HINTER DEM EISERNEN VORHANG

ie meisten Gottgeweihten hatten keine Ahnung, dass KṛṣṇaBewusstsein auch hinter dem Eisernen Vorhang gepredigt wurde. Hansadutta war sehr darauf bedacht, diesen Aspekt der Predigtarbeit geheimzuhalten, denn religiöse Propaganda war in den kommunistischen Ländern streng verboten. Diese Staaten verfolgten das Ziel, eine atheistische Gesellschaft zu errichten, und betrachteten Religion als ein Hindernis für den sozialistischen Fortschritt. Trotz solch widriger Umstände besuchte Śivānanda Ost-Berlin bereits seit 1971. Prabhupāda selbst war im Sommer 1971 nach Moskau gereist, wo er mit Professor Kotovsky gesprochen und einen jungen Russen eingeweiht hatte, dem er den Namen Anantaśānti Dāsa gab. Hansadutta besuchte Moskau Ende Oktober 1973 und nahm einige Bücher mit. Etwa zur gleichen Zeit fand in Belgrad, der Hauptstadt Jugoslawiens, eine Buchmesse statt, und Chakravartī und Pṛthu fuhren dorthin, um Prabhupādas Bücher vorzustellen.

PṚTHU DĀSA: Als wir mit einem mit Büchern voll beladenen VW-Bus an der jugoslawischen Grenze ankamen, ließen uns die Zollbeamten nicht durch, sodass wir umkehren mussten. Wir beschlossen, es an einem anderen Grenzübergang zu versuchen, aber weil es bereits Mittag war, hielten wir zunächst an, um etwas zu essen. Nach einer kurzen Weile gesellte sich ein großer Hund zu uns, und wir begannen ihn mit capātīs zu füttern. Plötzlich hatte ich eine Idee. Wir luden den Hund ins Auto und fuhren zur Grenze. Wie ich gehofft hatte, wurde der Hund zum Mittelpunkt einer Auseinandersetzung. Die Grenzbeamten weigerten sich kategorisch, den Hund ins Land zu lassen, und wir bestanden darauf, dass wir ohne unseren Hund nicht leben könnten. Schließlich erklärten wir uns bereit, den Hund zurückzulassen, und sie winkten uns durch. Und so waren wir mit Hunderten von Büchern auf dem Weg nach Belgrad. Auf der Buchmesse gelang es uns, einen Stand zu bekommen, und viele Jugoslawen zeigten ein lebhaftes Interesse an unserer Philosophie und kauften Bücher. Wir verteilten auch prasādam, und viele nahmen unsere Adresse mit und blieben später in regelmäßigem Kontakt. *** Als Hansadutta seinem spirituellen Meister von seiner Reise in die Sowjetunion und der erfolgreichen Predigtarbeit in Jugoslawien berichtete, war Prabhupāda hocherfreut. Er hatte ein besonderes Interesse daran, die Botschaft Śrī Caitanyas in Länder zu bringen, in denen die Bedingungen für Predigt und Ausübung hingebungsvollen Dienstes am schwierigsten waren. Er schrieb an Hansadutta: Es ist Kṛṣṇas Barmherzigkeit, dass du ein Exemplar der Bhagavad-gītā nach Moskau bringen konntest, und es ist ermutigend, dass der Junge ohne jegliche Gemeinschaft den Standard aufrechterhält. Das ist darauf zurückzuführen, dass er 16 Runden chantet und die regulativen Prinzipien einhält. Jetzt solltest du ihn in deine Obhut nehmen und weiter anleiten. Halte ihn in unserer Atmosphäre und beschäftige ihn – mit Vorsicht, aber beständig. Es freut mich auch zu hören, dass die Arbeit in Ostdeutschland vorangeht. Versuche ihnen einzuprägen, den Kommunismus gottzentriert zu machen. Gott ist der Vater aller Wesen, und wir sind alle Seine Kinder. Alles gehört Ihm,

Hinter dem Eisernen Vorhang

und jeder hat das Recht, es zu genießen. Ohne Gott im Mittelpunkt wird der Kommunismus scheitern. Wir haben das Potenzial, die Führer der Welt zu werden, wenn wir diese Bewegung sorgfältig vorantreiben. Es freut mich, von Chakravartis und Pṛthus Predigen auf der Belgrader Buchmesse zu hören. Das ist wahrer Fortschritt. Verwende das Geld aus der Buchverteilung in Jugoslawien, um Kṛṣṇa-Bewusstsein in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Ostdeutschland zu verbreiten, und bilde Männer aus. Übersetze alle unsere Bücher in die jeweiligen Landessprachen. Ja, ich möchte, dass ihr mir mehr Zeit gebt, meine Bücher zu schreiben, aber ich kann durchaus an einigen Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten und Mitgliedern der Elite teilnehmen. Du hast die Bedeutung meiner Bücher richtig erkannt. Bücher werden immer bleiben. Das war die Ansicht meines Guru Mahārājas, und ich denke genauso. Deshalb habe ich meine Bewegung mit meinen Büchern begonnen. Und wir werden alles durch den Verkauf von Büchern aufrechterhalten können. Die Tempel können durch den Buchverkauf unterhalten werden, und selbst wenn es keine Tempel mehr gibt, werden die Bücher bleiben. EKĀ DĀSA: Mein erster Kontakt mit dem Kṛṣṇa-Bewusstsein war 1971 durch eine Fernsehsendung im Sender Freies Berlin, der in der Deutschen Demokratischen Republik verboten war. Die Sendung dokumentierte neue religiöse Bewegungen in Westdeutschland, widmete sich aber hauptsächlich den Hamburger Geweihten. Da ich philosophisch geneigt war, fühlte ich mich zum Kṛṣṇa-Bewusstsein hingezogen. Aber ich lebte in Potsdam bei OstBerlin, sodass es keine Möglichkeit gab, die Gottgeweihten zu treffen. Dann erhielt ich eine Ausgabe der Zeitschrift Zurück zur Gottheit. Damals durften DDR-Bürger über sechzig Jahre in den Westen reisen, und viele von ihnen brachten Bücher und Zeitschriften mit zurück, obwohl das verboten war. Ich lieh mir regelmäßig westliche Literatur von einem Bekannten aus, der sich für esoterische Philosophie interessierte, und er gab mir das Hare-KṛṣṇaMagazin. Im Frühjahr 1973 veranstaltete die ostdeutsche Regierung ein internationales Kulturfest, die sogenannten Weltfestspiele der Jugend. Junge Menschen aus aller Welt wurden auf den Alexanderplatz, einen berühmten zentralen Platz in Ost-Berlin, eingeladen und durften dort ihre Ideen frei austauschen, wenngleich keine ausländische Literatur erlaubt war. Die

Regierung wollte der Welt zeigen, dass das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik genauso normal war wie in jedem anderen Land.

PṚTHU DĀSA: Śivānanda und ich überquerten die Grenze als Gottgeweihten gekleidet – etwas, das unter normalen Umständen unmöglich gewesen wäre. Obwohl wir keine Bücher mitnehmen durften, boten sich uns viele Gelegenheiten zu predigen. Hunderttausende Menschen besuchten die Veranstaltung, und wir predigten den ganzen Tag. Wo immer wir auf dem Platz auftauchten, bildeten sich innerhalb weniger Minuten eine große Menschenmenge um uns. Während eines Vortrags sagte ich: „Wo immer es Bewegung gibt, muss Leben sein. Materie ist tot, solange sie nicht von etwas Spirituellem berührt wird.“ Ein kommunistischer Funktionär trat vor und widersprach: „Was ist mit dem Atom? Das Elektron und das Proton kreisen um das Neutron.“ Ich antwortete: „Das ist so, weil Kṛṣṇa im Atom gegenwärtig ist: aṇḍāntara-stha-paramāṇu-cayāntara-stham.“ Der Mann verstummte, und die Menge jubelte. Von Zeit zu Zeit baten wir alle Umstehenden, uns ihre Adressen zu geben, damit wir ihnen Literatur schicken konnten. Aus diesen Kontakten entwickelte sich dann nach und nach eine Gruppe. Einer von ihnen wurde der erste ostdeutsche Gottgeweihte: Ekā Dāsa.

EKĀ DĀSA: Ich ging zu der Veranstaltung auf dem Alexanderplatz, um interessante Menschen kennenzulernen. Als ich zwei junge Männer in Mönchsgewändern sah, erinnerte ich mich, so etwas im Hare-Kṛṣṇa-Magazin gesehen zu haben. Ich ging also zu ihnen und begrüßte sie mit: „Hare Kṛṣṇa!“ Śivānanda schaute mich überrascht an; er hatte nicht erwartet, dass jemand in Ostdeutschland ihn so begrüßen würde. Nachdem wir uns unterhalten hatten, gingen wir etwas zu essen kaufen. Śivānanda opferte es, und ich hatte mein erstes prasādam. Von diesem Tag an kam Śivānanda regelmäßig nach Ost-Berlin, meist an den Wochenenden. Er brachte auch die ersten Bücher auf Deutsch mit – immer nur eines auf einmal, damit er am Grenzübergang keine Probleme bekam. Er gab mir auch einen Japa-Beutel und eine Gebetskette. Und nach

Hinter dem Eisernen Vorhang

einigen Monaten verriet er mir, dass er mich für die Einweihung empfohlen hatte. Er hatte mich nicht gefragt, aber er hielt mich für einen geeigneten Anwärter, weil ich die einzige Person im Osten war, die Kṛṣṇa-Bewusstsein ernsthaft praktizierte. Im Januar 1974 kam er mit dem Einweihungsbrief von Śrīla Prabhupāda und gab mir eine neue geweihte Gebetskette sowie meinen neuen Namen. Bevor ich eingeweiht wurde, wusste ich nicht einmal, dass ich die vier regulativen Prinzipien befolgen und täglich sechzehn Runden chanten musste. Ich chantete regelmäßig, mal mehr, mal weniger. Ich wusste nur, dass man, wenn man aufrichtig war, eingeweiht werden und einen spirituellen Namen bekommen konnte. Etwa einen Monat später hielten wir harināma in der Öffentlichkeit ab. Es dauerte nicht lange, bis zwei Agenten der Staatssicherheit auftauchten und uns verhafteten. Sie forderten Śivānanda auf, das Land zu verlassen, und verhörten mich für den Rest des Tages. Kurze Zeit später versuchte ich, nach West-Berlin zu fliehen, wurde aber geschnappt und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ich durfte weder Bücher noch meine Gebetskette behalten, also bastelte ich mir eine provisorische Gebetskette aus einer Schnur mit 108 Knoten. Da ich sonst nichts zu tun hatte, verbrachte ich die meiste Zeit mit Chanten. An einem Tag schaffte ich sogar 108 Runden. Von Zeit zu Zeit kam ein Stasi-Beamter zu mir und verhörte mich, um herauszufinden, woher ich die Bücher hatte. Er bot mir sogar an, mich aus dem Gefängnis zu entlassen, wenn ich für den Staatssicherheitsdienst arbeiten würde. Ich lehnte ab. Nach einigen Monaten hielten sie mich für einen hoffnungslosen Fall und fragten mich, wohin ich gehen wolle. Ich sagte ihnen, ich wolle in Ostdeutschland bleiben, aber das Problem sei, dass sie mich nicht tun ließen, was ich wollte. Schließlich gaben sie mir ein Formular zum Unterschreiben – einen Antrag auf Ausreise in den Westen. Die ostund westdeutschen Regierungen hatten einen Vertrag über unerwünschte Bürger unterzeichnet, und im Herbst 1974 kaufte die westdeutsche Regierung mich für 40.000 DM frei. Ich durfte nach West-Berlin gehen und zog dort in den Tempel ein.

Ende Dezember 1973 ging die deutsche Übersetzung von Prabhupādas Bhagavad-gītā As It Is in den Druck. Hansadutta informierte Prabhupāda darüber und schickte ihm eine überarbeitete Ausgabe von Jenseits von Zeit und Raum (Easy Journey to Other Planets). Prabhupāda antwortete aus Los Angeles: Ich habe früher schon ein Exemplar des deutschen Easy Journey to Other Planets gesehen. Es ist sehr schön. Der Druck ist sehr gut, und ich bin sehr zufrieden. Vielen Dank, dass du mir hilfst, dieses transzendentale Wissen unter den Deutschen zu verbreiten. Das ist ein großes Verdienst für dich und alle deutschen Gottgeweihten, und Śrī Caitanya wird euch mit Hingabe zu Seinen Lotosfüßen segnen. Ich bin sehr gespannt darauf, unsere Bhagavad-gītā auf Deutsch zu sehen, deshalb schicke mir bitte, sobald sie fertig ist, ein Exemplar. Als die Bhagavad-gītā Wie Sie Ist schließlich aus der Druckerei kam, war es fast schon an der Zeit, zum Gaura-Pūrṇimā-Festival nach Indien zu reisen. Hansadutta beschloss daher, ein Exemplar nicht per Post zu schicken, sondern es Prabhupāda persönlich zu überreichen. Im März 1974 würden Gottgeweihte aus aller Welt in Mayapur zusammenkommen, um Śrī Caitanya Mahāprabhus Erscheinungstag zu feiern. Prabhupāda beschrieb seinen Plan in einem Brief an Hansadutta:: Wir müssen uns mindestens einmal im Jahr in Mayapur treffen. Nicht nur der GBC soll sich treffen, sondern viele Gottgeweihte aus allen Teilen der Welt. In Mayapur haben wir jetzt die Möglichkeit, über tausend Menschen unterzubringen. Wir haben ein vierstöckiges Gebäude und genügend Platz, sodass wir sogar auf den Balkonen Tausende unterbringen können, zusätzlich zu den Zimmern. Es gibt überall Marmorböden, und es herrscht stets natürliche Belüftung. So flogen Ende Februar Hansadutta, Himavatī und die vier Tempelpräsidenten – Śivānanda, Sucandra, Chakravarti und Pṛthu – nach Kalkutta. Prabhupāda hielt sich für einige Tage im Tempel an der Albert Road auf, bevor er weiter nach Mayapur reiste. Für Prabhupāda war es ein wahr gewordener Traum, die erste fremdsprachige Ausgabe der Bhagavad-gītā aus den Händen seiner Schüler zu erhalten. Er ließ Pṛthu einige Passagen aus der Bhagavad-gītā Wie Sie Ist vorlesen, während er sich zurücklehnte, die Augen schloss und mit einem zufriedenen Lächeln zuhörte.