WIEDER IN PARIS
ie Bewegung für Kṛṣṇa-Bewusstsein hatte in Frankreich starken Zuwachs bekommen, und die immer größer werdende Gemeinde von Gottgeweihten brauchte mehr Platz. Deswegen war der Tempel vom Pariser Vorort Fontenay-aux-Roses ins Stadtzentrum umgezogen, in ein großes, dreigeschossiges Eckgebäude in der Rue Le Sueur, die in einer prestigeträchtigen Gegend unweit des Arc de Triomphe und der Champs-Élysées liegt. Im August 1973 war Prabhupāda eine Woche lang in dem neuen Tempel zu Besuch und installierte auf Bhagavāns Wunsch marmorne Rādhā-KṛṣṇaMūrtis, denen er den Namen Rādhā-Parisīśvara gab.
MṚDĀṆĪ DEVĪ DĀSĪ: Ich stand nicht weit von Prabhupādas vyāsāsana, als einige seiner Schüler die mūrtis in den Tempelraum gebracht wurden. Sie stellten Rādhā und Kṛṣṇa direkt vor ihn hin, sodass Śrīmatī Rādhārāṇī und Prabhupāda einander gegenüber standen und sich ansahen. Dann trat Prabhupāda plötzlich vor und begann, Rādhārāṇīs Gesicht zu reiben, um einen Flecken zu entfernen. D
AŚOKA-KUMĀRA DĀSa: Ich hatte das Glück, ganz vorne zu stehen, während Prabhupāda die erste ārati darbrachte. Als er im Begriff war, die Kampferlampe zu entzünden, hielt er inne und rief den pūjārī zu sich, denn jemand hatte den Kampfer in den Ghee-Docht eingearbeitet, anstatt ihn oben daraufzustreuen. Prabhupāda wartete, bis jemand Kampfer brachte und einige Kristalle auf den Docht legte. Dann setzte er die Zeremonie fort.
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Während Prabhupāda die ārati darbrachte, war er darauf bedacht, jeden Gegenstand mit Sorgfalt und Hingabe zu opfern. Seine Art, das Taschentuch darzubieten, beeindruckte mich. Er machte mehrere langsame kleine Kreise mit dem Handgelenk, während er das Tuch in einem weiten Kreis im Uhrzeigersinn um die Gestalt des Herrn bewegte.
NIKHILĀNANDA DĀSA: Ich interessierte mich für Fotografie, und Harernāmānanda lieh mir freundlicherweise zwei Kameras und ließ mich ihn in Prabhupādas Zimmer begleiten, um Fotos zu machen. Während Prabhupāda zu Gästen predigte, hatte ich reichlich Gelegenheit, ihn aus verschiedenen Winkeln zu fotografieren. Wenn ich manchmal gerade im Begriff war, den Auslöser zu drücken, hielt Prabhupāda inne und sah mich durchdringend an. Ich war wie gelähmt und daher nicht in der Lage, meinen Finger zu bewegen, um ein Foto zu machen. Die anderen anwesenden Geweithen lachten über meine Schüchternheit. Eines Abends war es sehr spät geworden, und Prabhupādas Diener Śrutakīrti schlug vor, dass wir gehen und Prabhupāda schlafen lassen sollten. Aber Prabhupāda lächelte nur und fragte: „Möchte jemand gehen?“ Wir lachten alle; es war offensichtlich, wie sehr wir die Gesellschaft unseres spirituellen Meisters in einer so vertrauten, entspannten Atmosphäre genossen. Bei einer anderen Gelegenheit saßen wir in seinem Zimmer, während im Erdgeschoss des Tempels ein kīrtana an Tempo und Lautstärke zunahm. Das ganze Gebäude schien zu vibrieren. Einer der Anwesenden fragte, ob er hinuntergehen und den kīrtana abbrechen solle, aber Prabhupāda bemerkte: „Es ist immer eine Freude, kīrtana zu hören.“
Wieder in Paris
KṚṢṆA-KṢETRA SWAMI: Während eines der darśanas in Prabhupādas Zimmer waren mehrere Schüler anwesend und vielleicht auch einige Gäste, aber der Raum war nicht überfüllt. Es war am Nachmittag. Plötzlich kam ein Gottgeweihter mit einem großen Teller Obst herein, offenbar von der VierUhr-Opferung. Prabhupāda wirkte zunächst etwas verärgert über die Unterbrechung, was zeigt, wie sehr er im Predigen vertieft war und wie losgelöst vom Essen. Er nahm ein oder zwei Stücke Obst, gab dann ein Zeichen, dass der Rest verteilt werden sollte, und fuhr mit seiner Predigt fort.
MṚDĀṆĪ DEVĪ DĀSĪ: Damals war die Beziehung zwischen den Geschlechtern in unserer Saṅkīrtana-Gruppe recht entspannt. Wir kamen öfters zusammen und unterhielten uns über saṅkīrtana. Während Prabhupādas Besuch taten wir das zufällig auf der Straße, an der Ecke, direkt unter seinem Balkon. Als er uns bemerkte, schickte er jemanden herunter, der uns aufforderte aufzuhören – das sei māyā: Männer und Frauen, die zusammen saßen und plauderten.
NIKHILĀNANDA DĀSA: Harernāmānanda fragte Prabhupādas Sekretär, ob Prabhupāda uns zwanzig Minuten unter vier Augen gewähren würde, um Fotos zu machen. Zu unserer Überraschung und Freude stimmte er zu. Als wir sein Zimmer betraten, saß er hinter seinem Schreibtisch und chantete leise japa. Dann hörte er auf und nahm tīlaka aus einer kleinen Silberdose und erneuerte das Vaiṣṇava-Zeichen auf seiner Stirn. Während wir Prabhupāda fotografierten, wandte er sich mir zu und fragte, warum ich zwei Kameras hätte. Ich war so überrascht, dass ich ihn einfach nur hilflos ansah, aber Harernāmānanda erklärte schnell, dass eine Kamera für Farbfotos sei und die andere einen Schwarzweißfilm enthalte. Prabhupāda nickte und chantete weiter. Nach einigen Minuten fasste ich mir ein Herz und fragte ihn: „Es heißt, dass jemand, der Kṛṣṇa-Bewusstsein praktiziert, voller Freude wird, aber meine Erfahrung ist, dass ich leide, weil ich immer so viele Fehler mache. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?“ Nach kurzem Schweigen sagte er sanft: „Wenn jemand seine Fehler bereut, dann ist das ein gutes Zeichen.“ Seine Worte klangen bedeutungsvoll, aber ich war mir nicht sicher, ob damit meine
Frage beantwortet war. Aber ich beschloss, es dabei zu belassen und später darüber nachzudenken. Einige Jahre danach stieß ich auf einen Vers im Fünften Canto des Śrīmad-Bhāgavatam, der im Zusammenhang mit der Geschichte von Jaḍa Bharata sagt: „Obwohl Bharata Mahārāja den Körper eines Rehs erhielt, führte seine beständige Reue dazu, dass er sich von allen materiellen Dingen vollständig löste.“ *** Bevor Śrīla Prabhupāda nach Frankreich kam, hatte er sich über einen Monat in England aufgehalten. Er hatte an einem erfolgreichen Ratha-yātrā teilgenommen und mehrere bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens getroffen, darunter einen berühmten Bildhauer sowie George Harrison, den ehemaligen Beatle, der ein Anwesen in der Nähe von London gespendet hatte, das nun in „Bhaktivedanta Manor“ umbenannt worden war. Hansadutta hatte Harernāmānanda gebeten, Prabhupāda auf seiner Europatournee zu begleiten und Fotografien zu machen.
HARERNĀMĀNANDA DĀSA: Während ich Prabhupāda in London, Paris und Stockholm begleitete, hatte ich die Gelegenheit, in vielen Situationen mit ihm zusammen zu sein: bei Morgenspaziergängen, Vorträgen, Zimmergesprächen und öffentlichen Veranstaltungen. Was einen besonders starken Eindruck auf mich machte, war Prabhupādas Fähigkeit, sich schnell und vollkommen auf eine bestimmte Art von Person oder Publikum einzustellen. Mir erschien es geradezu mystisch, wie er fast sofort wusste, in welcher Stimmung sich jemand befand. Bei mehreren Gelegenheiten spürte er gleich zu Beginn, wohin ein Gespräch führen würde, und beantwortete Fragen, noch bevor sie gestellt worden waren. So kam es, dass einige seiner Gäste nach einer Weile ganz von alleine aufhörten zu fragen und nur noch zuhörten. Sie merkten, dass Prabhupāda auf ihrer Wellenlänge war und genau die Probleme ansprach, die sie beschäftigten. Was mich ebenfalls beeindruckte, war die Schlichtheit von Prabhupādas Antworten. Oft waren sie so einfach, dass sie einen verblüfften und man sich fragte: „Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Es ist so klar!“ Ich musste einmal tatsächlich mein Lachen unterdrücken, weil Prabhupādas Antwort so selbstverständlich war.
Wieder in Paris
Eines Nachmittags kamen Donovan, seine Freundin und einige ihrer Freunde, um Prabhupāda zu besuchen. Donovan, ein weiterer berühmter Musiker und guter Freund von George Harrison, wusste ein wenig über Kṛṣṇa-Bewusstsein, aber die anderen, die er mitgebracht hatte, hatten überhaupt keine Ahnung. Als Prabhupāda ihre Fragen beantwortete und grundlegende Konzepte erklärte, wurde Donovans Freundin unruhig. Sie schien Prabhupādas Einfluss zu fürchten. Wahrscheinlich spürte sie die Gefahr, ihren Mann zu verlieren, denn Donovan zeigte echtes Interesse. Er hörte aufmerksam zu und schien Prabhupādas Worte bereitwillig zu akzeptieren. Seine Freundin wurde zunehmend nervöser und versuchte wiederholt, das Gespräch zu beenden. Schließlich gelang es ihr. Obwohl Donovan aufrichtig interessiert war, sah er sich gezwungen, ihrem Wunsch nachzukommen, und entschuldigte sich, nicht länger bleiben zu können. Bei Ratha-yātrā-Festen saß Prabhupāda gewöhnlich auf Subhadrās Wagen, aber diesmal überraschte er alle, indem er den ganzen Weg von Marble Arch zum Trafalgar Square zu Fuß ging. Für mich als Fotografen war das natürlich eine einzigartige Gelegenheit, Fotos zu machen, während er vor Jagannātha, Baladeva und Subhadrā tanzte. Während die Prozession sich fortbewegte, bildeten die Gottgeweihten einen Schutzkreis um Prabhupāda. Ich lief ständig vor ihnen her und drehte mich dann schnell um, um gute Winkel zu erwischen. Prabhupāda spielte karatālas und chantete, und wann immer er zu tanzen begann, gerieten seine Anhänger in Begeisterung. Ab und zu blieb er stehen, hob die Arme und drehte sich nach Jagannātha um. Sein Gesicht drückte nicht das aus, was wir normalerweise als Ekstase beschreiben würden. Seine Augen waren feucht, und er wirkte tief bewegt, fast traurig, als ob er eine intensive Trennung von Kṛṣṇa empfände. Er schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen: den tosenden kīrtana, die springenden Gottgeweihten, die rufenden Polizisten und die staunenden Zuschauer. Prabhupāda war von alledem losgelöst, gelassen, vollständig in Jagannātha versunken. Gleichzeitig aber empfand er Mitgefühl für alle anwesenden Menschen. Im Bhaktivedanta Manor setzte ich mir das Ziel, eine fotografische Studie von Prabhupādas Gesicht zu machen. Er hielt den Morgenvortrag, wo heute der Theatersaal ist. Dieser Teil des Gebäudes liegt nach Norden, und die winzige Glühbirne hoch an der Decke gab nur unzureichende Beleuchtung. An den Gebrauch eines Blitzgeräts war nicht zu denken, denn Prabhupāda hatte sich mehrmals beschwert, dass Fotografen mit ihrem Geblitze seine Vorträge störten. Also wählte ich einen anderen Ansatz. Ich stellte ein Stativ am hinteren Ende des Raumes auf, wechselte von einem Normalobjektiv zu einem Zoom, legte einen hochempfindlichen Film ein und befestigte eine Fernbedienung für Langzeitbelichtungen. Auf diese Weise versuchte ich in den nächsten zwei oder drei Tagen, Prabhupādas Gesicht in seinen vielfältigen Ausdrücken festzuhalten. Eines Morgens schaute ich wieder durch den Sucher und bemerkte zu meiner großen Überraschung, dass alles heller war als sonst. Ein kurzer Blick zur Decke bestätigte, dass die Beleuchtung dieselbe war. Ich fragte mich: „Was ist los? Derselbe Film, dieselben Lichter…“ Ich blickte in Prabhupādas Richtung und sah, dass er strahlte, als ob ein goldener Glanz von ihm ausging. Ich erinnerte mich an einen ähnlichen Vorfall, den einige seiner Schüler aus New York beschrieben hatten. Zwei Polizisten kamen bei einem Morgenspaziergang auf Prabhupāda und seine Anhänger zu. Als sie an der Gruppe vorbeigingen, wandte sich einer von ihnen an den anderen und sagte: „Hast du das gesehen? Der Mann leuchtet!“ Jetzt machte ich im Bhaktivedanta Manor eine ähnliche Erfahrung. Ich glaube, dass dieser Glanz, der manchmal als Heiligenschein auf alten religiösen Gemälden dargestellt wird, ein Merkmal heiliger Personen ist, großer Seelen, die wie transparente Medien sind und bisweilen auf diese Weise ihren Funken spiritueller Energie und ihre göttliche Liebe sichtbar werden lassen.