ie Welt, in der wir leben, ist – aus vedischer Sicht – das Gefängnis des Reiches Gottes. Und so wie ein gewöhnliches Gefängnis nur aufgrund des Fehlverhaltens einiger weniger Bürger existiert, so existiert auch die materielle Welt nur deshalb, weil sich einige rebellische Seelen von der höchsten Autorität, Kṛṣṇa, abgewandt haben. Aber ein Gefängnis ist nicht nur ein Ort der Bestrafung, sondern hat letztlich den Zweck, die Insassen durch Erziehung und Berichtigung wieder zu gesetzestreuen Bürgern zu machen. Ähnlich verhält es sich mit der materiellen Welt, deren eigentlicher Sinn darin besteht, das Bewusstsein der bedingten Seelen zu läutern und sie wieder zu ihrer wesensgemäßen Stellung als liebende Diener des Höchsten Herrn zu erheben. Glücklicherweise ist Kṛṣṇa so gütig, dass Er von Zeit zu Zeit selbst in die materielle Welt kommt, um den bedingten Seelen zu zeigen, wie sie Schritt für Schritt wieder auf den rechten Weg gelangen können. Er erscheint in Seiner ursprünglichen Gestalt oder in verschiedenen Inkarnationen, und Er D

entsendet Seine reinen Geweihten, um Ihn zu vertreten und in Seinem Auftrag zu wirken. Vor etwas mehr als fünfhundert Jahren erschien Kṛṣṇa als Śrī Caitanya Mahāprabhu, als Höchste Persönlichkeit Gottes in der Rolle eines Gottgeweihten. Einer der Gründe dafür war, harināma-saṅkīrtana – das gemeinschaftliche Chanten der heiligen Namen des Herrn – als die wirksamste Methode der Selbsterkenntnis für dieses Zeitalter einzuführen. Er sagte voraus: pṛthivīte āche yata nagarādi-grāma sarvatra pracāra haibe mora nāma „Mein Name wird in jeder Stadt und in jedem Dorf auf der ganzen Welt gepriesen und gesungen werden.“ (Śrī Caitanya-bhāgavata, Antya 4.126) Während Śrī Caitanya in Indien wirkte, verbreitete sich das Chanten von Hare Kṛṣṇa im ganzen Land, aber schon zweihundert Jahre später begann Seine Meister-Schüler-Folge zu verfallen, und kulturelle sowie religiöse Intoleranz, genährt durch die Mogulund die britische Herrschaft, trugen dazu bei, Seine erhabenen Lehren zu verdunkeln. Erst im 19. Jahrhundert wurde durch die Bemühungen des großen vaiṣṇava-ācāryas Bhaktivinoda Ṭhākura die zeitlose Mission der Saṅkīrtana-Bewegung Śrī Caitanya Mahāprabhus schließlich wiederbelebt und erreichte 1888 mit der Entdeckung der Geburtsstätte Śrī Caitanyas in Mayapur, Westbengalen, ihren Höhepunkt. Mit dem glühenden Wunsch, Śrī Caitanya Mahāprabhus Prophezeiung zu erfüllen, betete Bhaktivinoda Ṭhākura: Wann wird der Tag kommen, an dem alle glücklichen Seelen in Ländern wie England, Frankreich, Russland, Preußen und Amerika Fahnen, Trommeln (mṛdaṅgas) und Handzimbeln (karatālas) nehmen und so die ekstatischen Wellen des harināma-kīrtana und das Chanten von Śrī Caitanya Mahāprabhus heiligem Namen in die Straßen ihrer Städte und Ortschaften tragen? Im Jahr 1891 veröffentlichte Bhaktivinoda Ṭhākura Śrī Godruma-kalpāṭavī, eine Beschreibung seines Nāma-haṭṭa-Programms, das der Verbreitung des heiligen Namens unter den Dorfbewohnern Bengalens diente. Darin schrieb er in dem Kapitel „Ankündigung“:

Unsere Prediger des heiligen Namens tragen die Standarte des Herrn selbstlos und hingebungsvoll von Dorf zu Dorf und erfüllen so mit ihrem öffentlichen Singen den Auftrag Śrī Caitanya Mahāprabhus. Diese Art der Predigt ewiger religiöser Prinzipien wird sich in kurzer Zeit nicht nur in ganz Indien, sondern auf der ganzen Welt verbreiten. Bhaktivinoda Ṭhākura betete zum Herrn um Hilfe. Er wünschte sich einen „Strahl Viṣṇus“, einen mit spirituellen Eigenschaften ausgestatteten Sohn, der ihn bei seiner Mission unterstützen würde. Mit der Geburt Bimala Prasadas im Jahr 1874 erfüllte Kṛṣṇa seinen Wunsch. Bhaktivinoda Ṭhākura übertrug seinen Predigergeist auf Bimala Prasada, der später unter dem Namen Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura bekannt wurde und die Arbeit seines Vaters mit unbeirrter Entschlossenheit fortsetzte, indem er in ganz Indien predigte und 64 Tempel gründete. Er schickte sogar einige seiner Schüler über die Grenzen des Landes hinaus nach Burma, England, Frankreich und Deutschland. Auch in Berlin predigten sie die Botschaft Śrī Caitanyas und erweckten das Interesse eines deutschen Suchers namens Ernst Schulze, der schließlich 1934 nach Indien reiste, wo er von Srila Bhaktisiddhanta die Harināma-Einweihung erhielt. Nachdem er in den Lebensstand der Entsagung eingetreten war, wurde er als Sadānanda Swami bekannt. In London erhielt eine englische Dame namens D. C. Bowtell die Harināma-Einweihung von einem Schüler Bhaktisiddhāntas, der ihr den Namen Vinoda Vani Devi Dasi gab. Doch als sich abzeichnete, dass die Predigtarbeit keine größeren Erfolge haben würde, rief Śrīla Bhaktisiddhanta Sarasvati seine Missionare nach Indien zurück. Er hatte sich mehr erhofft. Aber er gab den Wunsch, die Vision seines Vaters Wirklichkeit werden zu lassen, nicht auf, und so drängte er seine Schüler immer wieder, diese wichtige Aufgabe, Kṛṣṇa-Bewusstsein über die Grenzen Indiens hinaus auf der ganzen Welt zu verbreiten, wieder aufzunehmen. Als Abhay Charan De, der später als A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda bekannt wurde, Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura 1922 begegnete, bat dieser ihn schon bei ihrem ersten Gespräch, sein Leben der Mission Śrī Caitanyas zu weihen und die Botschaft des Kṛṣṇa-Bewusstseins in englischer Sprache im Westen zu predigen. Obwohl familiäre Verpflichtungen Abhay Charan davon abhielten, den Wunsch seines spirituellen Meisters

sofort in die Tat umzusetzen, bewahrte er die Worte seines gurus in seinem Herzen und war entschlossen, den transzendentalen Auftrag so bald wie möglich auszuführen. Als Vorbereitung auf diese große Aufgabe begann er, einen Kommentar zur Bhagavad-gītā zu verfassen, und veröffentlichte 1944 die erste Ausgabe einer Monatszeitschrift mit dem Titel Back to Godhead. Nachdem Abhay Charan 1959 in den Sannyāsa-Stand, den Lebensstand der Entsagung, eingetreten war und 1964 eine englische Übersetzung des Ersten Cantos des Śrīmad-Bhāgavatam (mit seinem eigenen umfangreichen Kommentar) fertiggestellt hatte, traf er Vorbereitungen für eine Reise in die USA, um die Anweisungen seines Guru Mahārājas auszuführen. Mit zweihundert Exemplaren des dreibändigen Ersten Cantos in Kisten verpackt, machte er sich im August 1965 per Schiff auf den Weg nach Nordamerika. Sowohl die Überfahrt als auch die ersten Monate nach seiner Ankunft im September 1965 waren von Schwierigkeiten und Entbehrungen gekennzeichnet. Während er davon lebte, seine Bücher an Buchhandlungen zu verkaufen, schickte Swami Bhaktivedanta Briefe an seine Gottbrüder und andere religiös eingestellte Persönlichkeiten in Indien und bat um Unterstützung. Im Januar 1966 bot Sri Padampat Singhania, ein wohlhabender Geschäftsmann, seine Hilfe für den Bau eines Rādhā-Kṛṣṇa-Tempels in New York City an. Bhaktivedanta Swami war über dieses Angebot sehr glücklich und drückte ihm seine Gefühle der Dankbarkeit aus. Und obwohl er sich immer noch allein abmühte, bat er Padampat Singhania eindringlich, ihm dabei zu helfen, seine Vision einer Gesellschaft von Kṛṣṇa-Geweihten Wirklichkeit werden zu lassen; eine Gesellschaft, die sich nicht nur auf Amerika begrenzen, sondern sich über die ganze Welt ausdehnen sollte: Ich bin sehr froh, dass Sie einen Sri Sri Radha Krishna Tempel im traditionellen Baustil errichten möchten. Das ist ein sehr angemessenes Projekt für eine Persönlichkeit Ihrer Position, denn Sie sind ja ein großer Geweihter des Höchsten Herrn in Seiner Form als Dvarakadhisa. Es ist die Pflicht eines jeden Inders, die Botschaft des Bhagavatam auf der ganzen Welt zu predigen. Ihre Unterstützung für dieses Unterfangen wird daher gewiss von Dvarakadhisa hoch geschätzt werden. Sri Krishna sagt in der Bhagavad-gita, dass jemand, der hilft, die Prinzipien der Bhagavad-gita zu predigen, dem Herrn besonders lieb ist. Dieses Wissen muss systematisch verbreitet werden, und wir Inder, besonders die Hindus, und unter ihnen vor allem die Vaishnavas, müssen uns an die Anweisung Sri Krishnas halten, dieses Wissen auf der ganzen Welt zu verbreiten. Amerika ist nur ein Land, und es liegt in der Mitte dieses Planeten. Auf der einen Seite liegt Europa und auf der anderen Seite Asien. So können wir die Bhagavatam-Mission nach beiden Seiten ausdehnen. Auf der einen Seite nach England, Deutschland, Italien usw. und auf der anderen Seite nach China, Japan, usw. Wenn wir an unsere Arbeit mit Aufrichtigkeit herangehen, wird uns Sri Krishna auf ungeahnte Weise helfen, und weil Sie ein aufrichtiger Geweihter des Herrn sind, sind Sie auf meine demütige Bitte um Unterstützung mit dieser freundlichen Geste eingegangen. Anfang 1966 hatte Swami Bhaktivedanta weder Schüler noch Tempel, aber wie aus diesem Brief hervorgeht, konnte ihn nichts davon abbringen, den transzendentalen Wunsch seines Guru Mahārājas zu erfüllen, der zugleich auch der Wunsch Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākuras und der Wunsch der Höchsten Persönlichkeit Gottes war, nämlich die Botschaft Śrī Caitanya Mahāprabhus auf der ganzen Welt zu predigen. Doch traten hinsichtlich der finanziellen Unterstützung unerwartet Schwierigkeiten auf. Die indische Regierung hatte die Ausfuhr von Devisen stark eingeschränkt, und so bat Swami Bhaktivedanta im Mai ´66 seinen Gottbruder Tīrtha Mahārāja, dessen Kontakte zu hohen Regierungsbeamten zu nutzen, um die benötigte Erlaubnis zu bekommen. Und erneut drückte er seine feste Überzeugung aus, dass die Verbreitung der Botschaft Śrī Caitanya Mahāprabhus auf der ganzen Welt erfolgreich sein würde: Ich füge hier Sri Padampat Singhanias Brief der J. K. Organisation, Kamla Tower, Kanpur, vom 14. Januar 1966 bei. Ich gehe davon aus, dass du diesen Herrn kennst, und ich bin davon überzeugt, dass er bereit ist, jede Geldsumme für den Bau eines schönen Sri Sri Radha Krishna Tempels in New York zu spenden. Die Mitglieder der Singhania-Familie sind traditionsgemäß Geweihte Dvarakadhisas, und daher die richtigen Leute, um diesen transzendentalen Dienst für den Herrn zu verrichten. Srila Prabhupada (Bhaktisiddhanta Sarasvati) wollte solche Tempel in Städten wie New York, London und Tokyo eröffnen. Schon 1922, als ich ihn das erste Mal in Ultadanga traf, hatte er davon gesprochen. Wenn es uns gelingt, ein Zentrum in New York zu gründen, so werden sich die Chancen für Eröffnungen anderer Zentren in Europa, Japan, China und

vielen anderen Orten steigern. Unser einziges Ziel ist es, den Wunsch Srila Prabhupadas und Sri Caitanya Mahaprabhus zu erfüllen. Leider aber kam sein Gottbruder seinen Erwartungen nicht entgegen, und so kam der Bau eines vedischen Tempels in New York nie zustande. Entgegen aller Aussichten aber führte Swami Bhaktivedanta seine Bemühungen fort und scharte allmählich eine kleine Anzahl von Schülern um sich. Anfang September 1966 hatte er sein erstes Predigerzentrum eröffnet und die ersten westlichen Schüler eingeweiht. Im Januar 1967 flog er nach San Francisco, wo einer seiner ersten Schüler, Mukunda, zusammen mit seiner Frau Janaki, einen Tempel eröffnet hatte. Nach seiner Rückkehr nach New York City im Mai verschlechterte sich jedoch sein Gesundheitszustand dergestalt, dass er sich entschloss, nach Indien zurückzukehren, um sich dort entweder zu erholen oder in Vṛndāvana in Frieden zu sterben, wenn dies Kṛṣṇas Wunsch wäre. Immer noch dachte Swami Bhaktivedanta trotz aller Schwierigkeiten ständig darüber nach, wie er die Wünsche der vorangegangenen ācāryas erfüllen könne. Eine kleine Begebenheit, die sich kurz vor seiner Abreise nach Indien am 23. August ereignete, verdeutlicht dies. Einer seiner ersten Schüler, Brahmānanda, schrieb darüber in einem Artikel der Zeitschrift Back to Godhead des Jahres 1967: Einige Schüler begleiten Swamiji im Taxi. Brahmānanda sitzt weinend vorne. Da beugt sich Swamiji plötzlich vor und schlägt ihm auf den Rücken – wie ein Vater, der seinem geliebten Sohn einen aufmunternden Klaps gibt. Rayarāma richtet seine Augen ganz gebannt auf den Swami. Swamiji sagt: „Von Trennung kann keine Rede sein. Klang wird uns immer verbinden, auch wenn der materielle Körper nicht mehr da sein mag. Was kümmert uns der materielle Körper? Chante nur weiter Hare Kṛṣṇa – dann werden wir immer vereint sein. Du wirst hier chanten, ich dort, und diese Klangschwingung wird um den ganzen Planeten kreisen. Ich werde euch vielleicht verlassen, aber mein Guru Mahārāja und auch Bhaktivinoda werden für euch da sein. Ich habe sie gebeten, auf euch, meine transzendentalen Kinder, aufzupassen. Der Großvater sorgt viel besser für die Kinder als der Vater. Habt also keine Angst.“ Nach einer Weile fährt Swamiji fort: „Ich glaube, es ist Krsnas Wunsch. Ich bin zu euch gekommen, aber jetzt, im hohen Alter, kann ich nach Vṛndāvana zurückkehren. Ihr könnt mich dort besuchen, und ich werde euch dort weiter unterrichten. Dann werden wir die Bewegung auf der ganzen Welt verbreiten. Rayarāma, du wirst nach England gehen. Brahmānanda, du wirst nach Japan oder Russland gehen. Macht euch also keine Sorgen.” Indiens Klima und die spirituelle Atmosphäre Vṛndāvanas wirkten Wunder, und so dauerte es nicht lange, bis Swami Bhaktivedanta wieder zu Kräften und Gesundheit kam. Sofort nahm er seinen Plan, die Saṅkīrtana-Bewegung zu verbreiten, wieder auf. Am 23. September 1967 schrieb er einen Brief an Rayarāma und erinnerte ihn an ihr Vorhaben, einen Tempel in London zu eröffnen: Gestern Morgen habe ich Kirtanananda mit einem Brief an Frau D. C. Bowtell nach London geschickt.. Ich hoffe, dass ihn diese Dame, die eine GaudiyaVaishnavi sein soll, bei sich aufnimmt, und dass wir dort eine Zweigstelle gründen können. Du solltest Anfang November ebenfalls nach London fliegen. Wenn uns Frau Bowtell hilft, und Kirtanananda Erfolg hat und du rechtzeitig dort ankommst, dann werden Achyutananda und ich nach einer positiven Nachricht ebenfalls nach London kommen. Aber Kīrtanānanda stieg in London nicht aus dem Flugzeug, sondern beschloss, direkt in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Sein spiritueller Meister war enttäuscht, aber er blieb unverzagt. Am 11. November schrieb er an Brahmānanda: Eine einzige aufrichtige Seele genügt, um eine neue Zweigstelle zu eröffnen. Mit dieser Erwartung hatte ich Kirtanananda nach London geschickt, aber er hat sich als unwürdig erwiesen. Wenn wir in den Staaten ankommen, werde ich Rayarama bitten, nach London zu gehen. Du kannst nach Russland reisen und Gargamuni nach Holland. Am 30. November schlug Brahmānanada in einem Brief Swamiji vor, Europa zu bereisen und sich danach nach Indien zu begeben, um dort Sachen für die Tempel einzukaufen, deren Gewinn der Mission zugutekommen sollten. Weil Swami Bhaktivedanta auf seiner Reise nach San Francisco Zwischenlandungen in Bangkok, Hong Kong, Tokyo und Hawaii plante, antwortete er in einem Brief:

Ich befürworte deinen Plan, Europa zu bereisen, und auch die Idee, geschäftlich nach Indien zu reisen, hat meine Zustimmung. Ich werde versuchen, einige Niederlassungen am Pazifik zu eröffnen, und du kannst das gleiche in Europa tun. Dem uneingeweihten Beobachter mag Prabhupādas Vision, irgendwo Tempel ohne große Voraussicht oder Planung zu eröffnen, utopisch anmuten, aber Prabhupādas Pläne und Taten gründeten ganz einfach auf sein absolutes Vertrauen auf die Gnade der Höchsten Persönlichkeit Gottes Śrī Kṛṣṇa. Er war entschlossen, Kṛṣṇa-Bewusstsein auf der ganzen Welt zu verbreiten. Er hatte seine Gesellschaft von Gottgeweihten die Internationale Gesellschaft für Krischna-Bewusstsein genannt, nicht die Amerikanische Gesellschaft für Krischna-Bewusstsein. Wohlwissend, dass er versuchte, den Wunsch des Höchsten Herrn zu erfüllen, und dass letztendlich alles von Kṛṣṇa abhing, schrieb er am 14. Dezember 1967 an Rayarāma: Wir werden alle zusammen nach London fliegen und eine Niederlassung von enormer Bedeutsamkeit gründen, und später werden wir das Gleiche in Amsterdam und in Berlin oder Moskau tun. Wir müssen die Weltbevölkerung vor den falschen Konzepten des Nihilismus und des Impersonalismus retten. In einem Gebet an Srila Bhaktisiddhanta schrieb ich einmal: „Du hast bewiesen, dass das Absolute empfindsam ist, du hast uns vor der katastrophalen Unpersönlichkeitsphilosophie gerettet.“ Diesen Vers schrieb ich für meinen spirituellen Meister, und Er war sehr zufrieden mit mir. Lasst uns diesem Prinzip folgen, und mein Guru Maharaja wird mich segnen. Eine Woche später schrieb Prabhupāda Brahmānanda einen ermutigenden Brief: Wo immer du in Europa hingehst, musst du Vorkehrungen für die Gründung einer Zweigstelle treffen. Krishna wird dir die nötige Kraft geben, mein liebes Kind. Ich bin arm, aber Krishna ist sehr reich. Ich kann nur zu Krishna beten. Aber Krishna ist unvorstellbar mächtig und großmütig; Er kann alles nur Erdenkliche für dich und für uns tun. Voller Begeisterung, die Botschaft Śrī Caitanya Mahāprabhus zu predigen, schickte ihm Prabhupāda fünf Tage später erneut einen Brief: Wir sollten nicht nur Bücher in Englisch veröffentlichen, sondern auch in anderen wichtigen Sprachen wie Französisch und Deutsch. Ich habe über dein

Programm für eine Tour durch Europa nachgedacht. Ich bin sehr froh darüber, dass du dabei bist, die Fundamente für die Gründung von Zweigstellen in London, Amsterdam und Berlin zu legen. Vielleicht können wir einen weiteren Tempel in Tokyo eröffnen. Ja, wir brauchen Hunderte von Niederlassungen, um Krishna-Bewusstsein zu predigen. Als Prabhupāda im Dezember nach San Francisco kam, legte er seinen Schülern einen Plan vor, den er immer schon mit sich herumgetragen hatte: eine Saṅkīrtana-Gruppe aus einem Dutzend erfahrener Musiker zu bilden, mit denen er die ganze Welt bereisen wollte. Wieder schrieb er an Brahmānanda: Es ist mein Wunsch, mit einer Kirtan-Gruppe die Welt zu bereisen, besonders dein Land (USA) und Europa. Hansadutta ist schon dabei, eine solche Gruppe zu organisieren. Wenn Du diese Kirtan-Gruppe, die aus zwölf bis fünfzehn Personen bestehen soll, durch die Vereinigten Staaten und Europa begleiten könntest, dann werden wir bald bekannter sein als der sogenannte Yogi Maharishi Mahesh. Eigentlich war dies keine neue Idee. Bevor Prabhupāda in den Westen kam, hatte er einen Vaiṣṇava-Freund namens Harikrishnadas Agarwal in Bombay besucht, der den Wunsch geäußert hatte, dabei zu helfen, eine SaṅkīrtanaGruppe zusammenzustellen. Da Prabhupāda vor Kurzem einen Dankbrief von Harikrishnadas erhalten hatte, erinnerte er ihn jetzt an ihre damaligen Pläne und schlug vor, dass jetzt die Zeit gekommen sei, diese Pläne durch eine gemeinsame Bemühung in die Tat umzusetzen: Ich denke, es sollte nicht schwierig sein, eine attraktive Sankirtan-Gruppe zusammenzustellen, die dann die ganze Welt bereisen kann. Ich habe die melodiöse Klangschwingung des Sankirtan erprobt und bin davon überzeugt, dass der Sankirtan – wenn von ernsthaften Gottgeweihten vorgetragen – Menschen auf die spirituelle Ebene erheben kann. Auf diese Weise wird problemlos ein spiritueller Hintergrund geschaffen, eine Grundlage, auf der die spirituellen Anweisungen der Bhagavad-gita mit Leichtigkeit vermittelt werden können. Wenn du damit einverstanden bist, eine solche SankirtanGruppe zu organisieren, dann lautet mein erster konkreter Vorschlag, mit einer Gruppe amerikanischer Schüler nach Bombay zu kommen. Dann können diese amerikanischen Geweihten und die indischen Geweihten zusammen ausgebildet werden. Wie ich bereits in meinem letzten Brief

angedeutet habe, werden die amerikanischen Jungen strikt in spirituellen Regeln unterwiesen. Auch die indischen Jungen und Mädchen müssen sich dieser spirituellen Schulung unterziehen. Denn die Schwingungen können den spirituellen Samen in die Herzen der Zuhörerschaft nur dann pflanzen, wenn sie von einer mit spiritueller Kraft ausgestatteten Person gespielt und gesungen werden, sonst nicht. Wenn Du also bereit bist, mich in diesem Sinne zu unterstützen, dann würde ich mit einer Gruppe amerikanischer Schüler nach Bombay kommen und einige Zeit dort bleiben. Wir könnten sogar versuchen, in Bombay eine Niederlassung unserer Gesellschaft zu eröffnen. Hier im Westen haben wir mittlerweile sechs Tempel, und alle werden von amerikanischen Vaiṣṇavas geleitet. Obwohl sie nicht in einer Hindufamilie geboren wurden, halten sie sich an unsere strengen Regeln. Ich habe mit der Bewegung hier in Amerika begonnen und ich denke, der Erfolg spricht für sich. Es gibt bereits einige Hundert Krishna-Bhaktas in diesem Land, und ihre Zahl nimmt täglich zu. Warum sollte dies also nicht auch in Indien und Pakistan möglich sein? Wir versuchen, von der UN als eine gemeinnützige Organisation anerkannt zu werden. Wenn wir erfolgreich sind, werden wir versuchen, diese kulturelle Bewegung in jedem Land einzuführen, auch in Russland und China. GOVINDA DEVĪ DĀSĪ: Prabhupāda drehte oft an einer Weltkugel und sagte: „Brahmānanda geht hierhin, Gargamuni dorthin.“ Er drehte die Weltkugel und zeigte auf die verschiedensten Länder. Es war erstaunlich, denn letztendlich waren wir nur eine Handvoll Teenager, die nicht einmal imstande waren, sich die Zähne richtig zu putzen, aber Prabhupāda hatte bereits alles im Geiste durchdacht – er wollte uns über die ganze Welt schicken und an allen nur denkbaren Orten Tempel eröffnen. Und er war besonders an Russland interessiert. Er sprach ständig über Russland, und wie Russland mit der Gnade Śrī Caitanyas gesegnet werden solle. *** Hansadutta, der für den Tempel in Montreal verantwortlich war, schrieb Mitte Mai 1968 an Prabhupāda und teilte ihm mit, er habe Schwierigkeiten, geeignete Leute für die Kīrtana-Gruppe zu finden, worauf Prabhupāda ihm vorschlug, nach Deutschland zu gehen und dort eine Zweigstelle zu eröffnen, eine Idee, die er wenige Wochen später in einem Brief an Śyāmasundara wiederholte:

Krishna möchte, dass ich durch den westlichen Teil der Welt reise, und deshalb denke ich, es ist Krishnas Wunsch, dass ich nun mein Tätigkeitsfeld ausweite und für einige Zeit in den europäischen Ländern predige. So weit ich mich erinnere, kannst du Deutsch und auch Holländisch. Deshalb solltest du, sobald die Londoner Niederlassung eingerichtet ist, nach Deutschland gehen und vielleicht kann Hansadutta Dir dort helfen, denn auch er spricht ein wenig Deutsch. Gleichzeitig meditierte Prabhupāda weiter darüber, wie er seinen Traum von einer Welt-Sankirtan-Gruppe verwirklichen könne, und so schrieb er einige Wochen später an Mukunda: Ich möchte eine aus zwölf Personen bestehende Kirtan-Gruppe bilden: 2 Mridanga-Spieler, 1 Harmonium-Spieler, 1 Tanpura-Spieler, und mindestens 6 Zimbel-Spieler. Diese zwölfköpfige Gruppe soll sehr rhythmischen und melodiösen Kirtan abhalten. Das Harmonium ist nur dafür gedacht, die Melodie zu unterstützen; es ist kein Soloinstrument. Ich glaube, dass du in der Lage bist, solch eine Sankirtan-Gruppe zu organisieren, und wenn wir eine erfolgreiche Sankirtan-Gruppe haben, werde ich mich ihr anschließen, und dann können wir mit Unterstützung unserer Bücher und Broschüren für diese erhabene Bewegung in allen Städten Europas wirkungsvoll werben. Und wenn wir in Europa erfolgreich sind, dann gehen wir in andere Länder, auch nach Asien. In Indien würde solch eine großartige Sankirtan-Gruppe mit offenen Armen empfangen werden, und es wäre durchaus denkbar, dass uns wohlhabende Familien unterstützen könnten. Deshalb bin ich fest entschlossen, solch eine Sankirtan-Gruppe zu organisieren, und ich bitte dich, über diesen Vorschlag ernsthaft nachzudenken. Prabhupāda schrieb diesen Brief aus Montreal, wo er sich seit Anfang Juni aufhielt. Er blieb dort drei Monate und plante sorgfältig, wie KṛṣṇaBewusstsein in Europa eingeführt werden könnte, so wie er es bereits in einem früheren Brief angedeutet hatte: Ich werde Juni und Juli in Montreal bleiben. Von da aus werden wir nach England fliegen, und von England reisen wir vielleicht nach Amsterdam, Paris oder Berlin. Aber: der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich kenne Krishnas Wunsch nicht, und so habe ich einfach mein Vorhaben wie beschrieben ausgearbeitet. Bete zu Krishna, dass er mir die Kraft gibt, dir und der Menschheit einen Dienst zu erweisen.