EINE FLUT VON BÜCHERN
ine gewaltige Aufgabe lag vor uns: die Wiederbelebung der Buchproduktion. Seit mehr als zwei Jahren waren keine neuen Titel mehr veröffentlicht worden. Obwohl unter Jayatīrtha Vorkehrungen getroffen worden waren, um das Design und die Qualität der Bücher zu verbessern, waren die Pläne für neue Publikationen nie in die Tat umgesetzt worden.
BHAKTI GAURAVANI GOSWAMI: Sobald ich ins Tempelmanagement eingebunden wurde, kam meine Übersetzungsarbeit zum Stillstand. Ich war nicht allzu besorgt, da wir genug Material hatten, um mehr als ein Dutzend Bücher zu drucken; es schien also keine Eile geboten. Doch jetzt, da der Gerichtsprozess nur noch ein Jahr entfernt war und sich Prabhupādas Gesundheitszustand verschlechterte, wurde es zur wichtigsten Aufgabe, so viele neue Bücher wie möglich zu drucken. Ich informierte Harikeśa Mahārāja über unseren früheren Versuch, in Los Angeles zu produzieren, denn in Deutschland zu arbeiten, war unpraktisch. Wir hatten keine Produktionseinrichtungen, und die Abhängigkeit von E
Außenstehenden, wie wir es zuvor gehandhabt hatten, war mühsam. Niemand besaß die speziellen Schriftarten für unsere Anforderungen, und die Sanskrit-Diakritika mussten von Hand mit einem Lineal eingefügt werden. Einen eigenen Betrieb aufzubauen, würde Zeit kosten, und Zeit war knapp. Also kontaktierten wir den BBT in Los Angeles und erfuhren, dass die während unseres letzten Besuchs bestellten Schriftsätze fertig waren. Anfang 1977 reisten Harernāmānanda Dāsa, Taponidhi Dāsa, Śilpakāriṇī Devī Dāsī, Revatī Devī Dāsī und ich nach Los Angeles. Wir waren fest entschlossen, so viele Titel wie möglich druckreif zu machen. Revatī transkribierte die diktierten Übersetzungen, Śilpakāriṇī und Taponidhi arbeiteten schichtweise an der Redactron-Setzmaschine, Harernāmānanda übersetzte den Index und alphabetisierte ihn, und ich koordinierte alles, während ich gleichzeitig Korrektur las, bei Yamarāja Dāsa das Layout erlernte und die Buchumschläge in Absprache mit Navadvīpa Dāsa, dem Leiter der Grafikabteilung, entwarf. Die Mitglieder des nordamerikanischen BBT taten alles, was in ihrer Macht stand, um uns zu helfen, mit Ausnahme von Rādhāballabha, dem Produktionsleiter. Er war überhaupt nicht begeistert, dass wir in sein Reich eindrangen und die Routine störten. Aber wir waren von ihm abhängig, wenn es darum ging, die Genehmigung für etwas zu bekommen oder Material zu beschaffen. Als Harikeśa Swami im April zu einem kurzen Besuch nach L.A. kam, erklärte ich ihm die Situation, und er informierte Śrīla Prabhupāda. Kurz darauf erhielt Rādhāballabha einen Brief: Wie du wahrscheinlich weißt, steht unsere Gesellschaft in Deutschland vor einem sehr ernsten Gerichtsverfahren. Es besteht die Gefahr, dass wir möglicherweise keine weitere Gelegenheit haben werden, unsere deutschen Bücher zu drucken, falls wir in diesem Prozess Schwierigkeiten bekommen. Welche deutschen Bücher auch immer bei dir druckreif liegen, sollten sofort gedruckt werden. Dieser Arbeit sollte Priorität haben, da das Wohlergehen unserer Gesellschaft dort davon abhängt. Von diesem Punkt an war es, als hätten sich die Schleusentore geöffnet. Rādhāballabha gewährte uns jede Unterstützung, und so gelang es uns, alle drei bis vier Wochen einen Satz Filme nach Deutschland zu schicken. Sobald der erste neue Titel gedruckt war – die deutsche Ausgabe von The Nectar of
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Devotion: Der Nektar der Hingabe –, schickten wir ein Exemplar nach Vṛndāvana. Einige Wochen später erhielten wir einen Brief von Prabhupādas Sekretär, Tamal Krishna Mahārāja: Seine Göttliche Gnade Śrīla Prabhupāda hat mich angewiesen, euer Schreiben vom 14. Juli 1977 zu beantworten, das ihr ihm zusammen mit der deutschen Übersetzung von The Nectar of Devotion geschickt habt. Als ich Seiner Göttlichen Gnade Der Nektar der Hingabe überreichte, hielt er das Buch sofort an die Stirn und erwies ihm Ehrerbietung. Dann glitten Śrīla Prabhupādas Lotosaugen über den Einband und durch das ganze Buch, genau wie eine Biene, die von Honig angezogen wird. Nachdem er das Buch durchgesehen hatte, erklärte Śrīla Prabhupāda: „Dies ist eine sehr wichtige Übersetzung, und sie ist sehr schön gemacht. Ich bin sehr, sehr glücklich, dieses Buch zu sehen. Die Menschen werden es sofort kaufen. Solch eine schöne Aufmachung. Es ist mehr als erstklassig. Es ist zweifellos besser als die englische Ausgabe. Die Bilder in der Mitte sind attraktiver, als sie vorne zu platzieren. Jaya Bhaktisiddhanta Sarasvati – es ist sein Segen. Oh, er war so bestrebt, Bücher zu drucken. Das war das Wichtigste für ihn. Er pflegte zu sagen: ‚Ich habe den Wunsch, Bücher zu drucken. Ich möchte den Marmor verkaufen. Wenn du etwas Geld bekommt, verwende es, um Bücher zu drucken.‘ Alles ist sehr schön gemacht. Mein herzlicher Dank an alle Mitglieder des deutschen BBT. Und seht nur, sie haben so ein schönes Bild von mir abgedruckt, genau wie ein demütiger Vaisnava.“ Den Höchsten Herrn zufriedenzustellen, ist gewiss die Vollendung des Lebens, aber es gilt als noch höher, den reinen Geweihten des Höchsten Herrn zufriedenzustellen. Das habt ihr alle durch diese erste, höchst wichtige Übersetzung von Der Nektar der Hingabe getan. Meine Ehrerbietungen zu euren Füßen für solch eine herausragende Arbeit. Ich hoffe, dass es euch allen gut geht und ihr im Meer des transzendentalen Buchdrucks und -vertriebs schwimmt. Sobald Harikeśa Mahārāja seine neue Verantwortung als GBC und BBTTrustee für Nordund Osteuropa übernahm, organisierte er die Übersetzung von Prabhupādas Büchern in die wichtigsten osteuropäischen Sprachen. Damit erfüllte er einen Wunsch, den Prabhupāda bereits 1973 Hansadutta gegenüber geäußert hatte. Während des Mayapur-Festivals im Februar 1977 gab Harikeśa Swami Prabhupāda einen ausführlichen Bericht aus seiner Zone, der sich hauptsächlich auf Buchproduktion und -verteilung konzentrierte. Bücher waren die Grundlage, und wenn die Grundlage solide war, würde sich alles andere mit der Zeit von selbst ergeben. Harikeśa Swami informierte Prabhupāda, dass er gerade zehntausend Bücher auf Ungarisch gedruckt hatte: The Perfection of Yoga und Beyond Birth and Death in einem Band. Kürzlich war die russische Ausgabe von Easy Journey to Other Planets, ergänzt durch Prabhupādas Gespräch mit Professor Kotovsky, vom Drucker gekommen. Die polnische Easy Journey befand sich im Druck, und die Śrī Īśopaniṣad wurde ins Jugoslawische übersetzt. Prabhupāda strahlte über das ganze Gesicht. „Wenn dir Geld fehlt, komm zu mir“, sagte er zu Harikeśa Mahārāja. „Ich werde es dir geben. Du kannst es mir später zurückzahlen. Beim Drucken darf es keine Verzögerung aus Geldmangel geben. Was immer du an Geld brauchst, werde ich dir beschaffen.“ Harikeśa Mahārāja versicherte ihm, dass es eigentlich keinen Mangel an finanziellen Mitteln gebe, und fügte bescheiden hinzu: „Indem ich einfach immer mehr Bücher drucken lasse, versuche ich, deinem Prinzip zu folgen, kein Geld auf dem Konto zu haben.“ Prabhupāda lachte und sagte: „Ja, ja. Das ist sehr gut. Ich beharre immer darauf: ‚Druckt Bücher.‘ Was immer an Geld auf der Bank liegt, lasst es uns ausgeben.‘ Ich gebe immer wieder diese Anweisung. Statt Geld auf der Bank zu haben, lasst uns Bücher auf Lager haben. Das sollte unser Grundsatz sein: Sobald Geld da ist, verwandle es in Bücher.“ Als Harikeśa Swami den für November angesetzten Gerichtsprozess erwähnte, sagte Prabhupāda zu ihm: „In der Zwischenzeit überflute Deutschland mit Büchern.“ Harikeśa lachte zustimmend und sagte: „Ja, es geschieht jetzt etwas Erstaunliches bei der Buchverteilung. Früher sagten die Leute: ‚Oh, das sind die Hare-Kṛṣṇas? Damit will ich nichts zu tun haben.‘ Jetzt sagen sie: ‚Hare Kṛṣṇa? Hmm. Lass mich mal sehen, was in diesem Buch steht.‘“ Prabhupāda lächelte und sagte: „Wenn Substanz da ist, werden die Leute es nehmen. Die Deutschen sind intelligente Menschen. Ja. Mit bloßer Propaganda kann man sie nicht täuschen. Ich kenne die deutsche Nation. Sie ist intelligent.“
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Harikeśa Swami erzählte dann von einer erstaunlichen Erfahrung, die die Gottgeweihten in Österreich gemacht hatten. Bis vor Kurzem wurden sie bei jedem Versuch, Bücher zu verteilen, verhaftet, mit Geldstrafen belegt und mussten das Land verlassen. Jetzt gingen Chakravarti und seine Frau in die Buchhandlungen, und die Resonanz war überwältigend. Vor einer Woche hatten sie in nur sechs Stunden Bücher im Wert von 1.200 DM verkauft. „Es ist alles Kṛṣṇas Gnade“, sagte Prabhupāda. „Lasst uns aufrichtig unser Bestes tun, und Kṛṣṇa wird uns helfen. Teṣāṁ satata-yuktānāṁ bhajatāṁ prīti-pūrvakam. Wie sonst wäre es möglich? In fremden Ländern. Eine Philosophie, die ihnen unbekannt ist. Wieso kaufen die Leute so etwas? In Indien ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand ein Bhāgavatam kauft, aber in Deutschland? Dass überhaupt jemand ein Bhāgavatam kauft, ist allein Kṛṣṇas Gnade zu verdanken.“ Prabhupāda hatte den Wunsch geäußert, jedes Jahr in Mayapur den Geweihten, die im vergangenen Jahr in einer bestimmten Kategorie des hingebungsvollen Dienstes herausragend gewesen waren, Urkunden zu verleihen. Als Brahmānanda Swami Prabhupāda einen Entwurf des Urkundentextes vorlegte, bemerkte Harikeśa Swami: „Rohiṇī-sūta, der wahrscheinlich in der Kategorie Buchverteilung gewinnen wird, will nicht zu diesem Festival kommen, weil er nicht einmal für einen Tag mit der Verteilung deiner Bücher aufhören möchte.“ Prabhupāda schien angenehm überrascht und sagte: Oh, dann sollten wir ihm seine Urkunde zumindest zuschicken. Sie sollte so attraktiv sein, dass er sie aufbewahren möchte. Unsere Geweihten müssen ermutigt werden. Utsāhā, Begeisterung, ist der erste Schritt im bhakti-yoga. Dieser Junge kommt nicht hierher, weil er so viel utsāhā hat. Deshalb sollten wir ihn ermutigen. Utsāhā ist die Grundlage des hingebungsvollen Dienstes. Wie sonst hätte ein siebzigjähriger Mann, ohne jede Hoffnung, Vṛndāvana verlassen und an einen so fernen Ort wie New York gehen können? Die einzige Grundlage war utsāhā. Deshalb ist utsāhā so wichtig. Aus diesem Grunde sollten wir die Gottgeweihten ermutigen. Kurz nachdem die deutschen BBT-Mitglieder nach Los Angeles abgereist waren, begann Harikeśa Swami Pläne zu schmieden, sie so schnell wie möglich wieder zurückzuholen. Er wollte auf Schloss Rettershof eine mehrsprachige Buchproduktion aufbauen. Er arbeitete daran, Bücher nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Finnisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Jugoslawisch, Rumänisch, Bulgarisch, Russisch und Arabisch für den Druck vorzubereiten. Die praktischste Lösung war, die notwendige Ausrüstung zu beschaffen und eine engagierte Mannschaft auszubilden, die die verschiedenen Sprachen effizient bewältigen konnte. Als Prabhupāda Harikeśa Swamis BBT-Bericht erhielt, der eine detaillierte Beschreibung der Fortschritte bei der Übersetzung, Produktion, dem Druck und der Verteilung seiner Bücher enthielt, hatte er das Gefühl, als würde ein lang gehegter Traum in Erfüllung gehen. Tamal Krishna Mahārāja berichtete in einem Brief an Harikeśa Swami von Prabhupādas lebhafter und freudiger Reaktion: Śrīla Prabhupāda hat deinen begeisternden BBT-Trustee-Bericht vom 13. Juli 1977 erhalten und mich angewiesen, dir zu antworten. Ich war noch bei den ersten beiden Absätzen, als er mich unterbrach und sagte: „Alle Segnungen Bhaktisiddhānta Sarasvatī Mahārājas seien mit dir. Du bist der wichtigste Enkel Bhaktisiddhāntas. Mach weiter so.“ Als Seine Göttliche Gnade von der riesigen Menge an Büchern hörte, die du in dreizehn Sprachen drucken lässt, sagte er: „Das ist gewaltig. Sorge dafür, dass die Präsentation erstklassig und sehr gelehrt ist. Das wird mehr Aufmerksamkeit erregen. Nun wird die Predigt in Deutschland vollständig sein. Wenn der Gerichtsprozess stattfindet, lege diese Bücher dem Richter vor und bitte ihn: ‚Lesen Sie zuerst alle diese Bücher und fällen Sie dann Ihr Urteil.‘“ Śrīla Prabhupāda wollte wissen, welche Gītā in alle osteuropäischen Sprachen übersetzt wird – die gekürzte oder die ausführliche. Seine Göttliche Gnade stimmte dir voll und ganz zu, dass der Druck in Deutschland erstklassig ist. Er bog das Buch Der Nektar der Hingabe nach hinten und sagte: „Ja, das stimmt. Das ist der besondere Vorteil dieser Bindung, sie ist so gut. Dai Nippon und Amerika können da nicht mithalten.“ Śrīla Prabhupāda war erfreut zu hören, dass du den deutschen BBT bald wieder nach Deutschland zurückverlegen willst, um dreizehn verschiedene Sprachen zu betreuen. Er sagte: „Sehr gut. Und die Gottgeweihten sind voller Begeisterung. Es sind erstklassige Geweihte in Deutschland. So aufrichtig. Die deutsche Nation ist wunderbar. Ich habe sie gesehen. Ich habe große
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Wertschätzung für die Fähigkeiten der Deutschen. In meiner Zeit als Geschäftsmann waren die deutschen Chemiefirmen alle erstklassig. Die besten Medikamente auf dem Markt kamen aus Deutschland. Und jetzt glänzen sie in der Buchverteilung. Schaut euch nur diesen Finanzbericht an. Es gibt keinen Mangel an Geld.“ Seine Göttliche Gnade schloss seine begeisterte Würdigung deiner Bemühungen mit den Worten: „Er übertrifft alle BBT-Trustees. Ich möchte sofort nach Deutschland gehen, aber ich bin körperlich nicht in der Lage dazu. Mir gefällt dieser Ort, das Schloss. Es ist ein sehr schöner Ort. Vielen herzlichen Dank. HARIKEŚA DĀSA: Der Sommer 1977 war mit Abstand der ereignisreichste Abschnitt meines bisherigen Lebens. Ich pendelte ständig von einer Aufgabe zur nächsten: Reisen nach Osteuropa, Arbeit am Gerichtsverfahren, Vorlesungen geben, an Programmen teilnehmen, mit dem Drucker verhandeln und den saṅkīrtana organisieren. Jedes Wochenende verbrachte ich im Schloss bei den Saṅkīrtana-Verteilern und organisierte die Gruppen neu. Es gab so viele Konflikte zwischen den einzelnen Gottgeweihten, dass die meisten von ihnen es nicht länger als eine Woche miteinander aushielten. Aber die Bücher gingen raus wie warme Semmeln. *** Am 26. August verließ Prabhupāda Vṛndāvana zu seiner letzten Predigtreise. Er wollte trotz seiner schweren Krankheit seine Schüler im Westen noch einmal sehen. Er hatte vor, ein paar Wochen in England zu bleiben, dann nach New York weiterzufliegen und auf der Gītā-nāgari-Farm in Pennsylvania seinen Schülern zu zeigen, wie man von Landwirtschaft und Kuhschutz leben kann. Noch in Vṛndāvana hatte er zu Tamal Krishna Mahārāja gesagt: “Wenn ich wieder in der Lage bin zu reisen, möchte ich unsere Farmgemeinschaften besuchen und dort das Varṇāśrama-System einführen. Wenn wir damit Erfolg haben und zeigen können, dass diese Gesellschaftsordnung funktioniert, wird die ganze Welt Kṛṣṇa-bewusst werden.” Sobald Prabhupāda in England eintraf, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und Schüler aus ganz Europa machten sich auf den Weg zum Bhaktivedanta Manor, wo sich Prabhupāda vor der Weiterreise in die USA ausruhte. In einem Brief vom 10. September 1977 informierte Tamal Krishna Mahārāja Hansadutta Swami, der in Ceylon predigte: Śrīla Prabhupāda ist am 27. August hier in London eingetroffen. Die Reise war sehr beschwerlich und dauerte 18 Stunden aufgrund einer sechsstündigen Verspätung, die durch einen Streik am Londoner Flughafen verursacht wurde. Dennoch hat Seine Göttliche Gnade die Reise gut überstanden und ist wohlbehalten angekommen. Er ist sehr froh, wieder im Westen bei seinen Schülern zu sein, und fühlt sich sehr ermutigt, sie zu sehen und zu erleben, auf welche wunderbare Weise sie hier das Kṛṣṇa-Bewusstsein verbreiten. Er genießt es auch sehr, im Manor zu wohnen, das Er als Seinen besten Wohnsitz auf der Welt bezeichnet. Die Atmosphäre ist sehr friedlich und erholsam, und Śrīla Prabhupāda wird hier – ganz im Gegensatz zu Indien – von keinerlei Sorgen geplagt. BHAKTIVAIBHAVA SWAMI: Im Juni waren Sucandra und ich über die DDR nach Polen gefahren. Für die Predigtarbeit im Osten benutzten wir stets in der Sowjetunion hergestellte Ladas. Sie gehörten damals zu den am weitesten verbreiteten Autos im Ostblock, weshalb sie keine neugierigen Blicke oder Polizeikontrollen auf sich zogen – anders als Volkswagen oder Mercedes, die sofort als „kapitalistisch“ aufgefallen wären. Anfang Juli schickten wir einen Bericht an Śrīla Prabhupāda, den sein Sekretär beantwortete: Vrindavana, 12. Juli, 1977 Von: Tamal Krishna Goswami c/o ISKCON Schloss Rettershof (Frankfurt) Liebe Prabhus Suchandra und Avināśa Candra, bitte nehmt meine demütigen Ehrerbietungen entgegen. Seine Göttliche Gnade Śrīla Prabhupāda hat mich angewiesen, euch für euren Brief vom 6. Juli 1977 zu danken, in dem ihr über eure Predigttätigkeit im kommunistischen Polen berichtet. Prabhupāda war über diesen ermutigenden Bericht sehr erfreut. Als Seine Göttliche Gnade hörte, wie es euch gelungen war, die Bücher nach Polen zu bringen, sagte er: „Alles geschieht durch Kṛṣṇas besondere Barmherzigkeit. Die Grenzbeamten sind durch Ihn verwirrt worden: kṛṣṇa-kīrtana-gānana.“ Prabhupāda hörte mit Genugtuung, dass die Menschen in Polen KṛṣṇaBewusstsein so sehr wertschätzen, dass sie bereitwillig chanten, prasādam zu sich nehmen und unsere Bücher studieren. Prabhupāda sagte: „Dann wird unsere Predigt dort Erfolg haben. Unsere Bemühungen werden nicht
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vergeblich sein. Nach und nach werden die Menschen geläutert werden. Sie werden Geweihte Kṛṣṇas werden und sich unserer Bewegung anschließen.“ Als Seine Göttliche Gnade hörte, wie schwierig es ist, Zucker, Obst und Gemüse zu bekommen, sagte er: „Das habe ich persönlich erlebt, als ich in Moskau war. Es ist eine Bestrafung für die Atheisten.“ Die Predigtarbeit, die ihr leistet, ist der größte Dienst für Śrīla Prabhupāda. Vor vielen Jahren sprach Prabhupāda davon, dass er sich wünsche, einen Gürtel aus Kṛṣṇa-Bewusstsein um die ganze Welt zu legen. Das einzige fehlende Bindeglied waren damals die kommunistischen Länder. Doch nun ist dieses Glied durch die aufrichtigen Bemühungen solch wunderbarer Geweihter wie euch eingefügt worden, und der Gürtel ist vollständig. Prabhupāda ist immer sehr daran interessiert, Berichte über die Predigtarbeit dort zu erhalten. Deshalb könnt ihr ihm wieder schreiben, wenn ihr weitere Erfolge erzielt habt. Seine Göttliche Gnade sagte auch, dass Harikeśa Mahārāja die aufrichtigsten Menschen, die sich uns in Polen anschließen, einweihen kann, sofern er es für angebracht hält. In der Hoffnung, dass dieser Brief euch wohlauf erreicht,
verbleibe ich euer Diener,
Tamal Krishna Goswami
Sekretär von Śrīla Prabhupāda
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Nachdem ich aus Polen zurückgekehrt war, begleitete ich Ghanaśyāma auf eine Predigtreise in verschiedene Balkanländer, darunter Jugoslawien, Ungarn und Bulgarien. Ghanaśyāma, ein Afroamerikaner, der darauf spezalisiert war, Prabhupādas Bücher an Bibliotheken und Universitäten zu verteilen, hatte im Juni einen Brief von Tamal Krishna Mahārāja erhalten, in welchem dieser schrieb: Śrīla Prabhupāda war ganz begeistert, deinen erstaunlichen Bericht zu hören. Er schätzte auch deinen humorvollen Stil und äußerte sich dazu. Dann meinte er: ‚Meine Bücher handeln vom wahren Kommunismus. Ich bemühe mich um das Wohl der gesamten menschliche Gesellschaft. Meine Philosophie hat zum Ziel, die menschliche Gesellschaft auf der Grundlage des Kṛṣṇa-Bewusstseins zu vereinen, und genau das geschieht tatsächlich überall auf der Welt. Wie sonst ist es zu erklären, dass sowohl ein Schwarzer als auch ein Weißer für mich arbeiten?
Es ist bemerkenswert, wie viel Kraft unser Ghanasyama besitzt! Er predigt praktisch im Dschungel. Die Menschen dort verstehen nicht einmal seine Sprache, und trotzdem bekommt er Daueraufträge für meine Bücher. Er ist ohne Zweifel bevollmächtigt. Ich hätte niemals erwartet, dass aus diesen kommunistischen Ländern Daueraufträge kommen. Wie waren in Budapest, als ich Harikeśa Swami anrief, um ihm unseren wöchentlichen Bericht zu geben. Er sagte nur: „Prabhupāda ist gerade in London angekommen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit, ihn zu sehen. Kommt also sofort her.” Und so fuhren wir mit dem Auto direkt von Budapest nach London – eine lange Reise, denn damals war es unter den Gottgeweihten nicht üblich zu fliegen. Man hatte uns in Budapest eine Wassermelone für die Reise mitgegeben. Als wir in London ankamen, hatten wir davon nichts gegessen, da wir während der Fahrt zu angespannt waren. Also gab ich die Wassermelone Prabhupādas Koch. Obwohl Prabhupāda kaum noch etwas aß, brachte man ihm trotzdem regelmäßig einen Teller mit verschiedenen, leichtverdaulichen Speisen. Als die Wassermelone in Prabhupādas Zimmer gebracht wurde, blieb ich an der Tür sitzen und wartete. Als sein Diener mit dem Teller wieder herauskam, sah ich, dass Prabhupāda nichts angerührt hatte—außer der Wassermelone. Als wir Śrīla Prabhupāda zum ersten Mal sahen, trugen ihn einige seiner Schüler auf einem zu einer Sänfte umgebauten Sessel die Treppe hinunter. Der Anblick traf uns tief. Prabhupāda war stark abgemagert und trug eine Sonnenbrille, da seine Augen äußerst lichtempfindlich geworden waren. Auch seine Hände und Füße waren geschwollen, wie auf den Fotos jener Zeit zu sehen ist. Viele von uns konnten ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie ihren spirituellen Meister in diesem Zustand sahen. An der Tempeltür zog man ihm die Schuhe aus. Ich nahm sie an mich und verbarg sie unter meinem Kurta, damit ich sie ihm wieder anziehen konnte, sobald er den Tempel verließ.
Im Tempelraum setzte sich Prabhupāda nicht mehr auf den vyasāsana, sondern blieb auf der Sänfte sitzen. Tamal Krishna saß an seiner Seite und
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schaute ihn die ganze Zeit an. Ab und zu hielt er ihm ein Lota vor den Mund, wenn er spucken musste.
GAṄGĀDHARA DĀSA: Irgendwie hatte ich das Glück, wahrscheinlich dank meiner körperlichen Statur, als einer der Träger ausgewählt zu werden, die Prabhupāda jeden Morgen auf der Sänfte von seinem Zimmer zum Tempelraum brachten. Prabhupāda sah gebrechlich aus. Er hatte sich in unsere Obhut begeben, und wir waren für sein Wohlergehen verantwortlich. Jedesmal, wenn wir ihn die Treppe hinuntertrugen, war die Erfahrung so intensiv, dass ich ständig zu Kṛṣṇa betete, Er möge uns vor einem Missgeschick bewahren. Im Tempelraum angekommen, stellten wir die Sänfte zunächst vor den Altar, damit Prabhupāda Rādhā-Gokulānanda betrachten konnte. Während die Sonnenstrahlen durch das Bleiglasdach schienen und den Altar in ein farbiges Lichtermeer tauchten, saß Prabhupāda regungslos da, seine Augen fest auf die wunderschönen Gestalten der mūrtis gerichtet. Obwohl der Tempelraum voll war, hörte man kein anderes Geräusch als das Zwitschern der Vögel draußen. Prabhupādas Anwesenheit erzeugte eine spirituelle Stimmung, die uns alle ergriff und uns mit ähnlichen Gefühlen der Hingabe erfüllte. Es war seine Gnade, dass er uns erlaubte, ihn in solch intimen Momenten zu erleben und einen flüchtigen Blick darauf zu erhaschen, was es bedeutet, vollständig im Kṛṣṇa-Bewusstsein vertieft zu sein.
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Die Atmosphäre war, wie immer, wenn Prabhupāda anwesend war, unglaublich intensiv, doch diesmal waren die Umstände besonders dramatisch, weil jedem klar war, dass dies Prabhupādas letzter Besuch bei uns im Westen sein würde. Was mich besonders berührte, war sein wortloser Austausch mit Rādhā-Gokulānanda. Er saß still da, und man hatte das Gefühl, dass er nun einfach mit den mūrtis in Verbindung stand und Sie ihm sagten: „Ja, es ist Zeit.“ Prabhupāda trug eine dunkle Brille, um seine Augen vor dem gleißenden Licht zu schützen, und sein Körper war erschreckend abgemagert. Als ich seinen Zustand sah, dachte ich: „Kein Zweifel, er wird uns leider bald verlassen.“ Nur aus seiner unendlichen Güte und Liebe heraus hatte
Prabhupāda alle persönliche Bequemlichkeit geopfert, um noch einmal seine Schüler und Anhänger zu sehen und uns vor seinem Fortgehen mit seinem Segen zu überschütten. Nachdem er vor die Altargestalten gebracht worden war und mit intensivem Blick ihre Gegenwart in sich aufgenommen hatte, wurde Prabhupāda an das andere Ende des Raumes getragen. Dort blieb er auf seinem Sessel sitzen, um guru-pūjā zu empfangen. Während des kīrtanas blickte Prabhupāda im Raum umher und nickte ganz leicht im Rhythmus. Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Stimmung war nun ganz anders als früher. Jetzt war er nicht mehr der kämpferische Befehlshaber, der seine Soldaten durch Strenge und Korrektur unterweist und ausbildet. Stattdessen ließ er die Wellen der Ekstase überströmen und alle in seiner Gegenwart darin untergehen. Worte waren jetzt überflüssig. Prabhupāda hatte uns bereits alle notwendigen Anweisungen gegeben. Jetzt verankerte er diese Anweisungen fest in unseren Herzen, indem er uns einfach seine reine, bedingungslose Liebe zu uns als Teilchen Kṛṣṇas zeigte. Prabhupāda gab uns das Gefühl, dass er bereits in Goloka Vṛndāvana war. Und da er unser Potential sah, dieselbe Vollkommenheit zu erreichen, übersah er unsere unzähligen Fehler und lud uns ein, ihm bald in die spirituelle Welt zu folgen. Jene Tage waren erfüllt von dem Schmerz zu wissen, dass Prabhupāda uns verlassen würde, obwohl wir ihn immer noch so sehr brauchten wie zuvor.
MAṆIDHARA DĀSA: Als ich im Bhaktivedanta Manor ankam, empfing mich absolute Stille. Ich wusste, dass etwas anders war als bei Prabhupādas üblichen Besuchen. Als Harikeśa Mahārāja mich sah, brachte er mich sofort in Prabhupādas Zimmer. Nachdem wir eingetreten waren und unsere Ehrerbietungen dargebracht hatten, sagte Harikeśa Swami: „Das ist Maṇidhara, einer der besten Buchverteiler Deutschlands.“ Doch Prabhupāda antwortete nicht. Er saß in einem Sessel, die Hände gefaltet, versunken in tiefe Gedanken. Als ich ihn sah, wusste ich, dass er sich bereits weit jenseits dieser Welt befand. Tamal Krishna Mahārāja, sein Sekretär, brachte die Post herein. Darunter war ein großer Umschlag aus Los Angeles mit Fotos vom letzten Ratha-yātrā-
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Festival. Während Prabhupāda die Bilder betrachtete, sagte er: „Ich wollte schon immer einen großen Wagen wie diesen haben.“ Das Paket enthielt auch die neueste BBT-Veröffentlichung, das spanische Nectar of Devotion: El nectar de la devoción. Sobald Prabhupāda das Buch sah, leuchteten seine Augen auf. He hielt es sofort an seine Stirn und erwies seine Eherbietung. Nachdem er das Buch näher begutachtet hatte, legte er es auf seinen Schoß und blickte mit tiefer Zufriedenheit im Raum umher. Der Anblick erinnerte mich an Nanda Mahārāja, als er stolz den kleinen Kṛṣṇa auf seinem Schoß hielt.
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Tamal Krishna Mahārāja hatte es so organisiert, dass die deutschen Saṅkīrtana-Verteiler, die alle mit ihren weißen VW-Bussen nach London gefahren waren, zu Prabhupāda in sein Zimmer kommen durften. Das Zimmer war verdunkelt, da Prabhupāda kein helles Licht vertragen konnte, und als wir uns alle vor ihm auf den Boden gesetzt hatten, stellte er eine Frage in den Raum, die uns überraschte.
MAṆIDHARA DĀSA: Als wir sein Zimmer betraten, brachten wir unsere Eherbietungen dar, und unsere Haltung war ein wenig eingebildet: „Hier sind wir, die Elite aller Buchverteiler der Welt!“ Aber Prabhupāda schien überhaupt nicht an unseren einzigartigen Leistungen interessiert zu sein, sondern fragte schlicht: „Was ist das wichtigste philosophische Verständnis?“ Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir hatten erwartet, dass er nach den Ergebnissen der Buchverteilung fragen oder Saṅkīrtana-Geschichten hören wollte.
PṚTHU DĀSA: Nach einigen Sekunden verlegenen Schweigens sagten Hāraka und ich wie aus einem Mund: yāre dekha, tāre kaha ‘kṛṣṇa’-upadeśa. Prabhupāda fragte uns: „Was bedeutet ‚kṛṣṇa’-upadeśa‘?“ Ich wagte eine Antwort: „Deśa bedeutet ‚Land‘, also bezieht es sich auf ‚das Land Kṛṣṇas‘.“ Er korrigierte mich: „Nein, das Wort ist upadeśa und bedeutet Unterweisung. Es bezieht sich auf Kṛṣṇas Unterweisung. Und wie lautet diese Unterweisung?“ Wieder antworteten Hāraka und ich zusammen: sarva dharmān parityajya. „Ja“, sagte Prabhupāda, „das ist unsere Aufgabe.
GAṄGĀDHARA DĀSA: Prabhupāda erkannte die Antwort auf seine ursprüngliche Frage als richtig an, aber es war nicht wirklich das, was er hören wollte. Als er nach einer Weile sah, dass niemand eine Ahnung hatte, sagte er: „Ahaṁ brahmāsmi. Wir sollten verstehen, dass wir nicht der Körper sind. Das sollten wir voll und ganz erkennen.“ Wir alle saßen wie gelähmt da. Das war alles? Das hatten wir schon hunderte Male gehört. Wir hatten erwartet, dass Prabhupāda über saṅkīrtana sprechen würde, doch er betonte einfach nur diesen einen Punkt.
MAṆIDHARA DĀSA: Nachdem wir Prabhupādas Zimmer verlassen hatten, fragten wir uns alle, was gerade geschehen war. Damals verbrachten wir Buchverteiler nicht viel Zeit damit, die Bücher zu lesen und die Philosophie zu studieren. Unser Hauptanliegen war es, als Verteiler groß herauszukommen, Ergebnisse zu erzielen. Durch diesen kleinen Vorfall gab uns Prabhupāda eine letzte, wichtige Lektion, etwas, das er immer wieder betont hatte: „Diese Bücher sind nicht nur zum Verkaufen da, sondern auch zum Lesen.“
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Ghanaśyāma, der später Bhakti-tīrtha Swami wurde, erhielt eine Einladung, in Prabhupādas Zimmer zu kommen, um über die BBT Library Party Bericht zu erstatten. Als sein Assistent durfte ich ihn begleiten. Ghanaśyāma war von Prabhupāda bereits für seinen herausragenden Erfolg bei der Vermittlung von Dauerbestellungen seiner Bücher in amerikanischen Bibliotheken anerkannt und gewürdigt worden. Nun wollte Prabhupāda hören, wie sich seine Bücher in Europa verkauften, besonders in Osteuropa, wo wir gerade gewesen waren. Prabhupāda hatte seine dunkle Sonnenbrille abgenommen. Er saß in seinem Sessel, und sein Diener Upendra massierte ihm sanft die Beine. Ghanaśyāma sprach über die sozialen Verhältnisse in Ostdeutschland, wo die Menschen in langen Schlangen stehen, um die notwendigsten Dinge des Lebens zu bekommen. Als Prabhupāda seine Beschreibung hörte, wurde er von Mitgefühl überwältigt. Tränen traten ihm in die Augen. Er sagte, dass die materielle Natur aufgrund der offiziell atheistischen Haltung der Regierung die Grundlebensmittel immer mehr zurückhalten werde. „Die Menschen werden am Ende nicht einmal Milch, Butter und Zucker haben“, sagte er
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traurig zu uns. Ich war tief berührt von seiner großen Sorge nicht nur um das spirituelle Wohlergehen der bedingten Seelen, sondern auch um ihr materielles Wohlbefinden. Am nächsten Morgen fuhr Prabhupāda nach London, um Śrī Śrī RādhāLondonīśvara zu sehen. Dies sollte ein besonders denkwürdiges Ereignis werden, denn viele Gottgeweihte hatten das Gefühl, dass diese Altargestalten seine Lieblings-Mūrtis waren und er sie wahrscheinlich zum letzten Mal sehen würde. Deshalb setzten wir uns alle in unsere Autos und fuhren voraus, um Prabhupāda bei seiner Ankunft am Bury Place Tempel zu begrüßen. Vier Schüler trugen ihn, wie schon im Manor, auf seiner Stuhl-Sänfte vor den Altar, wo er schweigend eine Zeitlang dasaß. Nach einigen Augenblicken nahm er seine dunkle Sonnenbrille ab. Ströme von Tränen flossen aus seinen Augen. Śrī Śrī Rādhā-Londonīśvara wirkten besonders erfreut, ihren reinen Geweihten zu sehen. Sie lächelten ihn an und strahlten eine noch größere Leuchtkraft und Schönheit aus. Es waren nur wenige stille Minuten, in denen Śrīla Prabhupāda dort saß, während einige von uns weiter hinten im Raum standen und einen transzendentalen Austausch miterlebten, den wir nicht einmal ansatzweise begreifen konnten.
BHAKTI-BHŪṢAṆA SWAMI: Als die deutschen Buchverteiler hörten, dass Prabhupāda zum Bury-Place-Tempel fahren würde, eilten sie zu ihren Saṅkīrtana-Bussen, um ihn zu begleiten. Prabhupādas Wagen fuhr mit aufgeblendeten Scheinwerfern, und so schalteten auch wir das Fernlicht ein und folgten ihm in einer langen Kolonne durch die Straßen Londons. Manchmal überquerte Prabhupādas Wagen eine Kreuzung noch bei Grün, doch bevor wir sie erreichten, sprang die Ampel auf Rot. Trotzdem fuhren wir weiter hinter ihm her. Schließlich erreichten wir Bury Place und betraten das Gebäude gleich hinter Prabhupāda. Yamunā, die dort als pūjārī diente, öffnete den Vorhang, während die Govinda-Gebete ertönten, und die Gottgeweihten stellten Prabhupāda mit der Sänfte direkt vor den Altar. Ich hatte mich neben ihn gesetzt und bemerkte, dass sich Tränen in seinen Augen gesammelt hatten. Einige von uns hatten das Gefühl, Rādhā-Londonīśvara noch nie so schön gesehen zu haben. Durch die Gegenwart Śrīla Prabhupādas und den stillen Austausch zwischen ihm und den mūrtis schien ihre Schönheit auf ganz besondere Weise hervorzutreten.
Am 7. September war Prabhupādas Vyāsa-pujā-Feier. Er saß wieder auf der Sänfte vor dem vyāsāsana, und Tamal Krishna Maharaja erzählte aus Prabhupādas Leben. Er beschrieb seinen ganzen Werdegang, von seiner Kindheit in Kalkutta bis zu seiner Reise nach Amerika. Ab und zu unterbrach Prabhupāda ihn und korrigierte oder ergänzte etwas.
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Nach einigen Tagen verschlechterte sich Prabhupādas Gesundheitszustand, und er äußerte den Wunsch, nach Indien zurückzukehren. Er hatte eigentlich geplant, die Gītā-nāgarī-Farm in den USA zu besuchen, um zu zeigen, wie man vom Land lebt. „Ich möchte varṇāśrama einführen“, hatte er gesagt, doch nun spürte er, dass die Zeit seines Abschieds nahte. „Wenn ich überlebe“, sagte er, „werden wir Vṛndāvana-parikramā machen. Ihr könnt mich auf einer Sänfte tragen.“ Am Flughafen Heathrow hatte Prabhupādas Flugzeug nach Bombay Verspätung. Im Rollstuhl sitzend hörte er über Kopfhörer kīrtanas, bis er endlich an Bord gehen durfte. *** HARIKEŚA DĀSA: Die jugoslawische Īśopaniṣad war von einem Theosophen in Zagreb übersetzt worden. Ende September war sie endlich fertig. Um zu gewährleisten, dass die Philosophie korrekt wiedergegeben worden war, beauftragte ich Kṛṣṇa-kṣetra, sich mit dem Mann zusammenzusetzen und, mit der englischen Ausgabe in der Hand, ihm zuzuhören, wie er die jugoslawische Version zurück ins Englische übersetzte. Auf diese Weise korrigierte Kṛṣṇakṣetra das ganze Buch. Wir hatten nur eine Woche Zeit, um es fertigzustellen, damit wir es zusammen mit allen neuen deutschen Büchern nach Indien bringen konnten. Wir fuhren mit dem Manuskript und dem Übersetzer direkt von Zagreb zum Schloss, und von da brachte ich es sofort zu einer Dame in Frankfurt, einer Frau Becker, die eine IBM-Schreibmaschine besaß und früher unsere Taschenbücher gesetzt hatte.
Eine Flut von Büchern
Ich sagte zu ihr: „Es ist mir egal, was es kostet; es ist mir egal, was Sie tun müssen, aber Sie müssen dieses Buch fertigstellen, denn ich muss es zu Prabhupāda in Indien bringen, der bald seinen Körper verlassen wird.“ Sie begann sofort mit der Arbeit, und nach wenigen Tagen hatten wir das fertige Satzmaterial. Als Nächstes kam das Layout. Ich blieb die ganze Nacht auf und fuhr dann in völlig übermüdetem Zustand mit der Wachspresse und ein paar Rasierklingen zusammen mit dem Übersetzer zu Frau Becker. Der Übersetzer las das Buch vor und sagte mir die Korrekturen, und sie setzte sie ein. Dann wachste ich sie und klebte sie ein. Um zehn Uhr am nächsten Morgen waren wir endlich fertig. Ich gab das gesamte Material Gaura-kiśora, der wie ein Irrer losfuhr und es zum Drucker nach Bielefeld brachte. Zuvor hatte ich mich mit den Chefs der Druckerei getroffen und ihnen gesagt: „Der Autor dieser Bücher, die ihr für ISKCON druckt, wird bald seinen Körper verlassen. Ich möchte ihm dieses Buch bringen, bevor er geht. Deshalb müsst ihr es an einem Tag drucken. Ich gebe euch das Layout um zwei Uhr nachmittags, und um halb fünf Uhr morgens will ich das Buch haben.“ Sie waren einverstanden und schafften es tatsächlich. Sie benutzten eine riesige Maschine, die 128 Seiten auf einmal druckte: 64 auf der Vorderseite und 64 auf der Rückseite. Um fünf Uhr morgens übergaben sie Gaura-kiśora zwei handgebundene Exemplare, und der fuhr zum Schloss zurück und gab mir die Bücher, gerade als ich dabei war, meine Koffer zu packen. Der deutsche Zweite Canto war ebenfalls fertig, bis auf die Umschläge. Ich hatte nur die Korrekturabzüge der Umschläge, die ich dann auf die richtige Größe trimmte und auf die Bücher klebte. Außerdem machte ich ein Attrappenexemplar vom ersten Teil des Dritten Canto, weil er noch nicht gedruckt war. Dann nahm ich alle Bücher und fuhr nach Indien. Es war perfektes Timing. Alles klappte wunderbar.
BHAKTI-CHĀRU SWAMI: Die letzten Tagen seines Aufenthalts in dieser Welt verbrachte Prabhupāda im großen Empfangsund Arbeitszimmer. Sein Schlafzimmer lag eigentlich weiter hinten im Haus, aber weil es dort kälter und dunkler war und sein Gesundheitszustand sich zunehmend verschlechterte, hatten wir sein Bett ins vordere Zimmer gestellt. Er ging auch nicht mehr hinaus, denn er war sehr, sehr schwach. Er lag die ganze Zeit im Bett und aß kaum noch etwas. Ab und zu bat ich ihn, etwas Saft zu trinken. Das war fast alles, was er zu sich nahm: ein wenig Fruchtsaft, mit Wasser verdünnte Milch oder etwas Limonade mit verrührtem Kandiszucker. Es war Anfang Oktober, als Harikeśa Swami nach Vṛndāvana kam. Er brachte dreizehn oder vierzehn Bücher mit, die er Prabhupāda überreichen wollte, und das war damals wirklich eine Menge. Prabhupādas englische Bücher erschienen eines nach dem anderen, und jedes Mal, wenn ein neues Buch vom Drucker kam, waren alle freudig erregt. Prabhupāda selbst öffnete das Buch sofort, bewunderte alles daran – die Bilder, die Bindung, das Papier – und zeigte den neuen Band tagelang seinen Gästen. Als Harikeśa Swami das Zimmer betrat, saß Prabhupāda aufgerichtet im Bett, mit einem Kissen im Rücken. Er fiel ihm schwer, richtig zu sitzen, und er konnte sich nicht einmal ohne Hilfe von einer Seite auf die andere drehen. Harikeśa Mahārāja begann, ihm die Bücher zu zeigen. Zuerst zeigte er ihm die Bilder und erklärte etwas zu jedem Buch, aber schließlich, weil es so viele waren, präsentierte er sie einfach nacheinander und nannte den Titel und die Sprache. Prabhupāda strahlte vor Freude. Er wandte sich an uns und sagte: „Er hat hier vor sich hingetippt, aber dann sagte ich zu ihm: ‚Geh.‘ Er dachte, ich würde ihn herabsetzen. Nein, im Gegenteil.“ Er schaute Harikeśa Mahārāja an und fragte: „Verstehst du jetzt?“ „Ja, ich verstehe, Śrīla Prabhupāda“, antwortete Harikeśa mit erstickter Stimme. Prabhupāda erklärte, dass sein eigener spiritueller Meister, Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura, und alle vorherigen ācāryas mit Harikeśa Swami so zufrieden sein würden. Als er in diesem Ton sprach, kamen Harikeśa Mahārāja die Tränen. Aber Prabhupāda sprach weiter, und je mehr er sprach, desto mehr weinte Harikeśa. Es war ein herzzerreißender Anblick. Prabhupāda legte seine Hand auf Harikeśa Swamis Kopf und streichelte ihn liebevoll, während Harikeśa Mahārāja schluchzte. Diese bewegende Szene ist mir noch heute lebhaft in
Eine Flut von Büchern
Erinnerung, weil ich in diesem Moment erkannte, wie lieb Harikeśa Swami Śrīla Prabhupāda war. Prabhupāda ist nicht nur ein reiner Geweihter Kṛṣṇas; er ist ein sehr enger Gefährte Kṛṣṇas und Śrī Caitanya Mahāprabhus. Und er kann uns Kṛṣṇa geben. Als ich diesen wunderbaren liebevollen Austausch zwischen Prabhupāda und Harikeśa Mahārāja sah, wurde mir klar, dass wir nur eines tun müssen: Śrīla Prabhupāda mit aller Aufrichtigkeit dienen. Wenn wir das tun, werden wir sicher Fortschritt machen, und Kṛṣṇa wird uns benutzen, um wunderbare Dinge zu vollbringen.