda in den Tempelraum, während die Gottgeweihten frühstückten, und trat vor den Altar, wor er lange Zeit in stiller Zwiesprache mit Rādhā-Londonīśvara stand. Ein Vorfall zeigt, wie ich zu der Erkenntnis kam, dass der reine Gottgeweihte mit Kṛṣṇa kommuniziert und Kṛṣṇa ihm alles mitteilt. Ich war damals dafür zuständig, die Teller nach der morgendlichen Opferung zu waschen, aber mir gefiel dieser Dienst überhaupt nicht. Eines Morgens kam der Tempelpräsident in die Küche und sagte zu mir: „Prabhupāda hat sich beschwert, dass die Teller der mūrtis nicht sauber sind. Kṛṣṇa hat es ihm gesagt. Er bittet darum, dies sofort zu korrigieren.“ Mir war sofort klar, dass dies meine Schuld war – dass ich die Teller nicht sorgfältig genug abgewaschen hatte. Obwohl ich mich nach Prabhupādas Ankunft im Kṛṣṇa-Bewusstsein glücklich fühlte, fand ich mich später in einem Ozean aus Zweifeln wieder. Māyā war gekommen, um mich auf die Probe zu stellen. Sie konfrontierte mich mit meinen Bindungen an Freunde, Schulkameraden, Bandmitglieder, meine Freundin, die alle nach London gekommen waren, um mich aus dem Tempel zu holen. Sogar mein Großvater fragte auf seinem Sterbebett in Hamburg nach mir. Ich wurde schwach. Ich entwickelte einen inneren Widerstand gegen Prabhupāda. Ich dachte: „Ich werde diese Bewegung verlassen. Es gibt einfach zu viele Dinge, die man aufgeben muss.“ Aber ich brauchte einen Grund, um zu gehen, also beschloss ich, Prabhupāda eine Frage zu stellen, die ihn in einen Widerspruch verwickeln sollte. Am nächsten Morgen fragte ich nach dem Vortrag: „Wenn Kṛṣṇa ganz und gar gut und der Schöpfer aller Dinge ist, warum hat Er dann die materielle Welt erschaffen, die uns bedingten Seelen so viel Leid verursacht?“ Zuerst schien Prabhupāda mich nicht zu verstehen. Ich musste meine Frage ein zweites Mal stellen. Aber wieder fragte er: „Um was geht es?“ Ich fühlte mich bereits ein wenig elend. Als ich meine Frage zum dritten Mal wiederholte, antwortete Prabhupāda mit Nachdruck: „Nicht Kṛṣṇa hat Māyā erschaffen, sondern du hast Māyā erschaffen!“ Seine Worte trafen meinen rebellischen Geist wie ein Blitzschlag. Kṛṣṇa trug keine Schuld. Ich war schuld! Auf diese Weise rettete mich Prabhupāda. Das reichte. Ich entschied mich, zu bleiben und mich zu ergeben. Ich hatte meine Sachen bereits gepackt, aber ich packte alles wieder aus, während ich den Entschluss fasste: „Egal, was geschieht, ich werde diese Bewegung nicht verlassen. Ich mag es in diesem Leben schaffen oder es mag mich viele Leben kosten.“ Prabhupāda segnete mich mit seiner Barmherzigkeit.
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Krishnadas arrangierte meine Hochzeit in Berlin, und im Spätsommer 1971 kehrte ich nach Hamburg zurück. Kurz darauf suchte ich mir eine Arbeit, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten und zur Tilgung der Tempelschulden beizutragen. Als jedoch plötzlich alle anderen
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ihre Arbeit aufgaben, schrieb ich voller Frust an Prabhupāda. Ich erklärte ihm, wie schwer es mir fiel, für Außenstehende zu arbeiten, und dass ich lieber Predigen gehen würde. Meine schwangere Frau gedachte ich in der Obhut des Tempels zurückzulassen. Doch Prabhupāda hielt nichts von meinem Vorschlag: Deine Pflicht ist es, Verantwortung zu übernehmen und für deine Frau zu sorgen. Du solltest also deinen Job behalten, deine Frau und Familie unterhalten und den Hamburger Tempel so weit wie möglich unterstützen. Du darfst gegenüber deiner Frau und deinem Kind nicht unverantwortlich sein. Das ist nicht gestattet. *** Im Laufe der Jahre sah sich Prabhupāda immer wieder mit ähnlichen Situationen konfrontiert, da einige seiner männlichen Schüler kurz nach der Heirat feststellten, dass das Zusammenleben mit einer Frau eine ernste Verantwortung bedeutete und oft eher eine Last als eine Freudenquelle war. Er legte großen Wert darauf, seinen jungen Anhängern einzuschärfen, dass er von ihnen Verantwortungsbewusstsein erwartete. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der folgende ausführliche und lehrreiche Brief an einen seiner Schüler. Darin geht Prabhupāda sehr detailliert auf den Umfang der Verantwortung ein, die das Leben als gṛhastha mit sich bringt. Einfach zu heiraten, ohne die Ernsthaftigkeit des Ehelebens zu bedenken, und dann bei der geringsten Schwierigkeit oder wenn mir meine Frau oder mein Mann nicht mehr gefällt, einfach wegzugehen – das kommt leider viel zu häufig vor. Aber auf diese Weise wird die ganze Angelegenheit zu einer Farce. Du sagst, dass euer Zusammenleben ein Hindernis für deinen Fortschritt sei, doch eine Ehe im Kṛṣṇa-Bewusstsein darf nicht so missverstanden werden, dass jede Unannehmlichkeit gleich den spirituellen Fortschritt gefährdet. Nein. Sobald man das Leben als gṛhastha angenommen hat, muss man es als seine Pflicht erfüllen, auch wenn es zeitweise mühsam sein mag. Natürlich ist es besser, nicht zu heiraten und enthaltsam zu leben. Aber so viele Mädchen kommen zu uns; wir können sie nicht wegschicken. Wenn jemand zu Kṛṣṇa kommt, ist es unsere Pflicht, Schutz zu gewähren. Kṛṣṇa sagt in der Bhagavad-gītā (9.32), dass selbst Frauen, śūdras und andere nicht so hoche ntwickelte Gruppen von Menschen bei Ihm Zuflucht finden können. Wir müssen uns dem Problem stellen: Eine Frau braucht einen Ehemann, der sie beschützt. Wenn einige Frauen unverheiratet bleiben wollen und es eine geeignete Struktur im Tempel gibt, um sie zu beschützen – ähnlich wie es in der christlichen Kirche Nonnenklöster gibt, wo die Frauen beschäftigt und beschützt sind –, dann ist das ebenfalls eine gute Lösung. Aber wenn sexuelles Verlangen stark ist, wie soll man es kontrollieren? Frauen sind im Allgemeinen sehr sinnlich, oft sinnlicher als Männer, und sie sind das schwächere Geschlecht. Es ist schwer für sie, ohne die Hilfe eines Ehemannes spirituellen Fortschritt zu machen. Aus vielerlei Gründen müssen unsere Frauen Ehemänner haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wenn sie erst einmal einen Mann haben und dieser sie so schnell wieder verlässt, wird sie das nicht glücklich machen. Nun kenne ich nicht die besonderen Umstände deines Falles; ich erläutere dir lediglich die allgemeinen Richtlinien und das Grundverständnis. Wir sollten niemals denken, unser sogenannter Fortschritt sei von materiellen Umständen wie Ehe, vānaprastha oder von irgendetwas anderem abhängig oder dadurch bedingt. Ein reifes Verständnis des Kṛṣṇa-Bewusstseins bedeutet, die Lebenslage, in der ich mich gegenwärtig befinde, als Kṛṣṇas besondere Barmherzigkeit zu betrachten und daher meine Situation bestmöglich zu nutzen, um die Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein zu verbreiten und die Mission meines spirituellen Meisters auszuführen. Wenn ich meinen eigenen Fortschritt oder mein Glück oder andere persönliche Gesichtspunkte in den Vordergrund stelle, dann ist das eine materielle Betrachtungsweise. Wenn du mit deiner Ehe unglücklich bist, warum hast du dann überhaupt geheiratet? Was getan ist, ist getan, daran lässt sich nichts ändern. Aber ich will nur darauf hinweisen, dass du schon einmal etwas getan hast, ohne deine wahre Verantwortung gründlich zu prüfen, und nun planst du erneut einen ähnlich drastischen Schritt. Angesichts dieser Tatsache, überlege dir gut, was du tun willst. In einem Vers der Bhagavad-gītā (12.15) sagt Kṛṣṇa: yasmān nodvijate loko lokān nodvijate ca yaḥ harṣāmarṣa-bhayodvegair mukto yaḥ sa ca me priyaḥ Derjenige, der niemanden in Schwierigkeiten bringt, der sich durch Ängste nicht aus der Ruhe bringen lässt und der in Glück und Leid ausgewogen bleibt, ist Mir sehr lieb. Neue Geweihte begehen oft den Denkfehler zu glauben, dass jedes Mal, wenn Hindernisse oder Schwierigkeiten auftreten, die äußeren Umstände die Ursache seien. Dem ist nicht so. In der materiellen Welt gibt es immer
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Schwierigkeiten, egal in welcher Lebenslage. Daher wird es nichts helfen, einfach nur den Beruf zu wechseln oder den Lebensstand zu ändern. Wenn es Schwierigkeiten mit anderen gibt, liegt das meistens an meinem eigenen Mangel an Kṛṣṇa-Bewusstsein, nicht an ihrem. Ist das klar? Kṛṣṇa sagt, dass Sein liebster Geweihter derjenige ist, der niemanden in Schwierigkeiten bringt. Versuche also, die Angelegenheit nach diesen Punkten zu beurteilen: ob du deine Frau oder dich selbst in Schwierigkeiten bringst oder nicht. Das richtige Verständnis der Bhagavad-gītā zeigt sich am Beispiel Arjunas. Arjuna kam zu dem Schluss, dass er seine standesgemäße Pflicht (svadharma) erfüllen müsse – nicht als materielle Verpflichtung gegenüber der Familie und Freunden oder um seines Rufes oder seiner beruflichen Integrität willen –, nein. Vielmehr musste er die Pflichten seines Lebensstandes ausschließlich als hingebungsvollen Dienst für Kṛṣṇa erfüllen. Hieraus folgt, dass hingebungsvoller Dienst das Wichtigste ist, nicht die berufliche Pflicht, was aber nicht bedeutet, dass ich meine Pflicht aufgeben und etwas anderes tun sollte, nur weil die äußere Tätigkeit nicht das eigentliche Kriterium ist. Es ist ein Irrtum zu denken, hingebungsvoller Dienst könne unter beliebig gewählten Umständen ausgeführt werden, die ich nach eigenem Ermessen festlege. Kṛṣṇa empfahl Arjuna, in seiner ihm bestimmten Position zu bleiben, und nicht, nur aus Bequemlichkeit, die Gesellschaftsordnung zu stören oder gegen seine eigene Natur zu handeln. Unsere standesgemäße Pflicht ist nicht willkürlich; wenn wir einmal ein Tätigkeitsfeld übernommen haben und in unserem Verständnis fortgeschritten sind, sollten wir es nicht gegen ein anderes eintauschen. Vielmehr ist unsere Hingabe der entscheidende Faktor. Was spielt es also für eine Rolle, was ich tue, solange meine Arbeit und meine Energie vollständig Kṛṣṇa gewidmet sind? Nehmen wir Kṛṣṇa als Beispiel. Er ist die Höchste Persönlichkeit Gottes; Er muss keine Arbeit verrichten; Er ist zu nichts verpflichtet. Trotzdem kommt Er hierher, um uns zu lehren. Er akzeptiert nicht nur Seine Pflichten als Hirtenjunge und Prinz, sondern Er akzeptiert auch das Eheleben, Er begibt sich in die Politik, Er ist Philosoph und sogar Wagenlenker in einer großen Schlacht. Er gibt nicht das Beispiel, Pflichten zu vermeiden. Wenn Kṛṣṇa also durch Sein eigenes Verhalten zeigt, was die Vollkommenheit der Existenz ist, dann sollten wir, sofern wir intelligent sind, diesem Beispiel folgen. Selbst wenn eine Ehefrau mit Kindern zu Hause auf uns wartet, ist das in Ordnung; es ist kein Hindernis für unser spirituelles Leben. Und wenn wir diese Dinge, diese standesgemäßen Pflichten einmal akzeptiert haben, sollten wir sie nicht leichtfertig aufgeben. Das ist der Punkt.
Natürlich ist es unsere eigentliche Pflicht, Kṛṣṇa-Bewusstsein zu predigen. Wir müssen also unter allen Umständen bei dieser Aufgabe bleiben, das ist die Hauptsache. Ob verheiratet, ledig oder geschieden – meine Mission zu predigen hängt nicht von äußeren Umständen ab. Das Varṇāśrama-dharmaSystem wurde von Kṛṣṇa wissenschaftlich strukturiert, um die gefallenen Seelen zurück nach Hause, zurück zu Gott zu führen. Wir dürfen dieses System nicht ins Lächerliche ziehen, indem wir aus einer Laune heraus die Ordnung stören. Es wäre kein gutes Beispiel, wenn so viele junge Männer und Frauen so leichtfertig heiraten und dann wieder auseinandergehen – der Ehemann vernachlässigt seine Frau, die Frau ist unglücklich und so fort. Wenn wir solch ein Beispiel abgeben, wie soll unsere Mission dann erfolgreich sein? Familienleben bedeutet Frau, Kinder, Heim – das versteht jeder. Warum haben unsere Schüler ein anderes Verständnis? Sie werden von sexuellem Verlangen geplagt, heiraten und trennen sich sofort wieder, sobald die Angelegenheit ihre Erwartungen nicht erfüllt. Solch ein Verhalten befindet sich auf der materiellen Ebene und führt zu Prostitution. Die Frau bleibt ohne Ehemann zurück, und manchmal muss ein Kind aufgezogen werden. In mehrfacher Hinsicht ist der Vorschlag, den du und auch einige andere machen, äußerst unangenehm und nicht akzeptabel. Wir können unsere Tempel nicht zu Zufluchtsorten für so viele Witwen und verstoßene Ehefrauen machen; das wäre eine große Last, und wir würden zum Gespött der Gesellschaft werden. Es gäbe auch unerwünschten Nachwuchs. Und unzulässige sexuelle Beziehungen, wie wir sie bereits beobachten können. Da Frauen das schwächere Geschlecht sind, brauchen sie einen Ehemann, der stark im Kṛṣṇa-Bewusstsein ist, damit sie davon profitieren und Fortschritt machen können, indem sie fest an seiner Seite bleiben. Wenn ihr Ehemann sie verlässt, was sollen sie dann tun? Es gibt bereits so viele Fälle in unserer ISKCON-Gesellschaft, so viele frustrierte Mädchen und Jungen. Ich habe dieses Ehesystem in euren westlichen Ländern eingeführt, weil es dort üblich ist, dass Männer und Frauen frei miteinander umgehen. Daher war die Ehe erforderlich, um die Jungen und Mädchen im hingebungsvollen Dienst zu beschäftigen, ungeachtet des Lebensstandes. Aber unser Ehesystem unterscheidet sich von dem in eurem Land. Wir billigen nicht das Konzept einer schnellen Scheidung. Wir betrachten den Ehemann oder die Ehefrau als ewige Gefährten, die sich im Kṛṣṇa-bewussten Dienst gegenseitig helfen und das Versprechen ablegen, sich niemals zu trennen. Nur wenn unter meinen Schülern ein Ehepaar sehr fortgeschritten ist und beide einvernehmlich entscheiden, dass der Ehemann nun in den sannyāsa-
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Stand, den Lebensstand der Entsagung, eintreten kann, und beide sind mit dieser Regelung zufrieden, dann gibt es eine Grundlage für eine Trennung. Aber selbst in diesen Fällen kann von einer wirklichen Trennung keine Rede sein; der Ehemann muss selbst als sannyāsī sicherstellen, dass seine Frau in seiner Abwesenheit gut versorgt und beschützt ist. Wir haben leider bereits so viele Fälle von unglücklichen Ehefrauen, die gegen ihren Wunsch von ihren Männern verlassen wurden. Wie kann ich so etwas gutheißen? Ich möchte vermeiden, künftigen Generationen ein schlechtes Beispiel zu geben. Aus diesem Grund überdenke ich dein Gesuch mit größter Zurückhaltung. Wenn es so einfach ist, zu heiraten und dann seine Frau zu verlassen, unter dem Vorwand, das Eheleben sei ein Hindernis für den eigenen spirituellen Fortschritt, dann ist das keineswegs gut. Es ist ein Missverständnis zu denken, dies hätte etwas mit Fortschritt im spirituellen Leben zu tun. Wir müssen unsere standesgemäße Pflicht erfüllen, ganz gleich, welcher Art diese sein mag. Aber wenn ich einmal eine Pflicht akzeptiert habe, sollte ich sie nicht wechseln oder aufgeben; das wäre ein schwerer Fehler. Hingebungsvoller Dienst ist an solche Bezeichnungen wie „standesgemäße Pflichten“ nicht gebunden. Daher ist es besser, den einmal eingeschlagenen Weg weiter zu begehen und die hingebungsvolle Haltung zu vollkommener Gottesliebe zu entwickeln. Das ist Arjunas Verständnis. BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Dann freundete ich mich mit einem Hippie an, der Interesse am Kṛṣṇa-Bewusstsein zeigte. Er kam aus München und lebte dort am Stadtrand in einer Kommune. Er lud uns ein, nach München zu kommen, und ich dachte mir, es sei eigentlich keine schlechte Idee. Ich könnte zusammen mit meiner Frau dorthin fahren und bei meinem Freund wohnen. Nach ein paar Tagen saßen meine Frau und ich im Zug nach München. Die Kommune befand sich in einem zweistöckigen Haus, und wir kamen bei meinem Freund unter. Ich hatte einen geschorenen Kopf und trug wie üblich tīlaka und einen dhotī. Mein erstes, bescheidenes Predigtprogramm bestand darin, einen kīrtana zu machen und danach geopferte Äpfel als prasādam in Stücke zu schneiden und zu verteilen. Am Anfang kamen alle Bewohner aus Neugierde und machten mit, aber später wurde ihr Interesse immer weniger. Jeden Tag ging ich mit meiner Frau auf harināma. In einer der belebten Einkaufstraßen Münchens setzten wir uns auf eine Strohmatte und sangen mit einem kleinen Paar Handzimbeln. Ich stellte ein Bild von Śrīla Prabhupāda vor mir auf, zusammen mit einem Schild, auf dem stand: „Ich bin ein Schüler Seiner Göttlichen Gnade A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda. Ich bin in Ihre Stadt gekommen, um einen Rādhā-Kṛṣṇa-Tempel zu eröffnen. Bitte helfen Sie mir.“ Die Leute warfen Münzen in unseren Korb, und von Zeit zu Zeit hörte ich auf zu chanten, gab eine kurze Erklärung zum Kṛṣṇa-Bewusstsein ab und lud Interessierte ein, uns zu besuchen. Einige der Interessenten kamen tatsächlich zur Kommune, manche von ihnen gut gekleidet in Anzug und Krawatte und mit Aktentaschen. Den Kommunenmitgliedern wurden all diese Besucher zunehmend unheimlich, also baten sie mich, in den Keller umzuziehen, in einen dunklen, schwarz gestrichenen Raum, in dem lediglich eine rote Glühbirne von der Decke hing. Da wurde mir klar: Es war Zeit für eine Veränderung. Glücklicherweise hatte ich ein Ehepaar kennengelernt, das in der Stadt lebte. Die beiden luden mich in ihr Haus ein, wo ich Programme abhielt und prasādam verteilte. Als ich sie bat, mir bei der Suche nach einem geeigneten Ort für einen Tempel zu helfen, erzählte mir die Frau, dass gegenüber ihrem Haus ein Ladenlokal zu vermieten sei. Kurz darauf zogen wir dort ein. Es war ein altes Gebäude, und der Teil, den ich mietete, bestand aus einem langen Raum und einem Badezimmer. Ich teilte den Raum mit Vorhängen in drei Bereiche: einen für den Tempelraum, einen als Küche und einen für meine Frau und mich. Ich stellte zwei Exemplare der Īśopaniṣad ins Fenster – eines zeigte die Titelseite und das andere war aufgeschlagen –, damit die Leute einen Vers und die Erläuterung lesen konnten. Viele Menschen blieben stehen, um zu schauen. Es dauerte nicht lange, da begannen sich unsere Nachbarn zu beschweren, zum einen wegen der kīrtanas am frühen Morgen und der Weihrauchwolken und zum anderen wegen des beißenden Chaunce-Geruchs, der regelmäßig durch die Lüftungsschächte zog. Einer der Bewohner, der jeden Morgen die Treppe hinunterkam, um zur Arbeit zu gehen, wiederholte immer spöttisch die letzte Zeile eines unserer Lieder: „Jaya jagadīśa hare! Jaya jagadīśa hare!“ Wir hatten einen Karton voller Īśopaniṣads, aber wir wussten nicht, wie man Bücher verteilt. Wenn ich in der Stadt predigte, legte ich einige Exemplare vor mich auf die Matte, stellte ein kleines Schild daneben – 5 DM – und wartete darauf, dass jemand ein Buch vom Stapel nahm und die erbetene Spende gab. Das Ergebnis war sehr mager, aber das änderte sich schlagartig, als
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Hansadutta mit den Hamburger Gottgeweihten nach München kam und uns zeigte, wie man Bücher verteilt. Er lehrte uns, einer Person ein Buch oder eine Zeitschrift in die Hand zu drücken, ein Bild der Gottgeweihten zu zeigen und zu sagen: „Das sind wir. Das ist unsere Zeitschrift. Das bin ich. Wir machen dies und das.“ Nachdem die Gottgeweihten die Technik erlernt hatten, stieg unsere Buchverteilung weit über unsere kühnsten Erwartungen hinaus an.
Als Prabhupāda den Bericht seines Schülers über die Predigtarbeit in München erhielt, versicherte er ihm Kṛṣṇas Hilfe, wenn er sich einfach ganz der Aufgabe widmete, im Namen des Höchsten Herrn zu werben: Ich freue mich, dass du aufrichtig daran arbeitest, diese große Wissenschaft unter den Menschen in Deutschland zu verbreiten. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt leiden die Menschen aufgrund des Mangels an diesem Wissen. Wenn der Sohn leidet, leidet auch der Vater. Kṛṣṇa, der Höchste Vater, will nicht, dass Seine integralen Bestandteile in der materiellen Welt leiden. Um die gefallenen Seelen zu befreien, gibt Er Anweisungen, sendet Seine Stellvertreter und kommt manchmal zum Wohl aller Lebewesen sogar selbst. Es ist daher unsere Pflicht als Seine Repräsentanten, jeden aufzufordern: „Bitte nimm dieses Wissen und mach dein Leben erfolgreich.“ Ich bitte euch also alle, diese Bewegung mit immer größerer Begeisterung zu verbreiten, und Kṛṣṇa wird euch helfen. AṢṬARATHA DĀSA: Im Spätsommer 1971 kehrte ich nach Deutschland zurück. Als ich in Frankfurt am Flughafen ankam, rief ich im Hamburger Tempel an, aber niemand ging ran. Später fand ich heraus, dass die Gottgeweihten den Telefonanschluss abgeben mussten, weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnten. Ich nahm den Nachtzug nach Hamburg und dann ein Taxi vom Hauptbahnhof zur Bartelsstraße. Wir fuhren die Straße mehrmals auf und ab, konnten aber die Nummer 65 nicht finden; es gab kein Schild, kein Bild, keinen mahā-mantra – nichts, was auf die Existenz eines Tempels hinwies. Schließlich fand ich, nachdem ich jemanden gefragt hatte, das Lagerhaus im Hinterhof, was eine sehr ernüchternde Erfahrung war. Das herunter-gekommene Gebäude stand in krassem Gegensatz zu den Tempeln, die ich aus den USA kannte.
Die Gottgeweihten hatten gerade die erste Druckauflage der Śrī Īśopaniṣad erhalten, aber niemand wusste, wie man Bücher verteilt. Ich hatte ein wenig Erfahrung vom saṅkīrtana in Washington, D. C., und als ich an einem Tag zwölf Bücher verteilte, konnten sie es kaum glauben. Doch im Laufe der Zeit sammelten die anderen Erfahrung, und bald waren meine Saṅkīrtana-Ergebnisse eher mittelmäßig. So wurde ich nacheinander Koch, Schatzmeister (allerdings nur für einen Tag), Tempelverwalter, Saṅkīrtana-Leiter und schließlich pūjārī. Der Standard der Altargestalten-Verehrung war extrem einfach. Wir wussten nichts von besonderen mantras. Während wir Hare Kṛṣṇa chanteten, gossen wir einfach warmes Wasser über die mūrtis. Die Utensilien wurden auf einem der Regale im Prasādam-Raum aufbewahrt, wo auch die Gottgeweihten ihre Teller hinstellten. Rādhā und Kṛṣṇa hatten fünf Kleidergarnituren und Jagannātha drei. Jeden Morgen stand ich vor der kleinen Schublade mit den Kleidungsstücken der mūrtis und überlegte: „Mein Gott, welches Outfit soll ich ihnen heute anziehen?“ Ganz am Anfang benutzten wir dieselben Blumenketten mehrere Tage lang. Am Abend wurden sie ins Wasser gelegt, um sie bis zum nächsten Morgen frisch zu halten. Die Lebensmittel für die Opferungen waren bescheiden, aber Himavatī war eine so gute Köchin, dass sie es immer schaffte, selbst aus den einfachsten Zutaten schmackhafte Speisen zuzubereiten. Da wir kein Geld hatten, gingen wir nie zu einem Lebensmittelhändler oder Supermarkt, um etwas zu kaufen; stattdessen gingen wir einmal pro Woche zum Großmarkt und bettelten bei den Händlern oder suchten uns das angefaulte Obst und Gemüse heraus, das sie wegwarfen. Da der Markt nur Kaufleuten zugänglich war, mussten wir über einen Stacheldrahtzaun klettern. Eines Sonntagmorgens gingen Śacīnandana und ich dorthin und bekamen nur eine Kiste Kokosnüsse und einen Sack Kartoffeln. So ernährten wir uns die ganze Woche über nur von Kokosnüssen und Kartoffeln: geröstete Kokosnuss mit Kartoffelbrei, geriebene Kokosnuss mit Salzkartoffeln, in Scheiben geschnittene Kokosnuss mit Röstkartoffeln und so weiter. Abgesehen von der Toilette gab es im ganzen Tempel nur ein Waschbecken. Es befand sich im Prasādam-Raum und musste allen möglichen Zwecken dienen. Wir benutzten es, um Töpfe und Geschirr zu spülen, die Ārati-
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Utensilien zu reinigen, zu duschen und Kleidung zu waschen. Zum Duschen füllte man das Waschbecken mit kaltem Wasser, denn warmes fließendes Wasser gab es nicht, und kletterte dann in eine Plastikwanne vor dem Becken, um mit einem Plastikmessbecher Wasser aus dem Becken zu schöpfen. Zunächst hatten wir keine Vorhänge. Später bekamen wir eine zweite Wanne, sodass eine Person sich einseifen konnte, während die andere sich abspülte. Ich erinnere mich noch genau, wie Śacīnandana zu Beginn des Winters – er litt unter schlechter Durchblutung – beim Duschen blau anlief, so kalt war es. Sogar Stunden später hatte sich seine Hautfarbe noch nicht wieder normalisiert. Trotz all dieser Entbehrungen war er immer mit großer Begeisterung beim Predigen dabei. Wann immer sich die Gelegenheit bot, hielt er Vorträge oder sprach mit Gästen.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI (Vedavyas Das): 1968, das Jahr, in dem Śivānanda in Deutschland ankam, war eine außergewöhnliche Zeit für Europas Jugend. Wir hatten gerade den „Pariser Mai“ und den „Prager Frühling“ erlebt – Versuche der jüngeren Generation, die bestehende Gesellschaftsordnung zu verändern. Brennende Barrikaden und gewaltsame Zusammenstöße zwischen Studenten und der Polizei waren noch frisch in unserer Erinnerung. Zum Entsetzen meiner Eltern sympathisierte ich mit der Neuen Linken und nahm an Protestmärschen gegen den Vietnamkrieg teil, wobei ich „Ho Ho Ho Chi Minh“ skandierte und ein Poster von Che Guevara schwenkte. Für viele von uns war 1969 das Jahr, in dem wir zum ersten Mal Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Drogen machten. Bald verlagerte sich mein Interesse von einer äußeren Revolution hin zu einer inneren Transformation. Herbert Marcuse wurde durch Hermann Hesse ersetzt. In seinem Buch Siddhartha stieß ich zum ersten Mal auf die Namen „Kṛṣṇa“ und „Govinda“, zu denen ich eine unerklärliche Anziehung spürte, ohne jedoch ihre tiefere Bedeutung zu verstehen. Im Herbst 1969 spielte mir ein Schulkamerad eine Schallplatte vor, die von George Harrison auf dem neuen Apple-Label der Beatles produziert worden war. Die Gesangsgruppe hieß Radha Krishna Temple (London). Ich stellte mir einen Tempel vor, wie er in Geschichtsbüchern beschrieben wird, mit gemeißelten Steinsäulen und hohen Decken. Ich hatte keine Ahnung, dass jedes Gebäude, das die Gottgeweihten zur Verehrung des Herrn nutzen, zu einem Tempel wird. George Harrison war für seine Neigung zu indischer Musik bekannt, aber das hier war wirklich mehr als ungewöhnlich. Da ich kaum Radio hörte, wusste ich nicht, dass der Hare Kṛṣṇa mantra in ganz Europa die Hitparaden stürmte. Das Album beeindruckte mich nicht so sehr, dass ich es immer wieder hätte hören wollen. Ich bevorzugte die eher ätherische Musik von Pink Floyd und Ravi Shankar. Was mein Schulkamerad und die meisten Leute um mich herum nicht wussten, war, dass ich seit dem Frühjahr mit LSD experimentierte und der Philosophie von Timothy Leary folgte. Während unserer Trips versuchten meine Freunde und ich, die Mauern der sogenannten Realität einzureißen und einen dauerhaften Zustand höheren Bewusstseins zu erlangen. Aber Kṛṣṇa ließ nicht locker. Im Sommer 1970 war meine Lieblingsplatte ein Album von Quintessence. Das Innere des Doppelalbums zeigte eine faszinierende Collage. Auf einem der Fotos war ein Altar mit Bildern von Jesus, Buddha, Viṣṇu und anderen Gottheiten zu sehen und auf einem anderen ein Banner mit dem Hare Kṛṣṇa mantra und eine Gruppe von Leuten, die chanteten. Da mein Interesse an allem, was aus Indien kam, wuchs, kaufte ich mir schließlich eine Sitar und Tablas und begann, Ramakrishna und Vivekananda zu lesen. Ich war auf dem besten Weg, ein überzeugter Impersonalist zu werden. Im Januar 1971 wurde ich zum Wehrdienst einberufen und in Buxtehude stationiert, einer kleinen Stadt unweit von Hamburg. An den meisten Wochenenden besuchte ich meine Familie und Freunde in Düsseldorf, aber manchmal nahm ich den Zug nach Hamburg und verbrachte das Wochenende dort. So geschah es an einem sonnigen Julimorgen, als ich durch Hamburgs Mönckebergstraße ging, dass ein junger Mann, der wie ein Mönch gekleidet war, mir ein Zurück zur Gottheit überreichte und um eine Spende bat. Ich gab ihm nur ein paar Münzen und sagte, ich sei ein armer Soldat, aber es schien ihm nichts auszumachen, und er ließ mir die Zeitschrift. Als ich später durch den Alten Botanischen Garten schlenderte, hörte ich plörzlich Musik und Gesang, der östlich klang. Als ich näher kam, bot sich
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mir ein seltsamer Anblick. Auf einer kleinen Brücke wiegten sich fünf Gestalten mit erhobenen Armen im lebhaften Rhythmus von Handzimbeln und Trommeln hin und her. Diese Leute, mit seltsamen Mützen, die ihre kahlen Köpfe bedeckten, sahen aus wie Besucher von einem anderen Planeten. Ich war fasziniert und näherte mich langsam. Einer der Gottgeweihten, der Einladungskarten an die Menge verteilte, kam auf mich zu. Wir kamen ins Gespräch. Und als er Bhakti-Yoga und die Namen „Kṛṣṇa“ und „Rāma“ erwähnte, lächelte ich wissend. „Oh, damit beschäftige ich mich auch“, sagte ich, als wüsste ich genau, worum es ging. „Meine Lieblingsbücher sind JnānaYoga und Bhakti-Yoga von Vivekananda.“ Soweit ich mich erinnere, kam es zu keiner Diskussion. Vielmehr reichte mir der Gottgeweihte einfach eine Karte, die mir den Weg zu ihrem Tempel in der Nähe der Sternschanze zeigte, und lud mich zum Fest an jenem Nachmittag ein. Ich versicherte ihm, dass ich vorbeischauen würde. Am späten Nachmittag nahm ich die S-Bahn zur Sternschanze. Die Bartelsstraße war leicht zu finden, aber bei der Nummer 65 gab es kein Gebäude, nur eine Mauer mit einem Tor, das zu einem Hof führte. Ich trat ein und sah mich um. Ich war eingeladen worden, zu einem Tempel zu kommen, und ich hatte mir ein majestätisches Gebäude mit Säulen vorgestellt, aber da war nichts dergleichen, nur ein altes, heruntergekommenes Lagerhaus. War dies die richtige Adresse? Dann sah ich neben einer offenen Tür ein Schild mit der Aufschrift: Internationale Gesellschaft für Krischna Bewusstsein, e.V. Einem Pfeil folgend, stieg ich die Treppe zum zweiten Stock hoch und wurde bald von jenem Geruch begrüßt, der für jeden ISKCON-Tempel typisch ist: eine Mischung aus Räucherstäbchen und prasādam. Ein junger brahmacārī ließ mich herein. Sein strahlendes Lächeln, sein glänzend rasierter Kopf und seine safrangelben Gewänder schienen einer anderen Welt anzugehören. Ich war tief im materiellen Bewusstsein versunken, aber irgendwie spürte ich, dass diese Person, die sich als Aṣṭaratha Dāsa vorstellte, auf einer anderen, höheren Ebene stand, von der ich noch weit entfernt war. Jahre später las ich im Kṛṣṇa-Buch: Während der Regenzeit werden alle Lebewesen an Land, am Himmel und im Wasser erfrischt, genau wie jemand, der sich im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn betätigt. Wir haben praktische Erfahrungen damit bei unseren Schülern in der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewusstsein gemacht. Bevor sie zu uns kamen, sahen sie ungepflegt aus, obwohl sie von Natur aus schöne Gesichtszüge hatten. Weil sie keine Informationen über das Kṛṣṇa-Bewusstsein hatten, wirkten sie sehr schmutzig und elend. Seit sie das Kṛṣṇa-Bewusstsein angenommen haben, hat sich ihre Gesundheit verbessert, und weil sie den Regeln und Vorschriften folgen, hat ihr körperlicher Glanz zugenommen. Wenn sie in safrangelbe Gewänder gekleidet sind, mit tīlaka auf der Stirn und Gebetsperlen in den Händen und um den Hals, sehen sie genau so aus, als kämen sie direkt aus Vaikuṇṭha. Nachdem wir einige begrüßende Worte gewechselt hatten, bat mich der Gottgeweihte zu warten – er wollte mir etwas prasādam, spirituelle Nahrung, holen. Er kehrte mit einem Teller gedünstetem Blumenkohl zurück, der einzigen Speise, die noch übrig war. Ich war spät gekommen. Ich genoss die kleinen gelben Stücke, die mit geröstetem Kreuzkümmel bestreut waren. Sie schmeckten exotisch, ganz anders als alles, was ich je zuvor probiert hatte. Wie konnte ein einfaches Gemüse so köstlich sein? Nach meiner bescheidenen Mahlzeit kaufte ich eine Zeitschrift und eine Packung Räucherstäbchen und dachte daran zu gehen. Dann wurde mir gesagt, dass bald eine Zeremonie im Tempel beginnen würde. Ich setzte mich an die Rückwand und blätterte durch die Seiten von Zurück zur Gottheit. Nach einiger Zeit betrat ein Gottgeweihter nach dem anderen den Raum, verneigte sich und sprach Gebete. Dass sie ihre Köpfe auf den Boden legten und in dieser Position blieben, während sie etwas Unverständliches murmelten, kam mir seltsam vor – aber noch seltsamere Dinge sollten folgen. Während ārati dargebracht wurde, ruhte meine Aufmerksamkeit auf den jungen Männern und Frauen, die sich wie in Trance hin und her wiegten, die Augen manchmal geschlossen, die Arme erhoben. Der Altar mit den kleinen mūrtis von Rādhā-Kṛṣṇa und Jagannātha entging mir völlig. Der Anblick dieser Menschen, die wie in einer anderen Welt schienen, gab mir das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Philosophie war eine Sache, aber emotionale Trance? Ich fühlte mich unwohl. Das war nichts für mich. Am nächsten Wochenende war ich wieder bei meinen Freunden in Düsseldorf und „erkundete das Universum“. Ich erzählte nicht viel von meiner Erfahrung im Tempel, außer dass ich gute Räucherstäbchen für unsere Sitzungen gefunden hatte. Auf der Rückseite der Packung war ein Bild der
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universellen Form Kṛṣṇas, das mich beeindruckte. Ich akzeptierte den Aphorismus tat tvam asi – Das bist du – als die höchste Ausdrucks-form transzendentalen Wissens. Ich identifizierte mich mit der universalen Gestalt, von der alles ausging. Ich war alles und alles war ich. Aber Zweifel blieben. Man hatte mir erzählt, dass alles, was ich sah, nur existierte, weil es in meinem Geist war; es habe keine separate Existenz außerhalb meines Bewusstseins. Aber bedeutete das, dass ein Ort aufhörte zu existieren, wenn ich ihn verließ, bis ich zurückkehrte? Wie kam es dann, dass in der Zwischenzeit Veränderungen stattfanden? Veränderungen waren nur möglich, wenn ein Ort während meiner Abwesenheit weiterhin existierte. Irgendetwas stimmte an dieser Philosophie nicht. In den nächsten Monaten besuchte ich den Hamburger Tempel gelegentlich, aber hauptsächlich nur, um Räucherstäbchen zu kaufen. An einem Sonntag im späten Herbst änderte sich jedoch alles. Die Gottgeweihten überreichten mir das erste auf Deutsch veröffentlichte Buch: Śrī Īśopaniṣad. Ich begann noch in derselben Nacht darin zu lesen, und die Anrufung sowie Prabhupādas Erläuterung dazu erschütterten meine unpersönliche Philosophie bis in ihre Grundfesten: Das vollständige Ganze, die Höchste Absolute Wahrheit, ist die vollständige Persönlichkeit Gottes. Die Erkenntnis des unpersönlichen Brahman oder des Paramātmā, der Überseele, ist eine unvollständige Erkenntnis des Absoluten Ganzen. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist sac-cid-ānanda-vigraha. Die Erkenntnis des unpersönlichen Brahman ist die Erkenntnis Seines sat-Aspekts (Ewigkeit); die Erkenntnis des Paramātmā ist die Erkenntnis Seiner Aspekte sat und cit (Ewigkeit und Wissen). Die Erkenntnis der Persönlichkeit Gottes ist jedoch die Erkenntnis aller transzendentalen Aspekte: sat, cit und ānanda (Glückseligkeit). Wenn man die Höchste Person erkennt, erkennt man diese Aspekte in ihrer vollständigen Form (vigraha). Somit ist das vollständige Ganze nicht formlos. Wäre Es formlos oder Seiner Schöpfung in irgendeiner Weise unterlegen, könnte Es nicht vollständig sein. Das vollständige Ganze muss alles enthalten, sowohl innerhalb als auch außerhalb unserer Erfahrung, sonst kann Es nicht vollständig sein. Ich war nicht sofort vollständig überzeugt, aber ich las weiter. Eine innere Stimme sagte mir, ich sei auf dem richtigen Weg. Prabhupādas kraftvolle Worte meißelten an meiner steinernen Unwissenheit. Auch Vivekananda sprach über Bhakti-Yoga, aber er beschrieb das Getrenntbleiben des KṛṣṇaBhaktas in Beziehung zum Absoluten als eine bloße Option – und nicht als eine, die er bevorzugte. Er sagte, es sei so, als ob eine Puppe aus Salz lieber am Ufer des Ozeans bliebe, statt ins Wasser zu gehen, sich aufzulösen und mit allem eins zu werden. Prabhupāda zertrümmerte diese Vorstellung: Spekulierende Philosophen wissen nicht, dass Kṛṣṇa die Absolute Persönlichkeit Gottes ist, dass das unpersönliche Brahman die glänzende Ausstrahlung Seines transzendentalen Körpers ist und dass Paramātmā, die Überseele, Seine alles durchdringende Repräsentation ist. Auch wissen sie nicht, dass Kṛṣṇa eine ewige Gestalt hat, deren transzendentale Eigenschaften ewige Glückseligkeit und vollkommenes Wissen sind. Die von Ihm abhängigen Halbgötter und großen Weisen halten Ihn irrtümlicherweise für einen mächtigen Halbgott und denken, die Brahman-Ausstrahlung sei die Absolute Wahrheit. Kṛṣṇas Geweihte jedoch, die Ihm in ungetrübter Hingabe dienen, können erkennen, dass Er die Absolute Person ist und dass alles von Ihm ausgeht. Solche Geweihten bringen Kṛṣṇa, dem Urquell aller Dinge, ständig liebevollen Dienst dar. Das war die wahre Bedeutung von Bhakti-Yoga: die Teile, die von der Absoluten Person ausgegangen waren, bringen Ihm liebevollen Dienst dar. Im Dezember war mir klar, dass ich an einem Scheideweg stand. Prabhupāda rief mich, aber die Stimme der materiellen Bindungen schien ebenso stark zu sein. Wenn ich den Weg Kṛṣṇa-Bewusstsein einschlug, müsste ich aufhören, mein eigenes Ding zu machen, und meine Hippie-Freunde, meine Psychedelika und unzählige andere liebgewonnene Dinge aufgeben. Ich müsste mich ergeben. In jener Nacht schlief ich kaum. In meinem Geist debattierte ich das Für und Wider. Als das erste Licht des Tages mein Zimmer erhellte, kam ich zu dem Schluss, dass es keine andere Wahl gab: Ich musste mich ergeben. Wahrheit ist Wahrheit – es führte kein Weg daran vorbei. Ich hatte noch ein halbes Jahr Militärdienst vor mir, aber ich war entschlossen, Kṛṣṇa-Bewusstsein so weit wie möglich in mein Leben einzubeziehen. Die Hamburger Gottgeweihten versorgten mich mit allen notwendigen Utensilien für den Beginn eines spirituellen Lebens: einem Set Japa-Perlen, einem indischen Poster von Kṛṣṇa als Murāli-manohara, Tonbändern mit Prabhupādas Vorträgen und einer Aufgabe. Als Hansadutta erfuhr, dass ich mein Abitur mit guten Noten in Englisch und Deutsch
Ein frischer Wind
abgeschlossen hatte, fragte er mich, ob ich Prabhupādas Bücher ins Deutsche übersetzen könnte. Ich stimmte bereitwillig zu und erhielt eine Kopie von The First Step in God Realization, dem ersten Kapitel des Zweiten Cantos des Śrīmad-Bhāgavatams, der damals Kapitel für Kapitel veröffentlicht wurde. Beim Militär hatte ich viel Zeit, da ich meistens in einem Funkturm saß und auf Morse-Nachrichten wartete. Ich begann also per Hand auf die Rückseiten der Notizblöcke zu schreiben – der Beginn dessen, was meine Hauptaufgabe im hingebungsvollen Dienst werden sollte: das Übersetzen und Produzieren von Śrīla Prabhupādas Büchern. *** Obwohl Hansaduttas Rückkehr nach Deutschland frischen Wind gebracht hatte und die Buchverteilung stetig zunahm, war die Śrī Īśopaniṣad das einzige Buch, das die Gottgeweihten den Deutschen anzubieten hatten. In Holland und Frankreich bot sich das gleiche Bild, und Prabhupāda stellte fest, dass die schleppende Buchproduktion die Wirksamkeit seiner Mission behinderte. Er hatte gehofft, dass ISKCON Press Europe, die mehrsprachige Übersetzungsabteilung in Hamburg, regelmäßig Literatur auf Deutsch, Französisch und Niederländisch herausbringen würde. Doch das Projekt war auseinandergefallen. Yogeśvara arbeitete nun bei der ISKCON Press in Brooklyn, New York, und versuchte von dort aus, Publikationen für Europa vorzubereiten. Als Prabhupāda Ende 1971 ein Exemplar einer niederländischen Ausgabe von Zurück zur Gottheit erhielt, dankte er seinem Schüler und ermutigte ihn weiterzumachen, ließ ihn aber auch wissen, dass er mehr erwartete: Es freut mich, dass die fremdsprachige Literatur unter deiner enthusiastischen Leitung regelmäßig produziert wird. Versuche aber, die Anzahl solcher Bücher und Zeitschriften in vielen Sprachen immer weiter zu steigern. Wie soll sonst das Predigen an diesen Orten vorangehen? Obwohl wir uns nun schon seit vielen Jahren in den europäischen Ländern niedergelassen haben, druckt ihr erst jetzt das erste Buch in französischer Sprache, und es gibt immer noch nur ein einziges Buch in deutscher Sprache. Die Bilanz ist also nicht gut, und daher geht unsere Predigtarbeit in diesen Ländern nur langsam voran. Ich denke, dass dies der Grund ist, warum die Dinge in den Tempeln in Frankreich und Deutschland derzeit nicht allzu gut laufen. Wenn du also irgendwie mehr und mehr Bücher für diese Orte produzierst und deine ganze Zeit dem Übersetzen, Organisieren, Drucken und Verteilen solcher Bücher in fremden Sprachen widmest, dann wirst du meiner Meinung nach in der Lage sein, die Situation dort zu verbessern. Wenn reichlich Bücher vorhanden sind, wird alles andere erfolgreich sein. Unsere Gesellschaft ist praktisch auf Büchern aufgebaut. Ein einziges Buch ist nicht sehr beeindruckend, aber ein blinder Onkel besser als gar kein Onkel. Es ist also durchaus lobenswert, dass bereits ein Buch erschienen ist und dass die Zeitschrif Back to Godhead zumindest in einigen Ausgaben in anderen Sprachen erscheint. Aber versuche von jetzt an, mindestens vier bis fünf neue Bücher pro Jahr in mehreren Sprachen zu produzieren, und dazu regelmäßig jeden Monat auch Back to Godhead. Das wird dein Erfolg sein. Zwei Wochen später betonte er Hansadutta gegenüber denselben Punkt: Ich frage mich immer wieder, warum es nach so vielen Jahren nicht möglich ist, meine Bücher in den europäischen Sprachen in großer Zahl zu drucken. Übersetzer sind da, die deutsche Druckmaschinen sind erstklassig, aber wir sind einfach nicht ernsthaft genug bei der Sache. Arbeite jetzt mit Krishnadas zusammen, und drucke so viele Bücher wie möglich in Deutsch, Französisch und anderen Sprachen. Das wird mir eine große Hilfe sein. Krishnadas hatte Deutschland bereits aus Frustration über die scheinbar aussichtslose Lage verlassen, doch als er erfuhr, dass sich die Dinge unter Hansaduttas Führung verbesserten, überdachte er seine Entscheidung und kehrte nach Hamburg zurück. Prabhupāda drängte ihn, mehr Bücher zu drucken und zu verteilen: Literatur in deutscher Sprache zu verteilen, ist die wichtigste Aufgabe, die vor uns liegt, und dein Vorschlag, vor Ort zu drucken, ist sehr gut. Aber warum hast du das nicht schon früher gemacht? Alles, was lokal verfügbar ist, ist besser, sofern die Lieferung regelmäßig erfolgt. Wenn du das arrangieren kannst, dann tu es. Ich weiß nicht, warum in Europa nichts getan wurde, um mehr Bücher zu drucken. So viele Jahre seid ihr schon dort, und noch immer gibt es nicht genügend Literatur in europäischen Sprachen. Warum ist es euch nicht möglich, eine Formel für einen einwandfreien Druck zu finden? Ich denke, an Übersetzern mangelt es nicht. Wende also deine Aufmerksamkeit sofort diesem Projekt zu.
Ein frischer Wind
„Wann immer du Geld bekommst, drucke Bücher!“ Prabhupāda hatte diese Worte Bhaktisiddhānta Sarasvatīs zum Leitsatz seines Lebens gemacht, und er war fest davon überzeugt, dass er Erfolg haben würde, wenn er nur versuchte, diese Anweisung seines Guru Mahārājas auszuführen. Folglich drängte er seine Schüler, seinem Beispiel zu folgen und ihm zu helfen, die Anweisung seines spirituellen Meisters zu erfüllen. Prabhupāda war so bestrebt, sein Anliegen mit Nachdruck zu vermitteln, dass er seine ermahnenden Worte nicht auf Hansadutta beschränkte, der nun in Krishnadasas Abwesenheit für Deutschland verantwortlich war. Er wiederholte dieselbe Anweisung gegenüber all seinen Schülern, die für die Mission in Deutschland verantwortlich waren: Śivānanda, Maṇḍalibhadra und Sucandra. Als Maṇḍalibhadra Prabhupāda versicherte, dass er seine gesamte ihm verfügbare Zeit der Übersetzung seiner Bücher ins Deutsche widme, lobte Prabhupāda dessen guten Willen, betonte jedoch erneut, dass die bisher spärlichen Ergebnisse unbedingt gesteigert werden müssten: Mein vordringlichstes Anliegen ist es, dass meine Bücher veröffentlicht und überall auf der Welt in großer Zahl verteilt werden. In der Praxis sind Bücher die Grundlage unserer Bewegung. Ohne unsere Bücher wird unser Predigen keine Wirkung haben. Daher freue ich mich über deinen Enthusiasmus und deine Entschlossenheit, weiterhin unermüdlich zu übersetzen. Wenn du deine Übersetzungsarbeit immer weiter steigerst, wird dich das im spirituellen Leben immer weiter voranbringen. Kṛṣṇa wird dir jede nur erdenkliche Hilfe gewähren.