EIN FELD MIT GROSSEM POTENZIAL
970 versprach ein außergewöhnliches Jahr der Predigtarbeit zu werden. Die Londoner Gottgeweihten waren froh, dass Tamal Krishna sich ihnen angeschlossen hatte. Er war nicht nur in der Leitung von Tempeln erfahren, sondern besaß auch ein Talent für den Umgang mit der Öffentlichkeit. Er arrangierte zahlreiche Auftritte, darunter einen SechsMonats-Vertrag für Konzerte der Gruppe Radha Krishna Temple in Hallen, Hochschulen und Clubs (für 250 Pfund pro Woche). Die Gottgeweihten begannen davon zu träumen, ihren unerwarteten Erfolg zu nutzen, um KṛṣṇaBewusstsein nicht nur in ganz England, sondern auf der ganzen Welt zu verbreiten. Vielleicht war dies die Art und Weise, wie Prabhupādas Wunsch nach einer Welt-Saṅkīrtana-Gruppe in Erfüllung gehen würde. Als Prabhupāda mehrere Briefe von Mukunda, Gurudāsa, Śyāmasundara und Tamal Krishna erhielt, in denen sie die Predigtarbeit in London beschrieben, spürte er die Gefahr, dass sie sich von den äußeren Anzeichen ihres Erfolgs mitreißen lassen könnten. Er hatte auch den Eindruck, dass einige seiner Anweisungen, die er ihnen vor seiner Rückkehr nach Amerika gegeben hatte, nicht richtig verstanden worden waren. Daher erinnerte er Mukunda an den Sinn und Zweck der Musikgruppe: Der Zweck der Welt-Sankirtana-Gruppe ist es, in jeder Stadt und jedem Dorf der Welt einen Tempel zu eröffnen. Dieser Plan beginnt bereits in verschiedenen Städten Gestalt anzunehmen. So wie ihr mit einem Tempel in London begonnen habt und dieser nach einem Jahr Form angenommen hat, gibt es nun auch in Deutschland bereits einen Tempel; in Paris hingegen noch nicht. Daher bedeutet Welt-Sankirtana-Gruppe, überall dort, wo wir hinkommen, einen Tempel zu gründen Ich meine damit also keine Musikgruppe, die in eine Stadt reist, ein paar Konzerte gibt und etwas Geld sammelt, ohne eine dauerhafte Wirkung zu hinterlassen. Aus diesem Grund sollte die Welt-Sankirtana-Gruppe aus Mitgliedern bestehen, die in der Lage sind, spirituelle Ekstase in den Herzen der Menschen zu wecken, sodass einige von ihnen sich anbieten, einen Tempel zu gründen, in welchem regelmäßig Sankirtana stattfindet. Und an Tamal Krishna schrieb er: Du hast mir geschrieben, dass du nicht nach Hamburg oder Paris gehen kannst, um dort bei der Organisation zu helfen, aber eigentlich habe ich dich nach London berufen, um alle drei Tempel zu koordinieren. Wenn du dich nur auf den Londoner Tempel beschränkst, wird unser ursprünglicher Plan nicht ausgeführt. Ich schlage daher vor, dass du deine Zeit diesen drei Tempeln widmest und die Leiter vor Ort so schulst, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. So wie du dem Londoner Tempel hilfst, solltest du auch dem Hamburger und Pariser Tempel helfen. Das war unser ursprünglicher Plan, und ich bin der Meinung, dass du diesen nicht ändern solltest. Da er das enorme Potenzial für die Verbreitung von Kṛṣṇa-Bewusstsein in Deutschland sah, riet Prabhupāda Śyāmasundara: Ich habe die Verkaufszahlen der Hare-Krishna-Mantra-Schallplatten gesehen und bin überrascht, dass allein in Deutschland 57.000 Stück abgenommen wurden. Daher sollten wir unverzüglich weitere Tempel in Deutschland eröffnen. Krishnadas hat mir ebenfalls über die Aussichten dort geschrieben, und ich habe Hansadutta gebeten, zu diesem Zweck sofort über London nach Deutschland zu reisen. Ich habe Tamal ebenfalls diesbezüglich geschrieben.
Prabhupāda bat zudem Kulaśekhara und seine Frau Viśakhā, Suridāsa und seine Frau Jaṭilā sowie Trivikrama, nach Hamburg zu reisen. Sobald Hansadutta und Himavatī Ende Februar in London eintrafen, schlossen sie sich Tamal Krishna an, und am 1. März bestiegen die drei Prediger einen Zug nach Folkestone, von wo aus sie mit der Fähre den Ärmelkanal überquerten. Am nächsten Morgen trafen sie am Hamburger Hauptbahnhof ein.
TAMAL KRISHNA GOSWAMI: Unsere Ankunft bedeutete Veränderung. Śrīla Prabhupāda hatte nun zwei seiner geschulten Führungskräfte entsandt, und es war klar, dass sie die Dinge neu ordnen würden. Wie geplant, wurde Hansadutta als der Erfahrenste zum Präsidenten ernannt und Himavatī übernahm die Küche. Schnell gewann sie mit ihrem würzigen Khichri und den kräftigenden Gemüseeintöpfen die Herzen der deutschen Gottgeweihten. Wie Vater und Mutter kümmerten sie sich um die Bedürfnisse aller Tempelbewohner und lösten gemeinsam jede Art von Problemen – vom Sockenstopfen über die Organisation des saṅkīrtana bis hin zur Schlichtung kleiner Streitigkeiten. Die Gottgeweihten reagierten voller Dankbarkeit. Ihre Anwesenheit machte den Tempel zu einem echten Zuhause, einem Ort, an dem man sich geborgen fühlte. Am Morgen nach unserer Ankunft hatten Hansadutta und ich denselben Einfall: Gehen wir auf saṅkīrtana! Unser Enthusiasmus war ansteckend, und bald hatten wir eine kleine Gruppe von Gottgeweihten um uns, die ebenso begierig waren wie wir, den bedingten Seelen Śrī Caitanyas Barmherzigkeit zu schenken. Wie wir es bereits in New York, San Francisco, Los Angeles und London getan hatten, inszenierten wir nun erneut die Vorstellung des Chantens der heiligen Namen des Herrn auf den Straßen von Hamburg. Und wie eine gut eingespielte Schauspielerin, die hinter den Kulissen auf ihren Einsatz wartet, betrat plötzlich Māyā die Bühne – in Form von Schnee! Die Londoner Bobbies waren oft ein Ärgernis gewesen, aber dieser Akt Māyās drohte nun, endgültig den Vorhang über unsere jungen SaṅkīrtanaBemühungen fallen zu lassen. Doch Hansadutta und ich sollten schon bald großen Respekt vor den deutschen Gottgeweihten gewinnen. Je kälter es wurde, desto entschlossener wurden sie. Es wurde so kalt, dass die Straßen fast leer gefegt waren, aber dennoch bestanden sie darauf, dass wir hinausgingen.
Hansadutta und ich hatten keine andere Wahl, als uns ihrem Enthusiasmus zu beugen.
HANSADUTTA DĀSA: Ich wurde 1941, während des Zweiten Weltkriegs, in Braunschweig geboren. Kurz nach meiner Geburt zog meine Familie nach Berlin, wo mein Vater — den man nicht zum Militär eingezogen hatte, da er bereits über 40 Jahre alt war — eine Art Gaststätte mit Unterhaltungsprogramm eröffnete. Doch im Laufe des Krieges wurden Mehl, Butter und Zucker immer knapper, sodass er schließlich den Betrieb einstellen musste. Als am Ende des Krieges jeder eingezogen wurde, junge wie alte Leute, musste auch mein Vater an die Front. Er wurde jedoch bald von den Amerikanern gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Glücklicherweise sprach er sehr gut Englisch, da er in den 1920er-Jahren mit einigen Freunden in Amerika gewesen war. Und da er zudem ein sehr guter Koch und Konditor war, wurde er gut behandelt. Nach seiner Entlassung im Jahr 1947 kontaktierten ihn einige seiner Freunde, die in Amerika geblieben waren, und luden ihn ein, herüberzukommen. Schließlich überquerten wir 1950 den Atlantik und kamen in New York an, wo die Freunde meines Vaters uns eine Unterkunft im deutschen Viertel von Manhattan vermittelten. Nach etwa einem Jahr hatte ich Englisch gelernt. 1959 meldete ich mich bei der Navy, wo ich bis 1962 als Koch blieb. Danach ging ich zurück nach New York und verbrachte einige Zeit an einer Kunstschule, merkte jedoch bald, dass dies Zeitverschwendung war. Ich wohnte in der Lower East Side, die zu einem Treffpunkt vieler junger Leute geworden war, die nicht das tun wollten, was ihre Eltern taten, sondern nach einem alternativen Lebensstil suchten. Mitte der 60er-Jahre war ich nach Hoboken, New Jersey, gezogen, wo ich mir eine Wohnung mit einem Freund namens Bob teilte. Er war ein wenig exzentrisch, und nach einiger Zeit verschwand er, und ich verlor ihn aus den Augen. Als ich ihn das nächste Mal sah, kam er auf mich zu und drängte mich, mitzukommen und den Swami zu treffen. Er sagte: „Der Swami liebt jeden, und er singt wunderschön.“ Prabhupāda hielt sich zu dieser Zeit noch im Ashram von Dr. Mishra auf. Bob besuchte mich gelegentlich, und eines Tages
gab er mir ein kleines Buch, Easy Journey to Other Planets (Unbeschwerte Reise zu anderen Planeten), von dem Prabhupāda eine ganze Kiste voll aus Indien mitgebracht hatte. Ich warf das Buch ungelesen in mein Auto und vergaß es. Eines Tages, Anfang 1967, überredete mich einer meiner Freunde, LSD zu nehmen, was mich in eine völlige Leere stürzte. Ich verlor das Interesse an allem und saß nur noch in einer Ecke. Ich wollte mit niemandem reden. Dann kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich dieses kleine Buch lesen müsse, das in meinem Auto lag. Aber das Auto hatte eine Panne, und ich hatte es in Manhattan stehen lassen, an einer Stelle, die etwa sechs Häuserblöcke vom Tempel entfernt war. Also fuhr ich nach New York. Das Auto war noch da, obwohl alle Fenster eingeschlagen waren, und das Buch war auch noch da. Ich begann direkt dort im Auto, hinter dem Lenkrad sitzend, das Buch zu lesen und war sofort von dem, was Prabhupāda erklärte, gefesselt. An einer Stelle spricht er über yogīs, die zum Mond reisen wollen. „Aber“, sagt er, „all diese Planeten sind vergänglich, und selbst wenn man dorthin gelangt, muss man zurückkehren, und letztlich werden alle Planeten in der materiellen Welt vernichtet. Doch wenn man zu Kṛṣṇas Planeten kommt, ist der Aufenthalt dort immerwährend, und man kehrt nie wieder hierher zurück.“ Diese Worte überwältigten mich. Ich beschloss unverzüglich zum Tempel zu gehen. Sobald ich durch die Tür trat, wandte ich mich an den erstbesten Gottgeweihten: „Was immer mir nützt, was immer ihr habt – gib es mir.“ „Hast du Geld?“, war die Antwort. „Klar“, sagte ich, und so gab er mir einen Stapel Back-to-Godhead-Hefte und ein Flugblatt. Eigentlich hatte ich das Flugblatt schon etwa einen Monat zuvor bekommen. Als ich mit meiner Frau Helena, die später als Himavatī eingeweiht wurde, durch die Lower East Side spazierte, hörten wir plötzlich dieses Klingen – ching, ching, ching / ching, ching, ching – und das Brummen eines Harmoniums. Wir folgten dem Klang, bis wir zu einem Kreis von jungen Leuten kamen, die um einen älteren Inder herumsaßen. Und da war mein Freund Bob – mit glattrasiertem Kopf und einem weißen Hemd. Er wiegte sich zur Musik, und als ich ihn sah, dachte ich mir: „Wow, das ist abgefahren. Um so etwas zu machen, musste man wirklich ganz woanders sein.“ Jemand gab mir einen Flyer: „Bleib für immer high! Kein Runterkommen mehr.
Spirituelle Philosophie, spirituelle Musik und spirituelles Essen.“ Ich wunderte mich: „Wie kann Essen spirituell sein?“, aber ich behielt den Flyer. Wir gingen zurück nach Hause, und ich versuchte zu verstehen, wie Essen spirituell sein könnte, aber es blieb mir ein Rätsel. Nachdem ich Easy Journey gelesen hatte, ging ich erneut zum Tempel und sprach mit den Gottgeweihten, um mehr herauszufinden. Während eines dieser Gespräche fragte ich einen von ihnen: „Macht ihr auch Yoga?“ – „Nein, dafür haben wir keine Zeit“, antwortete er. Ich dachte: „Wie ist das möglich? Ich dachte, das hier sei etwas Spirituelles.“ Ich war schon fast zur Tür hinaus, als ich mich umdrehte und fragte: „Oh, wie geht eigentlich dieses ‚Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Rāma Rāma‘, das ihr singt?“ Er zeigte mir, wie man chantet, und wir wiederholten den mantra zusammen etwa ein Dutzend Mal. Sobald ich aus der Tür war, fing ich an, aus vollem Hals zu schreien, als gäbe es irgendwo ein Feuer: „Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa…“ Ich tat das den ganzen Weg zurück zu meinem verlassenen Auto. Während ich so die Straße entlanglief, bemerkte ich, wie die Leute mich bereits abstempelten: „Der Typ ist ein Goner.“ „Goners“ sind Leute, die „weg“ (gone) im Sinne von realitätsfremd sind. Sie neigen dazu, Selbstgespräche zu führen oder laut herumzuschreien und werden normalerweise von anderen gemieden. Ich verstand, warum die Leute mich so wahrnehmen, aber ich fühlte mich befreit. Ich wusste: Solange ich Hare Kṛṣṇa chante, bin ich an einem sicheren Ort. Das war mir von Anfang an klar.
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Als Hansadutta nach Hamburg kam, gerieten die Dinge so richtig in Bewegung. Er dominierte die Szene bald mit seinem Charisma. Seine energetischen und enthusiastischen kīrtanas erhoben die Gottgeweihten direkt auf die spirituelle Ebene. Er hatte offensichtlich eine Vision, und seine kraftvolle, direkte Predigt – einfach und auf den Punkt gebracht – erwies sich als äußerst überzeugend. Bald sah man viele neue Gesichter im Tempel: Smita Kṛṣṇa, Jayagoura, Avināścandra und später Uthāl, Chakravartī, Śacīnandana, Vedavyas, Pṛthu, Purujit und noch etliche mehr. Hansadutta führte die Geweihten fast täglich zum harināma hinaus. Da es noch keine Buchverteilung gab, chanteten wir stundenlang auf den Straßen
Hamburgs, während wir Einladungen zum Sonntagsfest verteilten und in einem Korb Spenden sammelten. Wir fanden schnell heraus, dass es am besten funktionierte, große Münzen im Korb liegen zu lassen, da die Leute hineinschauten und sich bei ihrer Spende an dem orientierten, was andere bereits gegeben hatten. Schließlich beließen wir es jedoch bei nur wenigen Geldstücken, da zwielichtige Gestalten den Korb umkippten, sich schnell die Münzen schnappten, die auf den Bürgersteig fielen, und davonliefen. *** Śrīla Prabhupāda freute sich über die ermutigenden Berichte seiner Schüler in Hamburg, und er antwortete jedem persönlich. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass sich Kṛṣṇa-Bewusstsein überall wie ein Lauffeuer verbreiten würde, wenn die Geweihten seinen Anweisungen folgten und kooperativ zusammenarbeiteten. An Tamal Krishna schrieb er: Ich bin froh, dass du zusammen mit Hansadutta und seiner Frau nach Deutschland gegangen bist, und es freut mich, dass die Dinge gut laufen. Es ist eine große Genugtuung. Ich habe dich aus zwei Gründen nach London gerufen: um die europäischen Tempel zu organisieren und später die Welt-Sankirtan-Gruppe zusammenzustellen. Mukunda, Hansadutta, du selbst, Krishnadas, Umapati, Janardan, Suridas und die anderen, ihr seid alle erprobte Gottgeweihten; nun tut alles in voller Kooperation. Und Hansadutta bekam folgenden Brief: Es freut mich sehr, dass ihr beide sicher euer Ziel erreicht habt. Arbeitet nun mit großem Enthusiasmus, und bitte Himavati, sich mit großer Sorgfalt um die murtis zu kümmern. Ihr beide habt in L.A. gesehen, wie gewissenhaft die Geweihten bei der Verehrung der Altargestalten sind. Wir müssen stetig Fortschritte machen und dabei beide Seiten im Gleichgewicht halten, nämlich Pancaratriki Biddhi und Bhagavat Biddhi. Pancaratriki Biddhi ist Archana, d. h. die Verehrung im Tempel, und Bhagavat Biddhi ist Predigen durch Chanten und Verteilen von Büchern. Obwohl Chanten völlig ausreicht, um alle Biddhis zu erfüllen, müssen wir uns, um rein und geläutert zu bleiben, an die Regeln und Vorschriften der Pancaratriki Biddhi halten. Unsere Londoner Murtis sind außergewöhnlich schön. Jeder ist vom lächelnden Angesicht des Herrn fasziniert. Es ist einfach bezaubernd.
Jetzt steht dir alles zur Verfügung, und du hast Erfahrung; also mach weiter so und eröffne so viele Tempel wie möglich. Predige die Sankirtana-Bewegung nach besten Kräften. Srila Bhaktivinoda Thakura übertrug die Verantwortung meinem Guru Maharaja, und er hat mich ermächtigt, die Mission weiterzuführen. Nun bitte ich euch, meine europäischen und amerikanischen Schüler, unsere Bewegung von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu tragen und alle Menschen der Welt glücklich zu machen. Ihnen fehlt der wahre Mittelpunkt im Leben, Kṛṣṇa. Deshalb sind sie unglücklich. Lasst uns sie über diesen fehlenden Lebensinhalt belehren, und dann werden sie sicherlich glücklich werden. An Krishnadas schrieb er: Ja, ich bin sehr froh, dass Hansadutta und Himavati zusammen mit Tamal Krishna angekommen sind und in so kurzer Zeit ein gutes Programm eingeführt haben. Also werden eure Murtis jetzt unter Himavatis Leitung betreut, und Hansadutta und Tamal leiten die Sankirtana-Gruppe mit immer größerem Erfolg. Arbeitet weiter gemeinsam daran, unsere Bewegung für Krishna-Bewusstsein in ganz Deutschland zu verbreiten. Du hattest mir geschrieben, dass dort ein fruchtbares Feld für die Predigt auf uns wartet. Ich bin daher sehr hoffnungsvoll, dass ihr mit Engagement predigen und viele neue Tempel eröffnen werdet. Sucandra bekam folgenden Brief: Es ist äußerst wichtig, dass unsere Aktivitäten geregelt sind, das heißt nach einem festen Zeitplan stattfinden. Jeder sollte täglich ohne Ausnahme seine sechzehn Runden chanten und die regulativen Prinzipien strikt befolgen. Diese grundlegenden Pflichten des Kṛṣṇa-Bewusstseins sind essenziell und müssen regelmäßig ausgeführt werden; sie werden dir die notwendige geistige Stärke geben, um stets fest im hingebungsvollen Dienst verankert zu bleiben. Sobald ein Gottgeweihter auf diese Weise regelmäßig tätig ist und immer im Kṛṣṇa-Bewusstsein verweilt, wird Kṛṣṇa die gesamte spirituelle Wissenschaft im Inneren des Herzens eines solch aufrichtigen Geweihten offenbaren. Wenn du regelmäßig chantest und die Regeln und Vorschriften befolgst, wird dir Kṛṣṇa spirituelle Intelligenz verleihen, und dann wirst du die Bhagavadgita und auch unsere anderen Schriften verstehen. In diesem Zusammenhang denke ich, dass du, da es dir schwer fällt, unsere englische Ausgabe der Bhagavad-gita Wie Sie Ist zu lesen, leichter anhand der Kopien von Mandalibhadras deutschen Übersetzungen lernen kannst. Vielleicht kannst
du ihm auch in gewisser Weise helfen, indem du seine Arbeit Korrektur liest. Du kannst dich also in dieser Hinsicht bei ihm erkundigen. Im Srimad-Bhagavatam heißt es, dass hingebungsvoller Dienst so mächtig ist, dass für einen Gottgeweihten kein Verlust entsteht, selbst wenn er gelegentlich vom Standard abweicht. Wenn er aufrichtig ist, wird er seinen Fehler berichtigen, und Kṛṣṇa reinigt ihn daraufhin von innen her. Dies versichert Kṛṣṇa auch in der Bhagavad-gita, wo Er sagt, dass Er dem Gottgeweihten vollen Schutz gewährt und dieser seinen Fortschritt niemals verlieren wird. Aber wenn jemand nicht im Kṛṣṇa-Bewusstsein tätig ist, gibt es für ihn keinen Gewinn, ganz gleich welche Position er im materiellen Leben erreichen mag. Daher müssen wir mit Entschlossenheit den heiligen Namen chanten und alle Regeln befolgen. Dies wird uns davor bewahren, von Maya getäuscht zu werden. Aber selbst, wenn eine vorübergehende Verwirrung eintritt, gibt es keinen Grund zur Entmutigung. Wir alle sind neu und schwach in diesem Kṛṣṇa-Bewusstsein. In einem Krankenhaus sind alle krank, und obwohl sie versuchen, gesund zu werden, besteht immer die Möglichkeit, dass einer von ihnen einen Rückfall erleidet. Das bedeutet jedoch nicht, dass man das Krankenhaus schließen sollte. Es ist unsere Aufgabe, Maya zu bekämpfen, und wenn wir durch Krishnas Gnade siegreich sind, werden wir unser natürliches gesundes Leben im Kṛṣṇa-Bewusstsein wiedererlangen. Es gibt also keinen Grund zur Entmutigung. Es freut mich sehr, dass so viele Jungen und Mädchen zum Hamburger Tempel kommen. Ich denke, dass es in Deutschland ein großes Interesse am Krishna-Bewusstsein gibt. Versuche also weiter, unsere Sankirtana-Bewegung mit aller Kraft voranzutreiben, damit die Menschen immer mehr von dem transzendentalen Klang des Hare Kṛṣṇa mantras angezogen werden. Das wird dein größtes Verdienst sein: ihnen wahres Wohlergehen und echte Glückseligkeit im Leben zu bringen. Die Gottgeweihten waren bemüht, ihren spirituellen Meister zu erfreuen, und so machten sie Pläne, wo und wie sie weitere Tempel eröffnen könnten, obwohl sie in Hamburg eigentlich noch keine solide Grundlage geschaffen hatten. Himavatī war es gewohnt, ihren Mann überall hin zu begleiten und ihm zur Seite zu stehen, und daher musste sie von Śrīla Prabhupāda zur Vorsicht gemahnt werden: Es macht mir große Freude zu hören, wie gerne du dabei helfen möchtest, neue Tempel in München, Amsterdam und Berlin zu eröffnen. Aber solange kein geeigneter Geweihter die Verantwortung für die Murtis übernimmt, solltest du in Hamburg bleiben. Hansadutta kann allein mit den anderen zum Predigen gehen. Ich denke, es gibt dort genug Brahmanen; wenn also einer nicht ganztägig beschäftigt werden kann, sollten die anderen die Pflichten unter sich aufteilen, d. h. einer übernimmt die Morgenverehrung, ein anderer die Mittagsverehrung und ein anderer die Verehrung am Abend. Solange sie also nicht voll ausgebildet sind, solltest du nicht fortgehen. Die Verehrung der Altargestalten ist für ältere und erfahrene Schüler gedacht; es ist nicht gut, neuen Schülern die heilige Schnur zu verleihen. Die Verehrung der Murtis ist ausschließlich für fortgeschrittene Schüler. Jagannatha in eurem nächsten Tempel zu verehren, ist keine gute Idee, denn ihr habt schon jetzt nicht genug Leute, um eine angemessene Verehrung durchzuführen. Solange kein Pujari verfügbar ist, können wir Pañca-tattva und Guru verehren. Daran können sich alle eingeweihten Schüler beteiligen, ganz gleich ob sie nur die erste oder schon die zweite Einweihung haben. Vor einem Altar mit Bildern von Śrī Caitanya, dem Pañca-tattva und den Acharyas kann jeder Arati und Bhoga darbringen. Die Reihenfolge der Verehrung ist: zuerst der spirituelle Meister, dann Sri Caitanya, dann Radha und Krishna (wie in den mantras oder dem Vande 'ham-Gebet). BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: An Wochenenden pflegten wir ins Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli zu gehen, um auf der Reeperbahn zu chanten, weil es der einzige Ort war, wo spätabends noch viele Menschen auf der Straße waren. St. Pauli war nicht nur für seine Bars und Nachtklubs berüchtigt, sondern auch dafür, dass sich dort Aussteiger und Sonderlinge aller Art herumtrieben. Es gab auch viele Kommunen wie die, in der ich gelebt hatte. Die Menschen reagierten auf unser Chanten unterschiedlich. Manche mochten uns, andere hassten uns. Gelegentlich flog ein Blumentopf auf den Bürgersteig, knapp neben einem Gottgeweihten, oder jemand schnippte eine Zigarettenkippe in unsere Richtung oder kippte einem von uns eine Flasche Bier über den Kopf. Aber die Entschlossenheit der Gottgeweihten ließ sich nicht erschüttern. Sie folgten einfach dem Beispiel Śrīla Prabhupādas, der Kṛṣṇa-Bewusstsein inmitten der Aussteiger und Hippies auf der Lower East Side in New York eingeführt hatte. Eines Nachts chanteten wir vor einem Möbelgeschäft, als ein riesiger Kerl, ein betrunkener Matrose, auftauchte und so wütend wurde, dass er versuchte, Ein Feld mit großem Potenzial uns durch das Schaufenster zu stoßen. Wir wussten nicht, was wir tun sollten, als plötzlich ein noch größerer Kerl auf der Bildfläche erschien und ihm auf die Nase haute. Wir sahen es als ein Zeichen Kṛṣṇas und zogen uns schnell zurück.
TAMAL KRISHNA GOSWAMI: Es ist schwer, sich einen verkommeneren und gottloseren Ort vorzustellen als Hamburgs berüchtigte Reeperbahn. Es wimmelte dort nur so von Nachtklubbesuchern, Betrunkenen, Prostituierten, Zuhältern, Schlägern und jeder anderen Art von fragwürdigen Gestalten, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, die niedrigen, lüsternen Instinkte der Leute zu befriedigen. Tagsüber wirkte der Ort fast normal, aber nachts vollzog sich eine nahezu vollständige Wandlung. Dann wurde die Reeperbahn zu einem Dschungel voller wilder, blutsaugender Bestien. Inmitten dieses Wahnsinns, dieser Dekadenz und Verdorbenheit, wagten wir einzudringen – nicht als angeheuerte Musiker unter dem Deckmantel „Radha Krishna Temple“, sondern als Vertreter Gottes, die die nackte Wahrheit verkündeten: den heiligen Namen des Herrn. Wir waren sādhus, die keine Einladung benötigten. Śrī Caitanya Mahāprabhus Auftrag war unsere Eintrittskarte. Es war, als ob der Lauf der Sonne plötzlich umgekehrt worden und die Nacht ohne Vorwarnung zum Tag geworden wäre. Unsere unerwartete Anwesenheit war für die höllischen Bewohner ein unerwünschtes Eindringen. Und diese Langzeitbewohner der Reeperbahn waren bereit, uns wissen zu lassen, wie sie sich fühlten. Aus den Bars kamen breitbrüstige und muskulöse Türsteher, die uns nachsetzten wie rasende Hunde beim Angriff auf Eindringlinge, während wir die Straße hinuntertanzten. Von oben wurden wir mit Geschossen bombardiert – Steine und Blumentöpfe – die laut fluchende Prostituierte auf uns warfen. Wir wurden verhöhnt, verspottet, belästigt. Die jungen Paare, die vergnügungssuchenden Geschäftsleute und alten lüsternen Rentner, die gekommen waren, um hier ihren letzten Pfennig zu lassen, waren gleichermaßen verkommen, wenn auch nicht so feindselig. Wenn wir sie um Spenden baten, roch ihr Atem nach Schnitzel und Alkohol.
Es war ohne Zweifel der schlimmste Ort, den ich bisher kennengelernt hatte; die schwierigsten Umstände, unter denen man saṅkīrtana durchführen konnte. Unsere Integrität wurde auf eine harte Probe gestellt. Niemand hätte es uns übelgenommen, wenn wir die Reeperbahn schnellstens verlassen und nie wieder betreten hätten. Aber das hätte weder die Barmherzigkeit von Śrī Caitanyas Gnade widergespiegelt noch die Stimmung Prabhupādas, der sich alleine in den ebenso höllischen Dschungel von New York begeben hatte. Wir mussten bleiben und am folgenden Abend zurückkehren. Kṛṣṇa schaute zu und so auch Prabhupāda. Wenn wir solche Risiken eingingen, würden sie uns allen Schutz geben.
Nachdem Tamal Krishna bei der Organisation des Hamburger Tempels geholfen hatte, fühlte er, dass es an der Zeit war weiterzuziehen, und beriet sich mit Hansadutta. Eines Abends im April bestieg er dann den Zug nach Paris, wo eine Handvoll Gottgeweihte mühsam versuchten, geeignete Räumlichkeiten für einen Tempel zu finden. Umāpati war von den USA nach Paris gekommen und versuchte, eine französische Ausgabe der Zeitschrift Back to Godhead herauszugeben, doch die ihm zur Verfügung stehenden Mittel waren sehr dürftig. Tamal Krishna schlug ihm vor, nach Hamburg zu fahren, um sich dort den Gottgeweihten anzuschließen, die gerade eine Übersetzungsabteilung für europäische Sprachen aufbauten. Das Projekt trug den Namen ISKCON Press Europa. Und so machten sich Umāpati und seine Frau Ilāvatī schon bald auf den Weg nach Hamburg. Gegen Ende des Sommers schloss sich ihnen ein weiteres französischsprachiges Ehepaar an, Yogeśvara und Jyotirmayī, die bereits im Londoner Tempel damit begonnen hatten, Kṛṣṇa-bewusste Literatur ins Französische zu übersetzen.
SMITA KṚṢṆA SWAMI: Im Winter 1968, als ich sechzehn Jahre alt war, stieß ich auf ein Buch mit dem Titel Message from Space (Botschaft aus dem All). Es handelte von karma, der Seele, Reinkarnation und der Erhebung des Bewusstseins durch Gebete. Obwohl es in einfacher Sprache verfasst war, machte es einen tiefen Eindruck auf mich. Der Autor empfahl, die Worte Jesu
zu studieren, und so begann ich, jeden Tag ein Kapitel in der Bibel zu lesen. Ich spürte, dass mein Leben dadurch an Bedeutung gewann, aber gleichzeitig war ich hinund hergerissen zwischen dem Wunsch, ein reines Leben zu führen, und dem Verlangen nach dem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. Tatsächlich lernte ich im späten Frühjahr 1969 in Stockholm einige Mädchen aus Hamburg kennen, und nachdem sie nach Deutschland zurückgekehrt waren, beschloss ich, sie während meiner Sommerferien zu besuchen. So trampte ich Anfang Juli von Stockholm nach Hamburg. Während meines Aufenthalts freundete ich mich mit einem Jungen an, der mir die Stadt zeigte und mir in vielerlei Hinsicht behilflich war. Eines Abends nahm er mich in einen psychedelischen Club mit, das Grünspan auf der Großen Freiheit in St. Pauli. Als wir wieder auf die Straße traten, bemerkte ich unweit von uns eine Gruppe von Leuten, die auf dem Bürgersteig standen und etwas beobachteten. Neugierig geworden, ging ich auf sie zu und sah zwei Mönche, die auf einem Teppich saßen mit einem Strohkorb und einem Stapel Flugblätter vor sich. Es waren Śivānanda und Maṇḍalibhadra, wie ich später erfuhr. Für einen Augenblick dachte ich, es könnten Studenten in Kostümen sein, aber schnell verwarf ich diesen Gedanken wieder, denn sie sahen viel zu ernsthaft aus – eher wie buddhistische Mönche, nicht wie Jugendliche, die sich einen Spaß machten. Ich war fasziniert und wollte mehr herausfinden, doch ehe ich mich versah, hatte mich mein Freund schon weggezerrt, und weiter ging es über die Reeperbahn. Nicht lange danach kehrte ich nach Schweden zurück, aber Ende August, kurz bevor meine Ferien zu Ende gingen, fuhr ich erneut nach Hamburg – diesmal mit dem ausdrücklichen Vorhaben, mehr über diese Mönche herauszufinden. Doch egal wo ich suchte, ich konnte sie nicht finden. Meine Sehnsucht nach einem spirituellen Leben war gewachsen, aber der innere Konflikt zwischen dem Wunsch nach Reinheit und dem Drang nach materiellen Genüssen tobte weiter. An einem Punkt verzweifelte ich derart, dass ich Gott ablehnte. Dann las ich A Pilgrim’s Progress (Die Pilgerreise), und dieses Buch berührte mich so tief, dass ich beschloss, das Verlangen nach Frauen zu überwinden und mich Gott zu weihen. Kurz darauf stieß ich auf eine schwedische Übersetzung der Bhagavad-gītā und las zum ersten Mal über Kṛṣṇa. Die Philosophie gefiel mir, aber ich verstand nicht wirklich, worum es dabei ging. Die folgenden Monate waren hart, denn mir wurde klar, dass ein materialistisches Leben nichts für mich war, aber gleichzeitig spürte ich immer noch die Anziehungskraft der materiellen Energie. Als im Juli 1970 die nächsten Sommerferien kamen, beschloss ich, erneut nach Hamburg zu trampen. Ich war entschlossen, diese Mönche zu finden, und hatte mir vorgenommen: Wenn sie echt wären, würde ich bei ihnen bleiben. Tagelang suchte ich sie in der Stadt, vor allem auf der Reeperbahn und der Großen Freiheit, aber ich konnte sie nicht finden. Dann fragte ich einige Hippies, die in der Spitalerstraße herumhingen. Einer von ihnen gab mir eine Zeitschrift mit dem Titel Zurück zur Gottheit. Darin fand ich die Adresse des Tempels und eine Einladung zum Sonntagsfest. Ich war fest entschlossen, dorthin zu gehen, fühlte mich aber gleichzeitig irgendwie müde und dachte: „Nach diesem Besuch fahre ich zurück zu meinen Eltern; dort habe ich wenigstens ein Bett und warme Mahlzeiten.“ Am nächsten Sonntag ging ich in die Bartelsstraße. Maṇḍalibhadra hielt den Vortrag. Als ich ihn über yoga, karma und Reinkarnation sprechen hörte, dachte ich etwas eingebildet: „Das kenne ich doch alles schon.“ Ich war nicht sonderlich beeindruckt. Doch dann erwähnte er, dass man einen guru braucht und aufrichtig sein muss, um ein echtes spirituelles Leben zu führen, und dass Gott, Kṛṣṇa, von Seinem heiligen Namen nicht verschieden ist. Seine Worte waren eine Offenbarung für mich. Nach dem Vortrag setzte sich Maṇḍalibhadra zu mir und fragte mich, während prasādam serviert wurde: „Hast du irgendwelche Fragen?“ Ich überlegte einen Augenblick und antwortete: „Wie werde ich aufrichtig?“ „Nun“, antwortete er, „du bleibst einfach in der Gemeinschaft derer, die aufrichtig sind.“ Seine Worte trafen mich tief, weil ich ernsthaft nach Antworten suchte. Ich dachte: „Dann werde ich wohl hierbleiben müssen.“ In diesem Augenblick kamen mir all die Dinge in den Sinn, die mir lieb und teuer waren, und die Vorstellung, sie aufgeben zu müssen, bedrückte mich so sehr, dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich fühlte mich innerlich wie am Boden zerstört.
In der Zwischenzeit begannen die Gottgeweihten mit dem kīrtana im Tempelraum, und ich dachte mir: „Warum schließt du dich ihnen nicht an?“ Während ich mit ihnen „Hare Kṛṣṇa“ sang, verschwand meine Traurigkeit allmählich, und ein unbekanntes Glücksgefühl stieg in mir empor. Ich dachte: „Wie schön! Das ist das Wahre – die Namen Gottes zu singen.“ Als ich erfuhr, dass es ein Programm am frühen Morgen gab, beschloss ich, am nächsten Morgen noch einmal wiederzukommen, bevor ich nach Schweden zurückkehrte. Auf dem Weg zur U-Bahn wiederholte ich laut den Hare Kṛṣṇa mantra, und sogar im Zug chantete ich weiter. Ein Ehepaar saß mir gegenüber und beobachtete mich mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier. Obwohl ich erst achtzehn war, hatte ich bereits schütteres Haar und sah älter aus. Als sie mich chanten hörten, bemerkte der Mann zu seiner Frau: „Junge Leute machen so etwas, aber so ein alter Mann?“ Am nächsten Morgen luden mich die Gottgeweihten nach dem prasādam ein, mit ihnen zum harināma zu gehen. Wir zogen zum Jungfernstieg, einem der elegantesten und bekanntesten Orte Hamburgs, und für ein paar Stunden vertiefte ich mich ganz in das Chanten des heiligen Namens. Zurück im Tempel gab es mittags wieder prasādam, und danach teilte man mir meinen ersten Dienst zu: Töpfe spülen. Ich verbrachte den Großteil des Nachmittags damit, Töpfe zu schrubben, und am Ende des Tages hatte ich den Gedanken an eine Rückkehr nach Schweden aufgegeben. Ich blieb im Tempel.
BHAKTIVAIBHAVA SWAMI (Gunnar und nach der Einweihung Avināścandra): Ende der 60er-Jahre war ich auf der Suche nach etwas Spirituellem. Ich lebte in Intellektuellenund Künstlerkommunen und versuchte, meine inneren Gedanken und Gefühle durch Musik auszudrücken, während ich mit Psychedelika experimentierte. Unser Ziel war es, einen Wandel im Denken der Gesellschaft herbeizuführen. Später begann ich, mich mit östlicher Philosophie zu beschäftigen. Ich erinnere mich noch an lebhafte Diskussionen mit Studenten im Hamburger Philosophenturm, und schließlich fasste ich Anfang 1970 den Entschluss, auf Pilgerreise nach Tibet zu gehen und das Leben eines buddhistischen Mönchs anzunehmen. Irgendwie verspürte ich den starken Drang, meine Existenz zu reinigen. Kurz vor meiner Abreise besuchte ich ein Konzert von Quintessence, einer der mehr spirituellen Bands jener Zeit, die in indischer Kleidung auftraten und den Hare Kṛṣṇa mantra sangen. Während der Show fühlte ich mich stark zum Chanten hingezogen, und nach dem Konzert suchte ich die Band auf. Da ich zuvor noch nie Kṛṣṇa-Geweihte gesehen hatte, befragte ich Shakti, den Bandleader, über Indien und den mantra. Er erzählte mir vom Hare-KṛṣṇaTempel in der Bartelsstraße. Am folgenden Sonntag ging ich zum Tempel, doch im Hinterhof hielt ich zunächst inne. Es regnete in Strömen, und ich stand unschlüssig vor der Eingangstür. Schließlich ging ich hinein, zögerte aber, die Treppe hinaufzusteigen. Gerade als ich wieder gehen wollte, blickte Maṇḍalibhadra aus dem zweiten Stock herab und fragte freundlich: „Oh, bist du zum ersten Mal hier? Warum kommst du nicht herauf?“ Nun war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen, also machte ich mich auf den Weg nach oben in den Tempelraum. Ich war nervös und wusste nicht genau, wie ich mich verhalten sollte. Deshalb versuchte ich mich unauffällig anzupassen. Ich setzte mich in den Lotossitz, schloss die Augen und antwortete nicht, als mich jemand ansprach. Als die Gottgeweihten das Festessen servierten, gab ich zunächst vor, bereits gegessen zu haben und nicht hungrig zu sein. Aber irgendwie überzeugten sie mich, ein wenig prasādam zu probieren. Dann trug Vāsudeva jedem tīlaka auf die Stirn auf, und irgendwie fühlte ich mich tatsächlich stolz, dieses große Tīlaka-Zeichen zu tragen. In der SBahn starrten mich die Leute ungläubig an. Ich hatte eine Gebetskette gekauft, und um auf dem Heimweg chanten zu können, stieg ich einige Stationen früher aus dem Zug aus. Am nächsten Tag beschloss ich, in den Tempel zu ziehen. Ich wusste noch nichts über die Philosophie, aber ich dachte mir: „Warum sich die Mühe machen, nach Tibet zu reisen, um in ein buddhistisches Kloster zu gehen, wenn es hier in Hamburg etwas Ähnliches gibt?“ Als ich zum Tempel kam und den Gottgeweihten erzählte, dass ich bei ihnen bleiben wolle, rieten sie mir, eine Woche lang jeden Tag vorbeizukommen, bevor ich eine endgültige
Entscheidung traf. Äußerlich stimmte ich zu, aber innerlich war ich fest entschlossen, sofort Mönch zu werden. Also kehrte ich am nächsten Tag mit all meiner Habe zurück und durfte bleiben. Das Leben in der Bartelsstraße war voller Entbehrungen. Es war Winter, und es gab weder Zentralheizung noch fließendes warmes Wasser. Wochenlang mussten wir ohne Heizung auskommen, weil wir sie uns nicht leisten konnten. Maṇḍalibhadra pflegte die maṅgala-ārati in Handschuhen und Wollmütze darzubringen. Smita Kṛṣṇa und ich gingen frühmorgens zum Markt in St. Pauli, um dort angefaultes Obst und Gemüse zu erbetteln. Unsere tägliche Hauptbeschäftigung war harināma auf den Straßen Hamburgs. Meistens gingen wir in die belebten Geschäftsviertel rund um den Jungfernstieg, die Großen Bleichen oder die Mönckebergstraße und sangen mindestens sechs Stunden lang den heiligen Namen. Während die meisten von uns chanteten, verteilte einer Zeitschriften und bat um Spenden.
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Eine Zeit lang gingen wir jeden Tag an dieselbe Stelle, Ecke Jungfernstieg/Große Bleichen, und chanteten vor einer Bank. Ob wir saßen oder standen, wir waren jeden Tag dort. Nach einer Weile fühlten sich die Bankangestellten belästigt und riefen die Polizei. Die Polizei erklärte uns, dass wir dort Musikinstrumente nicht benutzen dürften; also legten wir mṛdaṅgas und karatālas beiseite und sangen weiter, wobei wir in die Hände klatschten. Als die Polizei uns das Händeklatschen untersagte, hörten wir damit auf, sangen aber weiter. Dann sagten sie uns, wir dürften nicht singen. Darauf holten wir unsere Japa-Ketten heraus, stellten uns in einer Reihe auf und begannen, leise auf unseren Perlen zu chanten: Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa Hare Hare.. Als sie uns sagten, wir dürften nicht an einer Stelle stehen bleiben, begannen wir, die Straße auf und ab zu gehen. Schließlich verhaftete uns die Polizei und brachte uns aufs Revier. Sie versuchten, uns auf jede erdenkliche Art aufzuhalten, aber es gab kein Gesetz, das saṅkīrtana verbot. Wir passten in keine Schublade.
BHAKTIVAIBHAVA SWAMI: Alle zwei Wochen erhielten Hansadutta und Maṇḍalibhadra einen Brief von Prabhupāda, den sie allen laut vorlasen. Das war natürlich ein besonderes Ereignis, da die meisten von uns Prabhupāda noch nicht persönlich begegnet waren. Für mich war es jedoch frustrierend, da ich kein Englisch sprach und es selten vorkam, dass sich jemand die Zeit nahm, den Brief für mich zu übersetzen. Schließlich schrieb ich selbst einen Brief an Prabhupāda, den einer meiner Gottbrüder freundlicherweise für mich ins Englische übersetzte. Darin fragte ich, wie ich seine Bücher und Briefe verstehen könne, ohne Englisch zu beherrschen. Prabhupāda gab mir barmherzigerweise einen einfachen und weisen Rat: „Versuche einfach, alle meine Bücher zu lesen. Kṛṣṇa wird dir helfen.“ Er unterstrich das Wort „alle“. Also besorgte ich mir ein Wörterbuch und versuchte, seine Bücher Wort für Wort zu verstehen. Und es funktionierte. Kṛṣṇa half mir tatsächlich. Auf diese Weise lernte ich Englisch. *** Im Frühjahr 1970 informierte Acyutānanda Prabhupāda brieflich darüber, dass er die Aufmerksamkeit der indischen Medien auf sich gezogen habe. Mehrere Zeitschriften und Zeitungen hatten über Prabhupādas Absicht berichtet, gemeinsam mit seinen westlichen Schülern nach Indien zurückzukehren. Als offizielles Datum wurde der Januar 1971 angegeben. Doch als Prabhupāda hörte, dass sich der Kommunismus in Bengalen täglich weiter ausbreitete und Gewalttaten zu weitreichenden Unruhen führten, beschloss er, früher zu reisen, um zu seinen Landsleuten zu predigen. Seine Botschaft lautete: Selbst der Kommunismus sei ohne Kṛṣṇa im Zentrum inhaltsleer; alle Feindseligkeiten zwischen Kapitalisten und Kommunisten würden enden, sobald man gemeinsam Hare Kṛṣṇa chante. Prabhupāda informierte seine älteren Schüler per Brief über die Pläne und lud sie ein, sich ihm in Indien anzuschließen. Auch Hansadutta und Himavatī folgten dem Ruf und machten sich Mitte September auf die Reise nach Kalkutta.